Nach 40 Dienstjahren ist Schluss

Von: Stephan Johnen
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Abschied nach fast 40 Dienstjahren: Kurt Pelzer, Leiter des Psychologischen Beratungszentrums der Evangelischen Gemeinde, geht in den Ruhestand. Seine Nachfolgerin ist Gabriele Borchers. Foto: Stephan Johnen

Düren. „Ein eigenes Angebot für Jugendliche war damals eine ganz neue Sache – so etwas gab es vielleicht in Großstädten, aber nicht in der ländlichen Region“, blickt Kurt Pelzer auf den Beginn seines beruflichen Wirkens in Düren zurück. Vor fast 40 Jahren fing der Psychologe bei der Evangelischen Gemeinde an, zu seinen ersten Aufgaben gehörte der Aufbau der Konfliktberatungsstelle für Jugendliche. Heute wird der Leiter des Psychologischen Beratungszentrums in den Ruhestand verabschiedet. Im Gespräch mit unserem Redakteur Stephan Johnen blickt der 65-Jährige auf vier Jahrzehnte Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung zurück – und mit seiner Nachfolgerin Gabriele Borchers wagt er einen Ausblick.

Herr Pelzer, warum war es eine kleine Revolution, eine Beratungsstelle für Jugendliche zu eröffnen?

Pelzer: Wir reden über eine andere Zeit: Jugendliche hatten vor 40 Jahren kaum Ansprechpartner außerhalb der Familien, es gab kaum Jugendzentren. Wir wollten etwas verändern, mit den jungen Menschen arbeiten, sie mit einem offenen Angebot zu Gesprächen einladen und nicht schweigend zusehen, wenn sie Hilfe brauchen.

Mit welchem Erfolg?

Pelzer: Mit dem Erfolg, dass von Beginn an bis heute viele Schüler und Jugendliche von selbst zu uns gekommen sind, sich selbst angemeldet haben.

Wie würden Sie – in einem Satz – die Ausgangssituationen damals und heute beschreiben? Aus welchen Gründen kommen junge Menschen und Eltern zu Ihnen?

Pelzer: Vor 40 Jahren haben die Kinder unter relativ autoritären Eltern gelitten, heute ist es beinahe umgekehrt: Wir haben hilflose Eltern und verwöhnte Jugendliche, die gerne auch länger zu Hause wohnen bleiben. Das ist natürlich stark zugespitzt, eine kernige Aussage, die aber nicht unkommentiert im Raum stehen kann. Es gab und gibt weder den Jugendlichen noch die Eltern.

Was hat sich verändert?

Pelzer: In vielen Fällen hat sich etwas Grundlegendes im Umgang miteinander verändert: Eltern sehen sich oft als Freunde ihrer Kinder. Sie hören die gleiche Musik, tragen die gleiche Kleidung. Es gibt auch Fälle, in denen die Mutter mit ihrer Tochter über sexuelle Details der eigenen Partnerschaft spricht, was natürlich problematisch ist.

Was spricht gegen das Modell Freundschaft?

Pelzer: Freunde sind nicht gerade die Bezugspersonen, die Grenzen setzen. Borchers: Klare Grenzen zu setzen ist aber Teil der Erziehung. Wenn Eltern immer nachgeben, können sie sich damit ein Problem schaffen. Eltern sollten Eltern und Kinder sollten Kinder bleiben.

Haben Sie das Gefühl, dass Eltern immer unsicherer werden?

Pelzer: Ich beobachte, dass Eltern manchmal Angst vor dem eigenen Handeln haben und bei Krisen- und Stresssituationen nicht zurecht kommen.

Hilft es, einen Ratgeber aus der Buchhandlung zu lesen?

Borchers: Es gibt gefühlte 1000 Ratgeber, die sich zum Teil auch noch widersprechen.

Wie lautet Ihr Rat?

Borchers: Verlassen Sie sich auf die eigene Intuition, bieten Sie Kindern Orientierung und bringen Sie bei Störfaktoren und Herausforderungen auch die Kraft auf, die Grenzen zu verteidigen.

Haben Eltern verlernt, Eltern zu sein?

Pelzer: Eltern stehen unter hohem gesellschaftlichen Druck. Sie sorgen sich, den Anforderungen auch gerecht zu werden und nichts falsch zu machen, damit ihre Kinder ein gutes Leben haben, erfolgreich sind. Im guten Glauben, etwas Gutes für ihre Kinder zu tun, werden beispielsweise die Terminkalender der Schüler immer voller.

Das ideale Kind kann schon im Kindergarten vier Instrumente spielen und beherrscht mindestens zwei Fremdsprachen?

Borchers: Fördern ist wichtig. Kinder sollten aber nicht überfordert werden.

Welche Entwicklungen bereiten Ihnen Sorgen?

Pelzer: Die zunehmende Digitalisierung unseres Lebens birgt Risiken wie Cybermobbing und Spielsucht, bietet aber auch Chancen, auch in der Beratung.

Weil Sie Menschen erreichen, die sich Ihnen von Angesicht zu Angesicht nicht anvertraut hätten?

Borchers: Das ist richtig. Die digitale Beratung ist eine wichtige Säule unserer Arbeit.

Aber?

Pelzer: Viele Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, schaffen sich eine eigene, digitale Realität, leben in einer zweiten Welt.

Was bedeutet das?

Pelzer: Man ist beispielsweise mit Menschen befreundet, die man nicht kennt, beginnt und endet Partnerschaften per SMS. Die zwischenmenschlichen Beziehungen leiden darunter. Nehmen wir das Beispiel Partnersuche: Das Internet ermöglicht neue Chancen, erleichtert die Suche. Das ist zunächst positiv. Die Möglichkeit, relativ leicht immer wieder neue Partner zu finden, geht aber leicht in Richtung Sucht. Wir haben heute viel mehr Freiheiten, viel mehr Wahlmöglichkeiten – gleichzeitig steigt die Zahl der Risiken.

Welches Thema wird an Bedeutung gewinnen?

Borchers: Die Zahl der Scheidungen ist konstant hoch. Wir sehen unsere Aufgabe darin, im Sinne der Kinder den Eltern dabei zu helfen, eine gute und faire Beziehung zu ermöglichen.

Herr Pelzer, was wünschen Sie Ihren Kollegen zum Abschied?

Pelzer: Dass sie weiterhin auf ein Netzwerk guter Partner zurückgreifen können. Eine so gute Zusammenarbeit wie hier in Düren ist nicht selbstverständlich.

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