Kathmandu/Düren - Nepal: Für Eva Kastner kam der Schock erst nach dem Beben

Nepal: Für Eva Kastner kam der Schock erst nach dem Beben

Von: Stephan Johnen
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Eva Kastner aus Düren möchte helfen. Foto: sj

Kathmandu/Düren. Was wäre passiert, wenn das Auto an diesem Tag keinen Defekt gehabt hätte? Eva Kastner möchte lieber nicht darüber nachdenken. „Wir wollten ein Dorf im Himalaya besuchen“, sagt die 25-Jährige. Doch das Auto sprang nicht an. „Wir hatten Glück“, sagt die Dürenerin, die im Mai mehrere Wochen zu Besuch bei Freunden in Nepal war. Denn am selben Tag bebte die Erde, wurde das Dorf beinahe vollständig zerstört.

Es sollte ein Urlaub werden. Ein Besuch bei einer nepalesischen Familie, mit der die Familie der Dürenerin seit Jahrzehnten befreundet ist, und die in einem Vorort der Hauptstadt Kathmandu lebt. Doch die junge Frau kam traumatisiert zurück. Sie brauchte Zeit, ihre Gedanken zu sammeln, das Erlebte zu verarbeiten. Mehr als einen Monat nach dem Erdbeben hat sie Kraft, darüber zu berichten – und um Hilfe und Unterstützung für die Menschen in Nepal zu bitten.

„Ich hatte ganz kurz das Gefühl, dass mir schwindlig wird“, blickt sie auf den Tag der Katastrophe zurück. An ein Erdbeben habe sie in diesem Augenblick gar nicht gedacht. Ihre nepalesischen Freunde wussten die Zeichen zu deuten, zerrten den deutschen Gast ins Freie. „Über der ganzen Stadt stand plötzlich eine Staubwolke“, sagt Eva Kastner, in der Nachbarschaft stürzten Gebäude ein, ein Nachbar wurde von den herabfallenden Trümmern erschlagen.

Drei Wochen blieb die Dürenerin vor Ort. „Ich hätte den Flughafen angesichts des Schutts auf den Straßen ohnehin nicht erreicht“, sagt sie. Sie wollte aber auch nicht weg, wollte die Freunde nicht im Stich lassen. „Meine Familie hat das nicht begeistert“, räumt sie ein.

Die 25-Jährige, die als Sporttherapeutin in der LVR-Klinik arbeitet, campierte wie alle Menschen im Freien, obwohl das Haus ihrer Freunde noch stand. Zu unsicher war die Lage angesichts der Nachbeben. Sie half beim Bergen von Habseligkeiten, organisierte Zeltplanen für Menschen in den umliegenden kleinen Bergdörfern, die ihre Wohnung verloren hatten, trieb Trinkwasser auf. Viele Menschen hatten beinahe alles verloren, Hilfe von außen kam erst nach Tagen. „Wir reden von der Hauptstadt“, sagt Eva Kastner. Viele kleine Dörfer auf dem Land waren komplett abgeschnitten, die Infrastruktur lag am Boden.

„Ich hatte Angst. Das Ganze war zutiefst beängstigend“, sagt die 25-Jährige. Sie habe aber auch erlebt, dass „die Hilfsbereitschaft untereinander gewaltig ist“. Gleichzeitig spürte sie die Verzweiflung vieler Menschen und erlebte, welche Blüten der Wucher in Notzeiten treiben kann. „Die Preise für Lebensmittel und Wasser sind explodiert“, berichtet sie. Das treffe besonders die Bauern hart, die vor dem Totalverlust der Ernte stehen und kaum Geld hätten. Das Beben habe vielerorts die Bewässerungssystem beschädigt oder zerstört.

Entsetzt war sie über das Verhalten mancher Medienvertreter vor Ort. „Mit mir, der westlichen Touristin mit den blonden Haaren, wollten die Reporter reden. Das Leid der Menschen vor Ort wurde offenbar zur Nebensache“, ärgert sie sich noch heute. Genauso wenig Verständnis hat sie dafür, dass Vertreter von Hilfsorganisationen „Selfies“ mit dem Mobiltelefon in der Krisenregion gemacht und dafür zum Teil posiert hätten.

Erst als sie wieder in Deutschland war, wurde ihr bewusst, was alles geschehen war. „Ich stand völlig neben mir“, blickt sie auf den Versuch zurück, nach drei Wochen im Krisengebiet wieder zur Arbeit zu gehen. Vor Ort habe sie einfach gehandelt, nicht groß nachgedacht. Doch mit der Zeit und dem räumlichen Abstand kam der Schock. „Ich fühlte mich schuldig, dass ich die Menschen zurückließ, die Hilfe brauchen“, sagt Eva Kastner. Etwa zweieinhalb Wochen lang war sie arbeitsunfähig, nahm selbst Hilfe in Anspruch. „Wer so etwas erlebt hat, muss von Tag zu Tag schauen, wie er damit umgeht“, sagt sie.

Sie hat für sich beschlossen, auch von Deutschland aus zu helfen, Spenden zu sammeln (siehe Infokasten). „Ich weiß, dass ich mit viel Unterstützung vielleicht nur 150 Leuten vor Ort helfen kann“, sagt sie. „Aber das ist ein Anfang.“

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