„Nubbel“ und Co: Karnevalsbräuche sollen nicht vergessen werden

Von: Annika Kasties
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Düstere Aussichten: Noch wird der Nubbel auf verschiedenen Karnevalssitzungen ausgestellt (linkes Bild), doch bald wird es ihm ebenso ergehen wie seinem Vorgänger vom vergangenen Jahr. Foto: Löschgruppe Birkesdorf/Pierre Smeyers
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Düstere Aussichten: Noch wird der Nubbel auf verschiedenen Karnevalssitzungen ausgestellt (linkes Bild), doch bald wird es ihm ebenso ergehen wie seinem Vorgänger vom vergangenen Jahr. Foto: Löschgruppe Birkesdorf/Pierre Smeyers
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Ein Kenner des traditionellen Karnevals: Rolf-Peter Hohn legt Wert auf die alten Bräuche der Region. Foto: Annika Kasties

Birkesdorf/Düren. Eines steht zweifelsohne fest, den „Nubbel“ hat es schwer getroffen. Abend für Abend muss er bei Karnevalssitzungen ausharren. Trist und sprachlos sitzt er da und beobachtet das wilde Treiben – und all das nur, um am Ende der Feierei für jegliche Schandtaten der Karnevalstage verantwortlich gemacht zu werden und sein tragisches Ende im Feuer zu finden.

Es ist ein jahrhundertealter Brauch, der außerhalb von Köln zunehmend in Vergessenheit zu geraten droht. Der „Nubbel“ – eine angekleidete mannsgroße Puppe – ist der Sündenbock des rheinischen Karnevals. Der Tradition nach wird die fiktive Figur in der heißen Phase der jecken Tage in Kneipen und Karnevalssitzungen ausgestellt. Dort nimmt er die Sünden der Gäste auf, für die er zum Abschluss der Session bei der „Nubbelverbrennung“ gerade stehen muss. Dem Volksglauben nach werden mit dem „Nubbel“ auch all jene Sünden und Verfehlungen getilgt, die in der Karnevalszeit begangen wurden. Auch in Birkesdorf gehörte der Brauch lange Zeit dazu. Doch knapp zehn Jahre lang blieb der „Nubbel“ und seine Verbrennung aus, wie viele andere Bräuche auch, die vor Jahrzehnten noch zum Standardrepertoire des Karnevals gehörten.

Die Löschgruppe Birkesdorf der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Düren wollte sich damit nicht abfinden. Sie hat den Brauch vor zwei Jahren aus der drohenden Versenkung hervorgeholt. „Die ‚Nubbelverbrennung‘ ist ein schöner alter Brauch, der leider lange von der jüngeren Generation im Dorf nicht mehr durchgeführt wurde“, sagt Marco Schmitz von der Löschgruppe Birkesdorf. Nun locken die Brandschützer immer mehr Schaulustige zur „Nubbelverbrennung“ am Karnevalsdienstag. 100 bis 150 Jecken seien vergangenes Jahr dabei gewesen.

Das Beispiel zeigt: Auch ein so traditionelles Fest wie der Karneval unterliegt dem Wandel. Einer, der sich mit diesen Veränderungen auskennt wie kaum ein anderer, ist Rolf-Peter Hohn. Der 67-Jährige lebt und liebt den Karneval seit er sich als kleiner Junge seinen karnevalsbegeisterten Eltern an die Fersen klemmte. Spätestens als er mit zehn Jahren erstmals in die Bütt ging, war es um ihn geschehen. „Der Karneval ist Teil meiner Identität“, sagt er. 40 Jahre war Hohn im geschäftsführenden Präsidium des Regionalverbandes Düren (RvD) im Bund Deutscher Karneval (BDK) tätig, davon hatte er 22 Jahre die Position des Präsidenten inne. Die Spitze des Regionalverbandes hat er längst hinter sich gelassen, dem Karneval bleibt er in seiner Funktion als Vizepräsident im Bund Deutscher Karneval treu.

Hohn hat nicht nur Umzugswagen und Ordensträger kommen und gehen sehen, sondern auch viele Bräuche, die über die Jahre in Vergessenheit geraten sind. Einige wenige halten sich im Kreis Düren auch nach Jahrhunderten hartnäckig. Ihre Zukunft hingegen ist ungewiss. Einige Beispiele:

Der „Eazebär“: Vor vielen Jahren war der „Eazebär“ in der Region weit verbreitet, heute ist er nur noch vereinzelt zu finden, zum Beispiel in Derichsweiler, Hoven und Pier. Der Begriff ist ein Zusammenschluss aus den Wörtern „Erbse“ und „Bär“, wobei die Erbse die Fruchtbarkeit des Frühlings symbolisiert und der Bär die Grimmigkeit des Winters. Dem Brauch nach wickeln sich Männer am Veilchendienstag in Stroh (früher Erbsenstroh) und laufen – mitunter von sogenannten „Bärentreibern“ angespornt – durchs Dorf. Das Stroh wird anschließend zeremoniell verbrannt, und mit ihm symbolisch der kalte Winter.

Der „Rommelspott“: Ein tönerner Topf überspannt mit einer getrockneten Schweinsblase, in der Mitte von einem Stöckchen durchlöchert – diese Apparatur gehörte zu Rolf-Peter Hohns Kindheit wie das Alaaf zum rheinischen Karneval. Der sogenannte „Rommelspott“ gab beim Drehen des Stöckchens knurrende Töne von sich. Die Kinder gingen damit im Ort von Haus und Haus, sangen den Bewohnern ihre Lieder vor und sammelten auf diesem Wege so viele Süßigkeiten wie in ihre Taschen passten. In der Eifel sei dieser Brauch vereinzelt noch verbreitet, sagt Hohn, im Kreis Düren sei er aber ausgestorben.

Der „Lazarus Strohmanus“: Der „Lazarus Strohmanus“ ähnelt dem „Nubbels“. Der Brauch gehört seit mehr als 300 Jahren zum Jülicher Karneval. Die Jecken tragen am Veilchendienstag den „Lazarus“, eine blau-weiß bekleidete Strohpuppe, durch die Stadt und werfen ihn an zentralen Orten mit einem Sprungtuch in die Luft. Nach Einbruch der Dunkelheit wird ihm der Garaus gemacht und er wird in die Rur geworfen.

Rolf-Peter Hohn faszinieren nicht nur die Bräuche, die in seiner Heimat Düren verbreitet sind. Auch fernab der Kreisgrenzen gebe es Traditionen im Karneval, die sich mitunter seit Jahrhunderten halten.

Der Geisterzug: Der Blankenheimer Geisterzug ist seit 1613 urkundlich erwähnt. Die Einwohner laufen als Geister verkleidet und mit Fackeln in der Hand durch die abgedunkelte Stadt und vertreiben singend und kreischend die Geister des Winters.

Wenn Hohn über jene Bräuche spricht, die in seiner Kindheit einfach zum Karneval dazugehörten, schwingt ein Hauch Wehmut mit. „Ich bedauere sehr, dass es den ‚Eazebär‘ und den ‚Nubbel‘ hier kaum noch gibt“, betont er. Der Karneval habe sich in weiten Teilen verändert, der Eventcharakter nehme zu und das Brauchtum bleibe auf der Strecke. „Bedingt durch die wirtschaftliche Situation war der Karneval früher bescheidener“, berichtet Hohn. Während in seiner Jugend Veranstaltungen fast ausschließlich mit eigenen Kräften gestemmt worden seien, legten die Vereine heute zunehmend Wert darauf, Profis aus Köln und Umgebung zu engagieren. Um der „früher war alles besser“-Nische zu entgehen, fügt er hinzu: „Das ist natürlich immer noch Karneval, aber es ist anders.“

Damit nicht alles anders wird, setze sich der BDK zunehmend dafür ein, dass traditionelle Bräuche wieder Einzug in den Karneval erlangen. So gehört der Bezug zum heimatlichen Brauchgeschehen nach Meinung des Dürener Karnevalisten auch in die Schule. „Wir arbeiten daran, dass bestimmte Dinge erhalten bleiben und der Karneval nicht in Kommerz ausartet.“ Der Einsatz der Brandschützer in Birkesdorf den „Nubbel“ wieder zu verbrennen, sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

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