Nachkriegs-Karneval: Die Gründung der „Südinsulaner” vor 60 Jahren

Von: Stephan Johnen
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Jecke der ersten Stunde: Maria
Jecke der ersten Stunde: Marianne Kremer und Franz Josef Vois gehören zu den Gründungsmitgliedern der „Südinsulaner”. Foto: Johnen

Düren. Beinahe hätte Franz Josef Vois am 28. Mai 1945 seine Heimatstadt nicht wiedererkannt - oder das, was von Düren nach den verheerenden Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg an Schuttbergen und Stahlskeletten übrig geblieben war.

Als die Dürener wie Vois und seine Familie aus der Evakuierung zurückkamen, fanden sie eine Wüstenei vor. Sie hatten kein Dach über dem Kopf, sie hatten kaum etwas zu essen, die Zukunft war ein großes Fragezeichen. „Irgendwie fing in dieser Zeit angesichts der Zerstörung das Ganze aber wieder an”, blickt Vois zurück.

Das Ganze - damit meint der heute 80-Jährige das Leben, den Wiederaufbau. Aber die hungrigen Dürener hatten auch Appetit auf Dinge, die ihnen kein Care-Paket der Welt liefern konnte: „Wir waren hungrig nach Freude und Frohsinn”, sagt Vois. Mitten in der Zerstörung beginnt die Geschichte eines Neuanfangs. Die Gründung der KG „Südinsulaner” vor 60 Jahren ist ein exemplarisches Kapitel der Nachkriegsgeschichte.

Im Jahr 1952 entstand im Dürener Südviertel die neue Gesellschaft, doch die Wurzeln reichen weiter zurück. „Wir wollten ohne Bomben leben, ohne Artilleriebeschuss, ohne Bunker und Krieg”, erinnern sich die Gründungsmitglieder Franz Josef Vois und Marianne Kremer (82). Die Menschen wollten das Vergangene vergessen machen, sie sehnten sich nach Freiheit.

Und ja, sie sehnten sich auch nach einigen vergnüglichen Stunden in einem weiterhin rauen und entbehrungsreichen Alltag. „Die Schwarz-Roten Funken waren die ersten in der Stadt, die angefangen haben”, erinnert sich Franz Josef Vois an die zaghafte Wiederbelebung der Dürener Karnevalstradition. Es muss im Jahr 1948 gewesen sein. Zu dieser Zeit griffen im Südviertel die jungen Männer Bernd Kremer, Richard Zimmermann und Franz Josef Vois zum Quetschbüggel - und wagten als „Sing Sing Trio” den Sprung auf die damals noch recht wackeligen Bühnen in den wenigen verbliebenen kleinen Sälen.

Einfache Parodien, Sketche und Lieder waren ihr Ding. Und es gab Pläne für mehr. „Wir waren ein Freundeskreis von zehn lebensfrohen Kerlen”, blickt Vois auf die Keimzelle der späteren KG zurück. Auch Marianne Kremer war von Anfang an dabei, als einziges „Mädchen”. Damals tanzte sie als Mariechen bei den „Schwarz-Roten” und konnte wohl kaum ahnen, dass sie einmal die Tanzabteilung der Südinsulaner aufbauen würde.

Im Januar 1951 organisierten Vois und seine Mitstreiter, die damals alle noch Mitglieder der Josefsschützen waren, einen „karnevalistischen Abend” im „Eifeler Hof”. Der Eintritt kostete 50 Pfennig. Wer Briketts mitbrachte, kam umsonst rein. Auch schwarzgebrannter Schnaps galt als Eintrittskarte. Um die Musik zu bezahlen, zog der Sitzungspräsident allen Mitorganisatoren nach und nach die verbliebenen Geldscheine aus der Tasche.

Doch der Saal war brechend voll, die Sitzung wurde acht Tage später wiederholt. „Machen wir doch eine KG”, dachten sich die Herren und die Dame. Zur Gründungsversammlung kamen 30 Leute. Die Geschichte der KG nahm ihren Lauf - und es gibt noch viele kleinere Geschichten zu erzählen, die zusammengenommen ein Bild der Nachkriegszeit zeichnen: Zu ihren Namen kamen die „Südinsulaner” beispielsweise, weil auch im Jahr 1952 notdürftig verfüllte Bombentrichter die Straßen des Südviertels bei Regen unpassierbar werden ließen. Die Bewohner mussten von Pfütze zu Pfütze springen, das Stadtviertel sah sich in Insellage.

Eine weitere Geschichte ist die, welche Rolle Organisationstalent für den Alltag, aber besonders für den Karneval spielte. „Wir hatten damals alle nichts”, blickt Marianne Kremer zurück. Die Kunst war es, aus dem Nichts die Materialien und Gelder für ein Bühnenprogramm zu organisieren.

Die Menschen rückten zusammen, standen einander bei. „Die Not war unsere Triebfeder. Die Frage lautete: Was kann ich tun?”, sagt Marianne Kremer. Niemand habe damals gefragt: „Was habe ich davon?” Denn alle hatten das gleiche Ziel vor Augen: Die Entbehrungen für ein paar Stunden vergessen zu machen. Als äußerst hilfreich erwies sich ein Friseurmeister mit Geschäft an der Oberstraße, der seinen Kunden nicht nur die Haare kürzte, sondern auch das Haushaltsbudget - für einen guten Zweck, also die „Südinsulaner”.

„Gleiche Menschen unter gleicher Kappe. Das war und ist unser Motto”, sagt Franz Josef Vois. In der Geschichte der KG habe es Höhen und manche Tiefen gegeben. „Wir haben auch Fehler gemacht”, blickt Vois beispielsweise auf die Versuche zurück, dem Kölner Karneval nachzueifern. Größtes Kapital der Gesellschaft sei der eigene Nachwuchs, die eigenen Büttenredner, Sänger, Mariechen und Gardisten. „Es sind in der ganzen Stadt bei allen Gesellschaften viele Talente da”, ist Vois überzeugt.

Für die Zukunft der „Südinsulaner” aber auch des gesamten Karnevals wünscht er sich, „dass es Leute gibt, die den Mut haben, diese Talente aufzubauen und sie auf die Bühne zu bringen.” Dann müsse sich niemand Sorgen über die Zukunft des karnevalistischen Treibens in der Stadt machen.
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