Neue Ausstellung über das besetzte Düren

Von: Burkhard Giesen
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In der Ausstellung „Betrogene Hoffnungen“ gewinnt man Einblicke in die Zeit zwischen 1919 und 1929: Vom ersten Dürener Lichtspielhaus über die Einrichtung einer Küche bis zur damaligen Mode. Hauptattraktion ist ein in Düren gefertigtes Motorrad der Marke Neumann-Neander, das der Besitzer aus FRankfurt leihweise zur Verfügung gestellt hat. Foto: Burkhard Giesen
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In der Ausstellung „Betrogene Hoffnungen“ gewinnt man Einblicke in die Zeit zwischen 1919 und 1929: Vom ersten Dürener Lichtspielhaus über die Einrichtung einer Küche bis zur damaligen Mode. Hauptattraktion ist ein in Düren gefertigtes Motorrad der Marke Neumann-Neander, das der Besitzer aus FRankfurt leihweise zur Verfügung gestellt hat. Foto: Burkhard Giesen
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In der Ausstellung „Betrogene Hoffnungen“ gewinnt man Einblicke in die Zeit zwischen 1919 und 1929: Vom ersten Dürener Lichtspielhaus über die Einrichtung einer Küche bis zur damaligen Mode. Hauptattraktion ist ein in Düren gefertigtes Motorrad der Marke Neumann-Neander, das der Besitzer aus FRankfurt leihweise zur Verfügung gestellt hat. Foto: Burkhard Giesen

Düren. Es gibt die Fotos, auch wenn es nicht viele sind: Britische Soldaten im Kreis deutscher Familien beim Weihnachtsfest. Es ist 1918. Der Weltkrieg ist anderthalb Monate vorbei. Nach Feiern ist den Dürenern nicht wirklich zumute.

„Es ging vielmehr darum, in Friedenszeiten in ein geregeltes Leben zurückzukommen. Das hat sich aber schnell als Illusion erwiesen“, sagt Bernd Hahne vom Stadtmuseum Düren mit Blick auf die neue Ausstellung, die ab Sonntag, 23. April, präsentiert wird. „Betrogene Hoffnungen. Düren zwischen Aufbruch und Weltwirtschaftskrise 1919 - 1929“ lautet der Titel.

Geregeltes Leben? Düren ist nach dem Krieg besetzt. Bis November 1919 von den Engländdern, danach bis zum 1. Dezember 1929 von den Franzosen. Von der revolutionären Nachkriegsstimmung war in Düren nicht viel zu spüren. Hahne: „Über den hiesigen Arbeiter- und Soldatenrat kann man bestenfalls sagen, dass sie sich bemüht haben. Sie sind von den Bürgern nicht ernst genommen worden, man hat ihnen vielmehr alles angelastet, was schief lief.“

Das, was man in Teilen Deutschlands gerne als „Goldene 20er“ bezeichnet, als die Phase der Weimarer Republik, in der vor allem Musik und Tanzvergnügen die Epoche prägten, Menschen freier und liberaler lebten, präsentierte sich in Düren zu Beginn nicht so gülden. „Mit dem Waffenstillstand wurden die Grenzen nicht geöffnet. Die Versorgungslage wurde teilweise noch schlechter“, berichtet Hahne. Die Umstellung der Kriegswirtschaft auf die Friedenswirtschaft funktionierte alles andere als reibungslos und auch die Landwirtschaft konnte nicht von heute auf morgen ausreichend Lebensmittel produzieren.

„Schwarzmarkt und Tauschhandel blühten in Düren“, erläutert Bernd Hahne. Hinzu kam in den Folgejahren die Inflation „in einem Maße, wie man es sich nicht vorstellen kann“. Erst mit der Stabilisierung der Währung folgte ansatzweise, was man sich heute unter den Goldenen 20ern vorstellt. Hahne: „Es gab auch bei uns ein Aufblühen des Sports. Insbesondere die Radfahrbewegung war sehr ausgeprägt.“

Luxus und Massenprodukte

Zudem entstand das Freizeitzentrum Burgau mit einem botanischen Garten und einer Waldschule. Selbst die Mode aus Berlin schwappte nach Düren. Anne Krings: „Der Konsum spielte wieder eine Rolle. Es gab viele neue Produkte – von Luxusartikeln bis zu Massenprodukten, die wir noch heute kennen und nutzen.“ Und bei der Mode machte der Dürener verhalten mit. Die trug man dann eher zu gesellschaftlichen Anlässen.

Der wirtschaftliche Aufschwung ging an Düren nicht vorbei. Bestes Beispiel: Das Unternehmen Neumann-Neander, das ab 1926 in Rölsdorf Motorräder produzierte. Allerdings hatten die Dürener Unternehmen durch die Besatzung ein ganz anderes Problem. Hahne: „Düren lag an der äußersten Grenze der Besatzung. Selbst wenn Firmen ins freie Deutschland exportieren durften, wurden ihnen Zölle auferlegt.“

Auch in diesem Bereich blühte der Schwarzhandel, wurden Waren vielfach illegal über die Grenze geschafft. Dürens Randlage brachte weitere Probleme mit sich: Bis zu 10.000 Besatzungssoldaten lebten zeitweise in der Stadt. Für die Soldaten wurden Wohnungen requiriert, was wiederum zur Folge hatte, dass Dürener in Turnhallen untergebracht wurden. Hahne: „Das führte dazu, dass die Dürener Bürger das Gefühl hatten, noch mehr für den verlorenen Krieg zahlen zu müssen als in anderen Teilen Deutschlands.“

Nationalistische Töne

So ist dann auch zu erklären, was Anne Krings als „Selbstvergewisserung“ bezeichnet – die Rückbesinnung auf die eigene Tradition: Es wurde ausgiebig gefeiert, die Annakirmes, der Karneval, Mai- und Schützenfeste. Und die nationalistischen Töne, die Jahre später in den Untergang führten, wurden lauter. „Fulminanter Höhepunkt war 1925 die Jahrtausendfeier – 1000 Jahre Rheinland, die explizit verdeutlichen sollten, dass der Rhein ein deutscher Strom ist, keinesfalls eine Grenze.“

Ein Problem, mit dem Bernd Hahne und Dr. Anne Krings zu kämpfen hatten, war die dürftige Quellenlage. Also haben sie Zeitungsartikel aus der damaligen Zeit ausgewertet, sind zudem im Verwaltungsbericht fündig geworden – wohl wissend, dass beide Quellen nicht immer das wirkliche Abbild der damaligen Zeit darstellten. Also stützen sie sich wesentlich auf Fotos, Bilder und Erzählungen von Zeitzeugen. Wie schon bei der Ausstellung zu Dürens goldenen Jahren gehen sie davon aus, dass sich die Ausstellung weiter entwickeln wird, neue Dokumente hinzukommen werden. Bernd Hahne: „Wir hoffen, dass die Besucher uns mit weiterem Material versorgen werden.“

Das dürfte – wie bei der letzten Ausstellung – passieren und ist der beste Grund, die Ausstellung nicht nur einmal zu besuchen.

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