Neues Buch: Dürener Persönlichkeiten erzählen aus ihrem Leben

Von: Sarah Maria Berners
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Kreis Düren. „Und es gab Leute, die verlangten, dass ich bei der Fronleichnamsprozession mein Schaufenster zuhängen sollte, damit die Gläubigen von dem Anblick der Dessous nicht abgelenkt würden“, erzählt Renate Jezewski. Denn ihr Geschäft lag gleich neben der Annakirche, und die Prozession zog nunmal sofort an den Miederwaren vorbei. „Damals waren die Menschen noch nicht so frei und offen wie heute.“

Dieses Episödchen ist nur eines von vielen, die in dem Buch „Aus bewegten Zeiten. Dürener Persönlichkeiten erzählen“ zusammengetragen sind. Im Rahmen eines Projektes im Kreis Düren haben Gaby Braun und Ingrid Nothhelfer mit ihren Mitstreiterinnen 20 Menschen aus dem Kreis Düren ihre Lebensgeschichten erzählen lassen. Die jüngste Erzählerin ist fast 70 Jahre alt, die älteste wird in einem halben Jahr 100.

Klischees brechen

Einige Geschichten haben die ehrenamtlich arbeitenden Frauen aufgeschrieben und nun in einem Buch zusammengefasst. „Viele schriftlich festgehaltene Erzählungen älterer Menschen beziehen sich ausschließlich auf den Krieg und das damit verbundene Leid. Wir wollten, dass darüber hinaus auch Erinnerungen an fröhliche Zeiten und alltägliche Begebenheiten festgehalten werden“, erklärt Ingrid Nothhelfer die Intention. „Denn auch vor fast 100 Jahren war das Leben bunt, vielfältig und aufregend“, schreiben die beiden Herausgeberinnen in ihrem Vorwort.

Die Geschichten brechen mit so manchem Klischee, und an vielen Stellen werden die Leser sicher an eigene Erlebnisse erinnert. Es sind Geschichten von Höhen und Tiefen, Freud und Leid und von den vermeintlichen Kleinigkeiten, die das Leben lebenswert machen. Sie sind eng verbunden mit der Geschichte des Landes. Es gibt lustige Passagen und solche, die nachdenklich stimmen.

Marietheres Coenen erzählt zum Beispiel davon, wie ihr Großvater im Sommer Blechbüchsen in den Kirchbaum hängte und eine Schnur zur Toilette spannte – und immer, wenn jemand die Spülung betätigte, wurden die Vögel aus den Bäumen vertrieben. Aber sie erzählt auch von Gewalt in der Ehe und ihrer Scheidung und darüber, wie tabu diese Themen damals noch waren.

„De Puppelappekripp“

Marietheres Coenen erinnert aber auch an die Zeiten, in denen ihre Familie Zuckerrübenschnaps brannte und auf dem Schwarzmarkt Öl aus Mohn und Bucheckern versetzte. „Maggeln nannten wir das.“

Mit Hildegard Engels erzählt eine Ur-Dürenerin aus ihrem Leben, das 1933 begann. Hildegard Engels erzählt über ihre Kindheit an der Hohenzollernstraße, über die Schneiderei in der Blindenschule, wo Weihnachten immer „de Puppelappekripp“ stand, und von Ausflügen nach Köln, wo sie zum ersten Mal eine Frau hat rauchen sehen. Hildegard Engels erinnert sich aber auch noch gut daran, wie ihre Mutter ihr Lebensmittel dicht um den Körper band, die sie dann zur Gerstenmühle, der „Sammelstellen für Juden“ brachte. Und sie erzählt, wie ihre Eltern französische Kriegsgefangene auf dem Speicher versteckten, versorgten und nachts mit Proviant in die Eifel begleiteten.

Auch die Geschichte von Charlotte Tischbein ( 1898, + 1981) wird in dem Buch erzählt. Ihre Tochter hat dafür Aufzeichnungen der Mutter bereitgestellt. In denen erzählt Charlotte Tischbein unter anderem vom „wirtschaftlich schlimmen Jahr“ 1923: „Das Geld verlor fast täglich an Wert. Man bekam zuerst wöchentlich, dann sogar täglich, sein Gehalt ausgezahlt und das musste dann auf schnellstem Wege in Lebensmittel umgesetzt werden.“ Zu diesem Zwecke durften die Angestellten, Charlotte Tischbein war damals Stenotypistin bei einer Im- und Export-Firma in Hamburg, eine halbe Stunde früher Feierabend machen. Ihre Lebensgeschichte ist sehr bewegt und führt unter anderem über China und den Irak nach Düren.

Landrat Wolfgang Spelthahn durfte am Mittwochabend schonmal ein Blick in das Buch werfen. Und der Fußballfan fand es so interessant, dass er sich – statt mit voller Aufmerksamkeit das Länderspiel zu verfolgen – lieber weiter der Lektüre widmete. Das Buch ist im Handel für 14,90 Euro erhältlich. Es erscheint im Verlag Hahne & Schloemer.

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