FuPa Freisteller Logo

Naturdenkmäler: Besondere Schöpfungen der Natur

Von: Stephan Johnen
Letzte Aktualisierung:
Baum
Mit der Gartenschere kommt man an diesem Naturdenkmal nicht weit: Lothar Bungart (Fachagrarwirt Baumpflege) und seine Mitarbeiter haben den Freiheitsbaum von Totholz befreit. Foto: Stephan Johnen

Derichsweiler. Bäume genießen nicht gerade den Ruf, interessante Gesprächspartner zu sein. Doch sie können viel erzählen. Die Kastanie vor dem alten Pfarrhaus in Derichsweiler beispielsweise hat schon einiges erlebt. Gepflanzt wurde sie vor rund 200 Jahren, als die Bürger der deutschen Staaten demokratische Reformen und eine nationale Einigung der Fürstentümer forderten. So kam sie zu ihrem stolzen Namen: Freiheitsbaum.

Als die Alte Kirche während des Zweiten Weltkriegs einen Bombentreffer erhielt, erlitt auch die Kastanie schwere Schäden. In der Krone ist zu erkennen, wo damals ganze Äste „abrasiert“ worden sind. Der Freiheitsbaum aber überlebte.

Seit 1969 ist die Kastanie ein Naturdenkmal, steht unter besonderem Schutz. „Naturdenkmale sind besondere Einzelschöpfungen der Natur“, sagt Lothar Gerhards vom Umweltamt des Kreises Düren. Dies ist nicht unbedingt die offizielle Definition, aber es ist eine treffende, findet Gerhards. Als Naturdenkmale geschützt werden können Flächen bis fünf Hektar (was kaum vorkomme) oder einzelne Felsen ebenso wie einzelne Hohlwege (von denen manche im Kreis Düren bis ins Mittelalter zurückgehen) und eben Bäume. Alle Denkmale eint: Sie sind besonders schutzwürdig, weil sie nicht nur „alte Schätzchen“ sind, sondern auch eine kulturelle, historische oder naturkundliche Rolle spielen.

Bei keltischen Verteidigungsanlagen und Erzgewinnungsstätten, die unter anderem in der Voreifel zu finden sind, mag dies schnell auf der Hand liegen, doch auch Bäume gehören zu dieser Kategorie des Schutzwürdigen, erklärt Gerhards. „Im 19. Jahrhundert ist auch bei uns alles zu Holzkohle verarbeitet worden“, sagt der Experte.

Die industrielle Revolution schlug Schneisen in die Wälder. Übrig blieben in vielen Teilen des Landes nur sogenannte Gemarkungsbäume, die als Orientierungspunkte in der Landschaft dienten. Vor allem das Militär sei auf diese Landmarken angewiesen gewesen, schließlich waren gute Karten Mangelware und die Satellitennavigation ließ auf sich warten. „Es war zum Teil bei Todesstrafe verboten, diese Bäume zu fällen“, blickt Gerhards zurück.

So ist zu erklären, warum aus diesen Zeiten nur wenige, aber dafür umso markantere Bäume überlebt haben. Hinzukommen Gewächse, die ebenfalls eine gesellschaftliche Funktion hatten: die sogenannten Dorflinden oder Gerichtsbäume, an denen sich die Menschen versammelten.

Der Gesetzgeber hat eine Ausweisung von Naturdenkmalen erstmals 1937 ermöglicht, 1969 und in den 80er Jahren kamen „weitere Wellen“, erklärt Gerhards. Vereinfacht gesagt gilt: Naturdenkmale im freien Gelände werden im Landschaftsplan festgesetzt. Solange dieser nicht von der Politik geändert wird oder ein Baum unheilbar krank oder so stark beschädigt ist, dass er zu einer Gefahr wird, gilt der Schutz. In bebauten Gebieten hingegen werden Naturdenkmale per Verordnung für 20 Jahre unter Schutz gestellt. Gelistet werden alle Naturdenkmale beim Kreis.

Wer aufmerksam unterwegs ist, begegnet beinahe auf Schritt und Tritt besonderen Bäumen: Die Zeder, die beim Bau des Stadtcenters besondere Aufmerksamkeit erfuhr, ist beispielsweise ein Überbleibsel des alten Pfarrgartens der Evangelischen Gemeinde, erklärt Lothar Gerhards. Gerade in Düren gebe es viele Bäume aus sogenannten Arboreten (Sammlungen zum Teil exotischer Gehölze), die einst die Industriellen der Stadt für ihre Villen anlegten.

Die Bäume haben Bombenhagel und Rodungen in kalten Nachkriegswintern überlebt, viele Villen sind nur noch Geschichte. Auch manch unscheinbares Gewächs zähle zu den besonderen „Zeitzeugen“, so auch die Eiben vor der Dürener Polizeiwache. Sie wurden gepflanzt, als das „Staatliche Behördenhaus“ von den Preußen gebaut wurde, berichtet Gerhards.

Regelmäßig überprüft der Kreis die Gesundheit und die Sicherheit aller Bäume. Stehen diese auf privatem Gelände, müssen die Besitzer auch Sorge für Pflege und Sicherheit tragen. „Ohne die Akzeptanz und die Mithilfe der Bürger funktioniert es nicht“, weiß der Fachmann. Daher stehe sein Amt den Besitzern von Naturdenkmalen beratend zur Seite und übernehme bei größeren Pflegemaßnahmen, „die die Grenze des Zumutbaren überschreiten“, auch die Kosten. Die entsprechenden Aufträge werden zunächst gesammelt und dann ausgeschrieben. Die Pflege soll dabei den Erhalt des Baumes sicherstellen und gleichzeitig dafür sorgen, dass der Baum keine Gefahr darstellt, beispielsweise durch herabfallendes Totholz oder weil Äste abzubrechen drohen. Alltägliche Aufgaben müssen allerdings weiterhin die Eigentümer übernehmen.

Beim Freiheitsbaum in Derichsweiler bedeutet das für die Bewohner des alten Pfarrhauses, dass im Herbst die ganze Familie mit dem Zusammenkehren der Blätter beschäftigt ist. Bei 30 Metern Höhe und einem beinahe ebenso großen Kronendurchmesser fallen einige Blätter herab. „Viele haben uns für verrückt erklärt, als wir das Haus mit dem Naturdenkmal gekauft haben“, sagt Eva-Maria Rinkens-Seebald. Seit fünf Jahren wohnt die Familie dort, erstmals musste eine Pflegemaßnahme am Baum vorgenommen werden. Angesichts der majestätischen Pracht lohne sich der Aufwand allemal. „Und wenn Besuch kommt, können wir viel über einen Baum erzählen“, sagt die Hausherrin und lacht.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert