Birkesdorf - Neuanfang in der alten Heimat: Pfarrer Glasmacher wieder in Birkesdorf

Neuanfang in der alten Heimat: Pfarrer Glasmacher wieder in Birkesdorf

Von: Stephan Johnen
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Zu Besuch in der Nachbarschaft: Pfarrer Norbert Glasmacher ist gerne unter Menschen. An diesem Morgen ist er zu Gast in Kindergarten St. Peter. Im vergangenen Sommer hatte er die Kinder anlässlich seines Geburtstages zum Eis-Essen in seinen Garten eingeladen. Foto: Johnen

Birkesdorf. In Kanada gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Kein Einwanderer kehrt zurück. Norbert Glasmacher hat dagegen verstoßen, ganz bewusst. Seit 2010 lebt der 50-Jährige wieder in Deutschland, in Birkesdorf. Doch es brauche Zeit, wieder anzukommen, sagt er. Was es bedeutet, nach fast 30 Jahren in die alte Heimat zurückzukehren, erlebt Glasmacher seit drei Jahren.

Für den katholischen Geistlichen war es mehr als eine Reise an ein bekanntes Ziel, es war ein Neuanfang. Persönlich wie kulturell. „Ich kam in die Heimat zurück, und es war nicht mehr meine Heimat“, versucht der gebürtige Birkesdorfer eine Erklärung. Glasmacher ist ein Mann, der sagt, was er denkt. Doch er wägt die Worte sorgsam ab. „Viele Orte, Menschen und Dinge kannte ich noch“, erklärt der 50-Jährige, der nach einem Jahr als Priester in Stolberg seit September 2011 Leiter der Gemeinschaft der Gemeinden Düren-Nord ist. „Doch den Großteil meines Lebens war ich im Ausland. Das hat mich geprägt.“

Zwei Wirklichkeiten

Das Evangelium mag das gleiche sein, doch Kirche sei nicht gleich Kirche. Glasmacher möchte das nicht werten, er stellt es nur fest. Beide Wirklichkeiten sind Teil seiner Biographie. „Komm mal rüber“, lautete vor drei Jahrzehnten eine Einladung, der der Theologiestudent neugierig folgte. Er kam, sah – und blieb. Nach seiner Priesterweihe übernahm Glasmacher, der auch in der Mission tätig war, eine Pfarre bei Toronto, die jeden Monat wuchs.

Es war eine junge Gemeinde mit Menschen aus aller Herren Länder. „Die Kirche war ein Sozialisationspunkt“, blickt Glasmacher zurück. Menschen, die ihre Familien zurückgelassen hatten, fanden mit der Gemeinde eine kanadische Familie. 20.000 Christen, 120 Erstkommunionkinder im Jahr – „fast so wie hier“, sagt er. „Doch es ist schwierig, die Dinge zu vergleichen“, fügt Glasmacher hinzu. Obwohl er manchmal nicht drumherum komme, Kanada und Deutschland miteinander zu vergleichen. Auch, wenn es sich dabei um die viel zitierten Äpfel und Birnen handelt.

„In Kanada war das Gemeindeleben sehr persönlich“, blickt der Seelsorger zurück. „Jedes Jahr nach Weihnachten hatte ich Rotwein für das ganze Jahr.“ Regelmäßig brachten die Schäfchen ihrem Hirten Lebensmittel vorbei. Kartoffeln, Gemüse, Obst. „Ein bisschen so wie früher der Zehnte“, sagt der Pfarrer und lacht. In seiner Gemeinde war er der „Father“, der Vater und Ratgeber, er war Teil der Familie. „In Deutschland bin ich Teil einer Verwaltung, ich bin eine Amtsperson und werde zum Teil auch so behandelt“, sagt Glasmacher zugespitzt formuliert und zwinkert. „Das ist einer von vielen kulturellen Unterschieden.“ Ein weiterer sei es, dass auch Kanadier sich schon einmal beschweren, aber sehr dezent. „Hier ist das nicht ganz so“, sagt Glasmacher und lacht erneut.

Und es gibt noch einen weiteren Unterschied: Deutschland genießt im Ausland den sehr guten Ruf, eine perfekte Verwaltung zu haben. In diesem Punkt fühlt sich der Seelsorger eher wie ein Kanadier. „Verwaltung ist eine notwendige Sache. Solange sie den Menschen dient“, sagt er. Er macht keinen Hehl daraus, dass er beispielsweise die Bürokratie in Deutschland und auch in der Kirche sehr schwierig findet. Auch das System der Kirchensteuer habe neben vielen guten Anwendungen im sozial-karitativen Bereich auch Schwächen, „die vielen Menschen heute ins Auge fallen“. Der Verteilungsprozess sei zu anonym und unpersönlich. „Das Zugehörigkeitsgefühl war in Kanada ein anderes. Die Leute wussten, wofür sie spendeten. Es war ihre Kirche“, sagt er. Wenn das Dach beschädigt war und Geld für die Reparatur fehlte, wies Glasmacher mit einem Satz am Ende des Gottesdienstes darauf hin – und in der Woche darauf war das Dach repariert.

Wieder Fuß gefasst im Land der Dichter und Denker bewundere Glasmacher das analytische Denken der Deutschen im Gegensatz zum eher technisch-pragmatischen Denken der Nord-Amerikaner. Damit aber die Analyse jedes noch so kleinsten Details nicht zur Lähmung führe, habe er in Kanada gelernt, praktisch, konkret und direkt zu denken und zu handeln. „Vielleicht kommt das manchmal als oberflächlich oder unüberlegt oder improvisiert rüber“, sagt er. Aber er habe keine Angst, sich einen Fehler auch einzugestehen. „Es ist eine schwierige Arbeit hier, eine Herausforderung“, sagt Glasmacher.

Er nahm sie gerne an. Er habe eine „lebendige Gemeinschaft“ angetroffen, betont der Pfarrer. In Deutschland werde gerne von einer Kirchen- und Glaubenskrise gesprochen. Er kennt auch die Statistiken, die die Zahl der Kirchenbesucher erfassen. „Ich weiß, dass das, was als Amtskirche bezeichnet wird, nicht immer anziehend wirkt“, sagt er. „Doch darum geht es doch gar nicht!“ Diese Diskussion bringe einen nicht weiter. Er bedauere, dass diese Sachen die eigentliche Frohe Botschaft überschatten. Er wünscht sich eine Gemeinde, die Mut hat und mit Zuversicht die Zukunft aus dem Glauben heraus gestaltet.

Das gelte besonders in Bezug auf die Menschen, die Kirche offenbar nicht mehr erreicht. Auch dort gebe es eine Offenheit für Gott, gebe es offene Fragen. „Für diese Menschen haben wir noch nicht die richtigen Antworten gefunden“, sagt er. Es helfe aber nicht, deswegen zu resignieren. Er hat schon Anlässe erlebt, an denen auch die Menschen in die Kirche kommen, die man sonst selten oder nie sieht: zu Beerdigungen, zu Hochzeiten, an Hochfesten wie Weihnachten und Ostern. Glasmacher kennt den Begriff „U-Boot-Christen“. Menschen, die Ostern und Weihnachten wieder auftauchen. Doch diesem Vergleich kann er nichts abgewinnen. „Warum muss man das negativ sehen?“, fragt er. „Ich sehe es positiv: Die Menschen kommen doch noch!“ Er tue, was er immer tue: Eine Einladung zum Gespräch, zur Begegnung, zum Gebet aussprechen. Diesen Weg wolle er fortsetzen, ganz wie ein „Father“.

Welche Zukunft den Katholiken in Deutschland bevorsteht? Norbert Glasmacher zuckt mit den Schultern. Für einen Mann der Verwaltung mag es sinnvoll sein sich zu fragen, wie viele Kirchen die Katholiken in 150 Jahren noch brauchen. „Ich weiß, dass Gott auf unserer Seite ist. Das reicht mir“, sagt Glasmacher. Ein bisschen Gottesgläubigkeit kann in seiner Branche schließlich nie schaden.

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