Nach 170 Jahren: Ein Gesangsverein löst sich auf

Von: Sarah Maria Berners
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Dieses Bild aus dem Jahr 1904 zeigt, welche Stärke der Lendersdorfer Chor einst hatte. 1944, zum 100-jährigen Bestehen, standen 80 Sänger auf der Bühne. Seit 1969 singen auch Frauen im Chor mit. Foto: Verein
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Alte Notensätze werden aufbewahrt und können bei Interesse eingesehen werden. Foto: Sarah Maria Berners

Lendersdorf. „Das gesellschaftliche Leben hat sich stark verändert und das wirkt sich auch auf Vereine wie unseren aus“, sagt Barthel Sistenich, der Vorsitzende des Lendersdorfer Männer-Gesang-Verein mit Frauenchor. 170 Jahre lang habe der Verein das kulturelle Leben im Stadtteil geprägt. Ab Sonntag endet die lange und bewegte Geschichte.

Nach 170 Jahren geben die Sänger und Sängerinnen ihr letztes Konzert, danach wird der Verein aufgelöst. „Das stimmt uns traurig, und die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen“, sagen Barthel Sistenich und Herta Latz. Aber der Verein hat nur noch 22 aktive Mitglieder mit einem Durchschnittsalter von 77 Jahren und 22 inaktive Unterstützer. „Wir möchten zu einem Zeitpunkt aufhören, zu dem wir noch gut klingen“, erklärt Herta Latz.

„Wir haben viele Aktionen gestartet, um neue Sänger zu gewinnen“, betont Barthel Sistenich. „Aber in dieser Form wollen die Menschen nicht mehr singen. Außerdem sind Chöre oftmals nicht mehr generationenübergreifend, wie es früher der Fall war.“

Barthel Sistenich selbst ist als junger Bursche vor 63 Jahren dem Chor beigetreten, sein Vater war ebenfalls begeisterter Sänger. „Früher hatte der Chor ein eigenes kleines Orchester und wir haben auch Opern und Operetten gesungen, aber dafür haben wir heute die Fülle nicht mehr.“ Ihn hat es immer begeistert, wie sich die Sänger ein Stück erarbeitet haben und welchen Klang sie gemeinsam auf die Bühne bringen konnten.

Lange Musikgeschichte

Unter dem Dach der alten Schule in Lendersdorf schlummern noch die Notensätze aus vielen Jahrzehnten Vereinsgeschichte. Einige Jahre sind aber auch ausgelöscht. „Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Lieder aus dem Dritten Reich verbrannt“, erzählt Sistenich.

Als in den 60er Jahren die Mitgliederzahlen sanken, beschlossen die Lendersdorfer, einen gemischten Chor zu bilden, heute sind die Frauen in der Überzahl. „Reibungslos ist das damals nicht abgelaufen“, erinnert sich Sistenich. Einige Männer hätten damals zu singen aufgehört. „Aber die Entscheidung war richtig. Gemischt konnten wir viel mehr machen.“

Barthel Sistenich und Herta Latz finden es bedauerlich, dass die Geschichte des Chores nun endet, zumal der Chor für viele Mitglieder eine wichtige Anlaufstelle sei. Die Mitglieder überlegen nun, in welcher Form sie einen regelmäßigen Treffpunkt für etwas Geselligkeit aufrechterhalten können. Das Leben auf dem Land sei nicht mehr so, wie es war, bedauern die beiden Lendersdorfer. Für sie ist die Entwicklung des Chores und anderer Vereine ein Zeichen dafür, dass die Orte ausbluten, dass sich die Dorfgemeinschaft auseinanderlebt. „Die jungen Leute kennen das nicht mehr anders, aber für uns ist das gravierend“, sagt Sistenich.

Am Sonntag gibt der Chor um 17 Uhr in der Pfarrkirche St. Michael in Lendersdorf sein Abschiedskonzert.

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