Nideggen - Nideggen für eine Nacht, aber Delmenhorst für immer

Nideggen für eine Nacht, aber Delmenhorst für immer

Von: Stephan Vallata
Letzte Aktualisierung:
crime3sp
„Es gibt nicht viel zu sagen”, sagt Sven Regener, Sänger von „Element of Crime”. Deshalb greift er manchmal lieber zur Trompete. Am Donnerstag trat die Band auf Burg Nideggen auf. Foto: Johnen

Nideggen. „Delmenhorst!” Keine fünf Minuten dauert es, bis der erste Schreihals das Wort ergreift. „Delmenhorst!” Als hätten „Element of Crime” den Widrigkeiten der Welt nicht noch ein paar andere Lieder abgetrotzt, die es wert wären, den bestirnten Himmel über der Burg zu elektrisieren.

„Delmenhorst!” Immer wieder Delmenhorst. Das ist diese Stadt westlich von Bremen, in der massenkompatible Popsternchen wie Sarah Connor das Licht der Welt erblicken. Delmenhorst ist aber auch die Stadt, der „Element of Crime” ob ihrer hübsch-hässlichen Verlebtheit ein musikalisches Denkmal gesetzt haben und damit ihren einzigen Singlehit landeten. Die Band liefert vieles, aber ganz bestimmt keine Konsumware für die Massen.

„Guten Abend, wir sind Element of Crime und spielen jetzt noch ein Lied.” Sven Regener steht beinahe kerzengerade im Halbrund der Bühne, reckt sich ganz nah dem Mikrofon entgegen, bis seine Lippen es fast berühren. Seine Finger spielen derweil stoisch und flink Akkorde auf der umgeschnallten Gitarre, so als wären sie vom Rest des Körpers abgekoppelt. Der Sänger neigt nicht zur großen Geste. Nur manchmal und mit der notwendigen ironischen Brechung hebt er beide Arme in die Höhe, um „Romantik” in die Menge auf dem Burgberg zu rufen. Ein Vorschlag? Eine Feststellung? Ein Scherz? Wer weiß. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

„Viele Leute fragen: Warum sagt ihr immer nichts”, sagt Regener und antwortet: „Es gibt nicht viel zu sagen.” Außerdem sei man arrogant genug, zu schweigen. Regener lächelt. Die Band spielt viele Stücke aus ihrem aktuellen Album „Immer da wo du bist bin ich nie”, die im über Jahrzehnte kultivierten, komisch-tragischen Crime-Kosmos wabern zwischen süßer Melancholie, trotziger Revolte und gelassener Einsicht in das Unvermeidliche. Oft geht es um die Liebe, natürlich um die unerfüllte, denn alles andere wäre die Mühe kaum wert. Ein bisschen romantisch wird es tatsächlich, als Regener die skurril-verträumte Liebeserklärung „Am Ende denk´ ich immer nur an Dich” raunt und später den Melodie gewordenen Wunsch „Bitte bleib´ bei mir”. Aber die Band kann auch anders: Etwa wenn sie rotzig „Death kills” schmettert und gleich darauf die erschreckend mitleidlose Verliererballade „You´ve fucked up your life” - dazu der Fingerzeig von Regener ins Publikum.

„Wo die Neurosen blühen”

Der Mann scheint eine ganze Menge zu wissen über die Abgründe, die sich im Normalbürger auftun. „Wo die Neurosen wuchern, will ich Landschaftsgärtner sein”, singt er. Da weiß man bescheid. Die erste Zugabe kommt schon nach 80 Minuten: „Weißes Papier”. Und danach dann endlich „Delmenhorst”, wo die Straße der Verdammten Bremer Straße heißt. Damit auch der letzte Schreihals zufrieden ist.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert