Nobelpreisträgerin Herta Müller liest im Haus der Stadt

Von: smb
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Vor ihrer Lesung im Haus der Stadt trug die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Foto: Berners

Düren. „Ich bin begeistert von dieser Art der Gedichte. Sie sind für mich bildende Kunst. Sie sind Collagen und sie sind Lyrik.“ Mit diesen Worten kündigte Gerhard Quitmann vom Kunstförderverein des Kreises Düren eine besondere Lesung im Haus der Stadt an.

Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller war am Sonntag nach Düren gekommen, um ihr Buch „Vater telefoniert mit den Fliegen“ vorzustellen. Aber es war mehr als eine Lesung im Haus der Stadt. Ernest Wichner, Leiter des Berliner Literaturhauses, führte ein interessantes Gespräch mit der Autorin, in dem auch deren Lebensgeschichte und deren Werdegang deutlich wurden.

„Ich glaube, das Schreiben hat mich erwischt, weil mir nichts anderes übrigblieb“, hat Herta Müller einmal gesagt. Im Haus der Stadt erläuterte sie, wie es zu diesem Satz kam. Herta Müller sprach von ihrer Zeit in Rumänien, wo sie 1953 geboren wurde. Sie verdeutlichte, wie sie als Übersetzerin in einer Fabrik unter dem Geheimdienst gelitten hat. Sie sprach über Morddrohungen und Suizidgedanken. „Aber dann hätte ich die Drecksarbeit ja erledigt“, sagte Müller. „Wenn man attackiert wird, kann man sich wehren“, sagte sie. „Aber wenn man verleumdet wird, ist man machtlos.“ Sie sei sich ihres Lebens nicht mehr sicher gewesen, sei stets überwacht worden. „Dann fing ich an zu schreiben“, erklärte sie. Das hatte sie zuletzt als Jugendliche getan.

Und schlussendlich kam sie so nicht nur zu ihrer preisgekrönten Arbeit, sondern auch zur „Schnipselpoesie“, zu ihren Gedicht-Collagen, die oftmals biografische Elemente enthält. „Wenn ich im Urlaub war, wollte ich keine normalen Ansichtskarten schreiben“, erzählte Herta Müller. Also entschloss sie sich, Wörter aus Zeitungen und Zeitschriften auszuschneiden und aufzukleben. „Irgendwann wurde daraus eine Art, zu schreiben“, schilderte Herta Müller. Sie sammelte schöne Worte und Bilder, „bis sie alle verstaubt waren und ich sie wegwerfen musste“. Dann kaufte sie kleine Metallschränkchen und begann, die Worte alphabetisch zu sortieren. Die Wohnung wurde zur Werkstatt mit Karteikarten, Schere und Kleber. „Vor dem Schreiben von Prosa habe ich immer Angst. Es fordert mich so sehr, dass ich Angst habe, nicht durchzuhalten“, erklärte Müller. Die Collagen hätten einen anderen Rhythmus, würden eher fertig. „Ich weiß, die Worte sind da. Ich werde etwas finden.“ Außerdem könne bei den kurzen Texten nicht so viel misslingen. Und wenn es misslinge, sei es nicht so tragisch. Für die Nobelpreisträgerin sind die Gedicht-Collagen eine sinnliche Erfahrung, Handwerk. Bei der Gelegenheit erzählte sie aus ihrer Vergangenheit, erzählte, dass sie einst Friseurin werden wollte und häufig bei ihrer Tante in der Schneiderei zu Gast war: „Ich kann bis heute schöne Knopflöcher nähen.“

Zurück zur Poesie: „Wenn ich die Wörter aufgeklebt habe, dann kann ich nichts mehr verändern, und wenn die Karteikarte voll ist, dann ist sie voll“, schilderte Müller. Übrig bleiben weitere „schöne Wörter“ oder kleine Bilder, die auf der Suche nach einem Text seien. Und so beginnt die nächste Collage. „Es entsteht ein Sog“, beschrieb es die Autorin, die immer weiter Wörter sammelt. „Auch in Werbeprospekten sind wunderschöne Wörter enthalten“, betonte Müller. Großartige Spracherfindungen gebe es dort. Außerdem nutzt sie gerne technisches Vokabular, dass sie sich schon zu ihrer Zeit in der rumänischen Fabrik in Hefte geschrieben habe. Nur, wenn sie einen Roman schreibe, dann vergesse sie die Collagen. „Dann muss ich wieder aufs Neue Lernen, damit umzugehen. Manchmal habe ich den Eindruck, die Wörter seien beleidigt.“

Für Gerhard Quitmann war es bereichernd, auf die Schönheit der Wörter gestoßen zu werden. „Wir sollten mehr auf die Schönheiten unserer Sprache achten“, sagte er zum Abschluss.

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