Müddersheimer Bäcker auf der Walz: Ein Abenteuer nach altem Brauch

Von: Gudrun Klinkhammer
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Rückkehr nach einer langen Reise: Dieses Bild zeigt Maurice Rey bei seiner Ankunft in Müddersheim, wo er von weiteren Wandergesellen verabschiedet wurde. Zuvor musste er, wie es die Tradition verlangt, das Ortsschild überklettern. Foto: Tobias Dickhoven
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Dieses Gepäck hatte Maurice Rey drei Jahre, zwei Monate und 17 Tage auf seinen Schultern. Foto: Gudrun Klinkhammer

Müddersheim. „Manchmal habe ich einfach dort geschlafen, wo ich umgefallen bin“, berichtet Maurice Rey. Einen Schlafsack hatte der 24-Jährige immer dabei, und nicht selten schlief er unter freiem Himmel, denn für Unterkunft und Transport durfte er in den vergangenen drei Jahren, zwei Monaten und 17 Tagen kein Geld ausgeben.

Diese Besonderheit schreiben die Regeln vor, die Maurice Rey als Wandergeselle beachten musste. Der Weg hat den jungen Bäcker wieder nach Müddersheim zurückgeführt, wo er – wie es die Tradition verlangt – zunächst das Ortsschild überklettern musste, um die Wanderjahre zu beenden.

Freiheit und fremde Länder kennenlernen, viele Menschen setzen sich in einen Flieger und sind fort. Einen anderen Weg wählen rund 500 bis 600 deutsche Handwerksleute, die sich jährlich auf der Walz befinden. Zwölf Prozent von ihnen sind weiblich. 36 Handwerksberufe werden für die Wanderschaft freigegeben. Zimmerleute, Dachdecker, Schneider, Schuhmacher und Glasmaler gehören dazu.

Maurice Rey wurde in Frechen geboren und wuchs in Müddersheim auf. Dort besuchte er zunächst die Grundschule. Dann ging er zur Hauptschule nach Vettweiß. Nach seinem Schulabschluss absolvierte er eine Bäckerlehre in Friesheim. Danach hielt er den Gesellenbrief in den Händen. Während des zweiten Lehrjahres war er in Köln, traf dort zufällig Zimmerleute. Die erzählten von der Walz. Kontakte wurden geknüpft, Kennenlern- und Informationstermine besucht. Für den jungen Mann aus Müddersheim war schnell klar: Er wollte auf die Walz.

Dieses Abenteuer wollte er erleben, nach altem Brauch über Land ziehen, in einer Kluft, die Türen öffnet wie eine gute Visitenkarte. Dass Handys während der Wanderschaft verboten sind, störte ihn nicht. „Ich empfand das als absolute Wohltat. Man kommt zur Ruhe und unterhält sich in der Kneipe auch mal wieder mit seinem Gegenüber“, sagt er.

Bevor es losging, nahm der junge Bäcker Kontakt zu einem „Exportgesellen“ namens Albert auf. Dieser war bereits unterwegs und rüstete den Neuling sowohl mit einem Wanderbuch als auch mit dem nötigen Wissen aus. Viel packte Rey dann nicht, bevor es losging. Zu seinen wenigen Besitztümern, die er an einem gefundenen Stock über der Schulter trug, zählte neben dem Schlafsack „Charly“.

Bei „Charly“ handelt es sich um ein in Charlottenburg entworfenes Leinentuch, in das nach alter Sitte einige Kleidungsstücke gewickelt werden. Im Wanderbuch war unter anderem ein „Bannkreis“ abgebildet, eine Landkarte mit einer runden Markierung rund um Müddersheim. Rey: „Im Radius von 50 Kilometern durfte ich während der Walz diesen Bannkreis nicht betreten.“ Also lief und trampte er los, bis nach Polen, Tschechien, die Schweiz, Österreich, Belgien, Italien und Frankreich. Rey: „Nach Übersee zog es mich nicht.“

Hunderte Stadtstempel zieren die Seiten des Wanderbuchs. In jeder Stadt ging der Müddersheimer zum Rathaus und holte sich mit dem entsprechenden Stempel die Aufenthaltsgenehmigung. Rey: „Dann suchte ich mir Arbeit.“ Er machte aber die Erfahrung, dass man als Bäcker etwas mehr Geduld haben muss als beispielsweise als Zimmermann. Er ließ sich ein auf Land und Leute, Sprachbarrieren wurden mit Händen und Füßen und einigen Brocken Englisch überwunden. Generell empfand er die Aufnahme im Ausland als sehr herzlich, außer in Frankreich. Da galt es, dicke Dämme und Sprachbarrieren zu brechen.

„Parlez vous fromage?“

Die ersten Lacher erntete der Deutsche meist mit dem Satz „Parlez vous fromage?“ („Sprechen Sie Käse?“). Damit gewann er auch die Herzen der Nachbarn im Flug. Maurice Rey lernte im Laufe der Monate, Bayerische Brezeln zu backen, Leipziger Lerchen im Ofen zu zaubern und hanseatische Patisserie zu fertigen. Rezepte wurden ausgetauscht, Freundschaften geknüpft.

Für die Arbeit gab es in der Regel Unterkunft und etwas Geld. Was Maurice Rey sehr beherzigte: „In der Kluft des Wandergesellen, in der man vor allem im fremdsprachigen Ausland der größte Freak auf der Straße ist, muss man sich gut benehmen. Benimmt man sich schlecht, schadet man dem ganzen Stand.“

Was ihm während der vergangenen drei Jahre fehlte? Rey: „Es waren so viele Eindrücke, Zeit zum Nachdenken hatte ich nicht.“ Seit einer Woche ist er wieder da, kletterte während der „Heimgehparty“ über das Müddersheimer Ortsschild. Er hat Pläne, möchte wieder in einem Betrieb in der Region arbeiten, seinen Meister machen.

Doch weiß er auch, dass er nach der wunderschönen Zeit, die er nie mehr missen möchte und die er jedem wärmstens empfehlen kann, Jahre braucht, um nicht nur körperlich, sondern auch geistig wieder richtig anzukommen. „Exportgeselle“ Albert sagte ihm: „Solange Du auf der Walz warst, solange brauchst Du, um wieder richtig zu Hause anzukommen.“

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