Düren - Neue Perspektiven nach dem Tiefschlag

Neue Perspektiven nach dem Tiefschlag

Von: Stephan Johnen
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Zogen Bilanz:
Sind mit der Bilanz der Transfergesellschaft für die 168 entlassenen Tedrive-Mitarbeiter zufrieden: die Projektleiter Marlies Janhsen und Hans Bernd Schiff (rechts) sowie Low-tec-Geschäftsführer Josef Macherey. Foto: Johnen

Düren. Leere Seiten in den Auftragsbüchern, Kurzarbeit in vielen Betrieben. Die Rahmenbedingungen waren denkbar ungünstig, als mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise die sogenannte „Transfergesellschaft Tedrive Germany” im Mai 2009 die Arbeit aufnahm, um 168 ehemalige Mitarbeiter des Automobilzulieferers Tedrive (heute Neapco) zu qualifizieren, schulen und auf den Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Diese hatten ihren Arbeitsplatz infolge der Insolvenz des Unternehmens verloren. Träger der Maßnahme war die Low-tec Transfergesellschaft. Am Donnerstag nun zogen die Projektleiter Bilanz. Aus Sicht der Transfergesellschaft eine positive Bilanz: Rund zwei Drittel der ehemaligen Tedrive-Mitarbeiter gelten als versorgt: Sie haben entweder einen neuen Arbeitsplatz gefunden, sind in Rente gegangen oder bereiten diese vor.

Die exakte Statistik sieht so aus: 59 Arbeitnehmer haben einen neuen Arbeitsvertrag unterzeichnet. Fünf beginnen eine Umschulung, nehmen ein Studium auf oder starten eine Ausbildung. Acht bereiten die Selbstständigkeit vor, fünf sind in Rente gegangen, weitere 28 bereiten die Rente vor. Vier Personen sind in Bewerbungsverfahren, und drei Ex-Tedrive-Mitarbeiter gaben an, nicht mehr arbeiten gehen zu müssen.

„Wir haben es nicht ganz einfach gehabt”, blickten die Projektleiter Hans Bernd Schiff und Marlies Janhsen am Donnerstag zurück. Das Durchschnittsalter in der Transfergesellschaft lag bei 47 Jahren, nur 25 Personen waren jünger als 25 Jahre. Die Betriebszugehörigkeit betrug durchschnittlich 19,2 Jahre. 42 Angestellte hatten eine Migrationsgeschichte, verfügten nach Auskunft von Schiff über keine Ausbildung oder eine Ausbildung, die in Deutschland nicht anerkannt wird.

Aus diesem Grund wurde ein türkischer Berater in das Projekt eingebunden. Auch eine eingeschränkte Mobilität vieler Menschen - manche hatten keinen Führerschein oder haben niemals außerhalb der Stadt gearbeitet - hätte die Vermittlung nicht erleichtert. „Oft herrschten auch unrealistische Lohnvorstellungen”, berichtet Schiff. Oder anders formuliert: „Wenn ein ungelernter Arbeiter nach fast zwei Jahren Tätigkeit in einem Betrieb eine neue Stelle sucht, herrscht eine gewisse Diskrepanz bei den Löhnen”, erklärte Low-tec-Geschäftsführer Josef Macherey.

Ebenfalls eine Schwierigkeit bei der Vermittlung: Ein hoher Anteil der Arbeitnehmer waren Schwerbehinderte. „Die Integration im Arbeitsmarkt bereitet besondere Probleme”, musste Hand Bernd Schiff bilanzieren. Bei Firmen habe eher Zurückhaltung bei der Einstellungsbereitschaft geherrscht.

Konnten Ingenieure und Techniker recht zügig vermittelt werden, versuchte die Transfergesellschaft mit Qualifizierungen und Schulungen, die Arbeitnehmer fit für den Arbeitsmarkt zu machen. So wurden insgesamt 200 Qualifizierungsmaßnahmen ausgeführt: von der Ausbildung zum Kraftfahrer über Sprachkurse, EDV-Kurse, kaufmännische Qualifizierungen und Hausmeisterweiterbildungen. Die Gesellschaft betreute und vermittelte 38 Praktika, von denen zehn direkt zu einer Arbeitsaufnahme führten. Schiff: „Bei einem Praktikum erlangen sie praktisches Wissen, das sie über eine Qualifizierung nicht bekommen.”

Die Gesellschaft bot auch Schulungen zum Bewerbungsschreiben an oder Einzeltrainings. Mancher Mitarbeiter von Tedrive habe schon seit Ford-Zeiten im Werk gearbeitet - und sich noch nie auf eine andere Stelle beworben. Vor allen anderen Maßnahmen habe jedoch „ein Stück Trauerarbeit” angestanden. Schließlich hätten viele Menschen ihren Job verloren, den sie seit Jahrzehnten ausübten - und damit auch ein Stück Halt verloren.

„Da sind Welten zusammengebrochen”, blickte Josef Macherey zurück. Ohne eine Stabilisierung der Lebens- und Gefühlswelt dieser Betroffenen „wäre es in die Hose gegangen, hätte die weitere Arbeit nur schwer Erfolg bringen können”, sagte Macherey. Der Verlust eines Arbeitsplatzes sei nunmal nicht nur eine finanzielle Angelegenheit. Auch die Psyche leide darunter - zum Teil erheblich.

Ist dies nun ein zufriedenstellendes Ergebnis? Paul Zimmermann von der IG Metall und Neapco-Betriebsrat Peter Nießen von der IG Metall sagen: Ja. „Was wären die Alternativen gewesen?”, fragte Zimmermann. Angesichts der ohnehin „schwierigen Lage” auf dem Arbeitsmarkt der damaligen Zeit „hätten die Erfolgsaussichten ohne Transfergesellschaft deutlich schlechter ausgesehen”.

Peter Nießen ist wichtig, dass kein Mitarbeiter über den „Umweg der Leiharbeit” wieder zurück in den Betrieb gekommen sei. Generell sei der Anteil der abgeschlossenen Zeitarbeitsverträge gering, betont Projektleiter Hans Bernd Schiff. Das im Jahr 2010 deutlich anziehende Wirtschaftswachstum habe die Stellenakquise spürbar erleichtert. „Die Menschen haben eine Perspektive”, findet er.

Und wie sieht die Perspektive der 56 ehemaligen Tedrive-Mitarbeiter aus, die bislang keinen neuen Job haben oder in (Früh-)Rente gegangen sind? „Soweit wir wissen, haben einige vielversprechende Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern”, sagt Schiff. Es bleibt also zu hoffen, dass die Wirtschaft weiter wächst.
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