NS-Zeit: Das bewegende Schicksal von Helga Leiser

Von: sj
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Karl-Josef Nolden (links) und Klaus Schnitzler stellten das 18. Buch des Geschichtsvereins Drove-Boich-Thum vor. Foto: Stephan Johnen

Drove. „Es ist ein furchtbares Gefühl, ich lebe hier wie im Schlaraffenland. Wann kommt ihr endlich nach?“, schreibt die 14-jährige Helga Leiser aus England 1939 vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ihren in Drove lebenden Eltern.

Das Mädchen ist eines von etwa 10.000 jüdischen Kindern, die in den Monaten nach dem Novemberpogrom 1938 das Deutsche Reich mit einem sogenannten Kindertransport verlassen konnten – meist in Richtung England.

Das internationale Rote Kreuz hatte diese humanitäre Hilfe organisiert. Fernab der Heimat hofft Helga Leiser, dass ihre Familie nachkommt. „Habe Geduld, Gott hilft“, antworten die Eltern, die ihre wachsende Verzweiflung vor der Tochter zu verbergen suchen. Ein Wiedersehen gibt es nicht: Isidor und Billa Leiser werden von den Nationalsozialisten in das Ghetto Izbica deportiert und schließlich ermordet.

„Helga Leiser hat den Holocaust überlebt. Das Geschehene hat sie jedoch nie überwunden“, sagt Karl-Josef Nolden vom Geschichtsverein Drove-Boich-Thum. Das Schicksal von Helga Leiser aus Drove ist eines von vielen – anhand von mehr als 300 bewegenden Briefen ist es jedoch außergewöhnlich gut dokumentiert. Unter dem Titel „Kindertransporte“ haben Karl-Josef Nolden und Klaus Schnitzler die Briefe aus dem Nachlass Helga Leisers editiert. Es ist das 18. Buch, das der Geschichtsverein herausgegeben hat.

In Heimen oder Gastfamilien

„Ohne ihre Eltern, aufgenommen in Heimen oder Gastfamilien, mussten die Kinder in einem fremden Land mit einer fremden Sprache zurechtkommen“, sagt Verleger Bernd Hahne. Auch aus der Dürener Region sind damals jüdische Kinder mit solchen Transporten gerettet worden. Die meisten von ihnen waren die einzigen Überlebenden ihrer Familien.

„Dieser Aspekt der lokalen Geschichte ist noch überhaupt nicht erforscht“, nennt Bernd Hahne es „einen Glücksfall“, dass dem Geschichtsverein Drove-Boich-Thum ein Konvolut von Briefen aus den Jahren 1939 bis 1942 übergeben wurde. Im Rahmen seiner Recherchen zum Buch „Far away from Wüselen“ stieß Lokalhistoriker Stefan Kahlen auf eine Nichte Helga Leisers in den USA, mit der die in die USA emigrierte Helga bis zu ihrem Tod 2011 in regem Kontakt stand. Kahlen vermittelte den Kontakt nach Drove.

„Die Briefe sind bewegend – und oft zum Weinen. Sie zeugen von Sehnsucht und Sorgen auf beiden Seiten und der Hoffnung, dass doch alles gut wird“, sagt Klaus Schnitzler. Zweimal die Woche haben sich Eltern und Tochter anfangs geschrieben. „Als der Krieg anfing, wurde es schwieriger“, erklärt Schnitzler.

Die Verwandten in Drove versuchen, so viele Informationen wie möglich aus der Heimat zu übermitteln, sprechen von Hochzeiten, Geburten und Todesfällen – und verwenden doch keine vollständigen Namen, um angesichts einer drohenden Zensur der Briefe keine Menschen in Gefahr zu bringen.

Eine direkte Verbindung gibt es auch nicht mehr. „Der Briefverkehr geht zunächst über Verwandte und Bekannte in neutralen Ländern“, berichtet Klaus Schnitzler. Oft werden Tarnnamen verwendet. Noch aus dem Konzentrationslager versuchen die Eltern, ihre Tochter zu beruhigen. Eine letzte Postkarte schickt die Familie am 16. August 1942 ab. „Meine Lieben! Wir sind gesund, es geht uns gut. Innigsten Dank für die Postsendungen.“

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