Nicht immer ist ein Kind wirklich in Gefahr

Von: Carsten Rose
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Die Anzahl von Hinweisen auf Kindeswohlgefährdungen in Düren steige dank besserer Sensibilisierung, sagt das Jugendamt. Foto: dpa
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Im Dienst des Dürener Jugendamtes: Jennifer Vetter, Abteilungsleiterin der Sozialen Dienste, und Leiter Ansgar Kieven. Foto: C. Rose

Düren. Der Flur in der 5. Etage des städtischen City-Karrees ist schmal, modern, mit hellen Wänden. Für farbliche Akzente sorgen Bilderrahmen mit Kampagnen-Slogans: „Die Wenn-man-nicht-mehr-weiter-weiß-Unterstützer“ oder „Die Bevor-es-zu-spät-ist-Kümmerer“ – willkommen beim Jugendamt.

Hinter den werbenden Synonymen für die städtische Behörde steckt Realität, wenn man nach der jährlichen Statistik zur Kindeswohlgefährdung fragt und die Zahlen analysiert.

„Höchst selten“ müsse das Amt Kinder aus Familien holen, hält Jennifer Vetter fest, sie ist die Abteilungsleiterin der Sozialen Dienste (SD). „Wir bieten zuallererst Dienstleistungen“, sagt Ansgar Kieven. „Als Allerletztes sind wir eine Eingreifbehörde.“ Man könne von einem Verhältnis 90 Prozent Dienstleistung und 10 Prozent sogenannter eingreifender Maßnahmen ausgehen, sagt Kieven, der das Jugendamt seit vier Jahren leitet.

In diesem Jahr (Stand 11. November) gingen bei der sogenannten Tagesbereitschaft Kinderschutz des Jugendamtes 251 Meldungen über mutmaßlich gefährdete Kinder ein. Das heißt, dass Nachbarn, Lehrer, Ärzte oder andere den Verdacht geäußert haben, ein Kind würde derart schlecht behandelt oder vernachlässigt, dass das Jugendamt eingreifen müsse. Im Behördendeutsch gelten diese Meldungen als „latente Gefährdungen“. Dann gehen jeweils zwei SD-Mitarbeiter – insgesamt sind es 18 – auf Hausbesuch. Bei 112 der 251 Besuche lag indes keine „akute“ Gefährdung vor, wie Jennifer Vetter erklärt. „Im Umkehrschluss heißt es jedoch nicht, dass die Meldungen völlig unbegründet waren. Wir mussten nur nicht umgehend zum Schutz der Kinder tätig werden.“

Manchmal würden gezielte Falschmeldungen, beispielsweise wegen Nachbarschaftsstreitigkeiten oder anderen Konflikten, vorliegen. In den meisten anderen Fällen sei aber eine (teils längere) Erziehungsberatung der Eltern ausreichend. Die Kooperationsbereitschaft sei hoch, sagt Ansgar Kieven, „und das ist auch unser größtes Anliegen: Es geht nur gemeinsam.“ Wenn sich Eltern gegenüber dem Jugendamt nicht einseitig zeigen, entscheidet das Familiengericht, das binnen 24 Stunden eingeschaltet wird, mit den Eltern über die Perspektive des Kindes.

Im vergangenen Jahr lagen dem Amt 170 Meldungen vor, bei denen in 127 Fällen kein Hinweis auf eine akute Gefährdung vorlag. Auch hier sollte man keinen falschen Umkehrschluss ziehen: Die Statistik sagt nicht aus, dass 2016 mehr Kinder vernachlässigt oder schlecht behandelt wurden, sondern nur, dass mehr vermeintliche Verstöße gemeldet worden sind. Das Jugendamt steht in ständigem Austausch mit Kindergärten oder Schulen, um etwa durch Vorträge zu sensibilisieren.

21 Inobhutnahmen in 2016

Handelt es sich um eine akute Gefährdung des Kindes durch (schwere) körperliche Misshandlungen oder eine extreme Verwahrlosung, wird es vorübergehend aus der Familie herausgeholt. 2015 waren davon 23 Kinder betroffen. Für eine jeweils unterschiedliche Dauer kamen sie in Pflegefamilien („Inobhutnahme“). 2016 waren es bislang 21, das sind acht Prozent der Meldungen – aktuell ist kein Kind mehr von dieser „ultima ratio“ betroffen. „Manchmal handelt es sich nur um einen Tag“, sagt Jennifer Vetter, denn oft würden schnell innerfamiliäre Lösungen gefunden: zum Beispiel die Oma, die das Kind aufnimmt.

Selbst wenn die meisten Fälle glimpflich ausgingen, gebe es auch die extremen, die oft die Krankenhäuser meldeten, sagt Vetter: ein Kleinkind, das durch Misshandlungen ein Bein gebrochen hatte oder das Neugeborene einer Drogenabhängigen, das mit Morphium behandelt werden musste. „Die Fälle mit schweren körperlichen Misshandlungen liegen im Jahr unter zehn“, sagt Vetter.

Nicht in die Statistik fallen die unbegleiteten Ausländer (UMA), die auch vom Jugendamt betreut werden. 2016 wurden bislang 61 betreut, derzeit sind 49 in Obhut.

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