Modellbauer ohne Angst vor langen Winterabenden

Von: Stephan Johnen
Letzte Aktualisierung:
Das „Ühledömche”, wie die
Das „Ühledömche”, wie die Distelrather Kapelle im Volksmund heißt, ist die älteste erhaltene Kirche Dürens. Johannes Müller hat unzählige Stunden damit verbracht, ein Modell als Holz im Maßstab 1:25 anzufertigen. 22 andere Modelle hat Müller bereits in seiner Sammlung. Foto: Johnen

Golzheim. Die Liebe zur Holzschnitzerei wurde Johannes Müller vermutlich in die Wiege gelegt. Im Haus des 72-Jährigen stehen und hängen Werkstücke, die die Männer der Familie angefertigt haben. Das älteste Stück ist ein handgeschnitzter Stuhl aus dem 19. Jahrhundert. „Mein Ur-Ur-Großvater hat bei uns damit angefangen”, sagt der 72-Jährige.

Es folgten Tische, Schränke und Kruzifixe, verteilt auf mehrere Generationen. Johannes Müller war allerdings der erste in seiner Familie, der eine Ritterburg konstruierte, für die Enkelkinder. Sein neuestes Werk ist ein Sakralbau: In seiner Werkstatt entstand ein detailgetreues Modell des „Ühledömchens” im Maßstab 1:25. Komplett aus Holz, komplett in Handarbeit gefertigt. Samt Wetterfahne ist es 1,10 Meter hoch. Ein halbes Jahr hat Müller daran gearbeitet. Es ist Modell Nummer 22 in seiner Sammlung.

Im Unruhestand

Schon als Zehnjähriger hatte der Golzheimer ein Faible für den Werkstoff Holz. Doch es kam, wie Johannes Müller es auch haben wollte: Beruf, Ehefrau, zwei Söhne und eine Tochter: „Da blieb fürs Schnitzen keine Zeit”, sagt er. Mit dem Eintritt ins Rentenalter aber griff Müller im Jahr 1997 wieder zum Werkzeug. Es entstand das Modell einer Kirche, die er „irgendwo in Bayern” einmal gesehen hat. Danach kam die Ritterburg, und plötzlich ging es Schlag auf Schlag: Johannes Müller schuf Modelle des mittlerweile längst zur Geschichte gehörenden „Weissen Hauses” in Golzheim, er bildete die Dorfkirche nach, das Ehrenmal, das Rathaus in Merzenich, mehrere Fachwerkhäuser, die er an Reisezielen und Kurorten bewundert hat, und im vergangenen Jahr ließ er die Alte Kirche in Merzenich maßstabsgerecht in seiner Werkstatt erstehen.

Wer sich die Modelle anschaut, bekommt von Johannes Müller gleich noch einen Einführungskurs in Heimatgeschichte. Es ist schließlich nicht nur die Architektur der Gebäude, die ihn interessiert, sondern auch deren Historie. Nebenbei zimmerte er noch für die Familien seiner Kinder je eine Weihnachtskrippe, eine für eine Schwägerin und zwei für das eigene Haus in Golzheim. Der Bastler ist so vielfältig wie das Material, das er für sein Hobby verwendet.

Statt auf Sperrholz setzte der Modellbauer schon beim zweiten „Bauwerk” auf Massivholz: Eiche, Buche und Meranti. Beim Modell der Distelrather Kapelle, die im Volksmund nur „Ühledömchen” genannt wird, sind alle Dachschindeln aus Eiche geschnitten und dann mit Farbe und einer Art Granulat behandelt worden. In Form geschnittene Dachpappe hätte er dafür nie eingesetzt. „Wenn du einmal mit Holz anfängst, machst du alles damit”, sagt er. Die Fenster hat er einzeln mit der Laubsäge gefertigt, die Fensterbögen hat er zunächst aus dem Holz geschnitten und nachher wieder eingefügt. Der Turm, der im Original im 11. Jahrhundert aus Bruchsteinen errichtet wurde, besteht im Modell aus ungezählten einzelnen Holz-Bausteinen, die in ihrer Stärke von 80 Millimeter bis 3,2 Zentimeter variieren. Johannes Müller macht keine halben Sachen, er versucht, das Original ein zweites Mal zu errichten. Nur eben aus Holz. Eine Ungenauigkeit allerdings hat er sich beim „Ühledömche” ganz bewusst erlaubt: Der Grabstein, mit dem er den weitaus größeren Friedhof des Originals zitiert, hat keine Kriegsbeschädigung, er ist intakt.

„Wenn ich alles aufbaue, haben wir keinen Platz mehr im Haus”, sagt Johannes Müller und lacht. Was für ein Glück, dass die Modelle wie ein Baukasten-System aufgebaut sind. Türme und ganze Etagen lassen sich demontieren und so besser verstauen. Dieses System kam erst später zur Anwendung. Genauso hat sich auch die Vorbereitung auf den Bau eines Modells verändert: Früher stand Johannes Müller noch mit dem Zollstock am Original und hat mit dem Fernglas Ziegelsteinreihen abgezählt. Heute vermisst er Gebäude mit Laser-Technik. Anschließend zeichnet er Pläne, dann geht es in die Werkstatt.

„Immer am zweiten Weihnachtsfeiertag fängt er abends an”, verrät seine Frau Änni. „Das ist seine Winterarbeit.” Es ist in der kalten Jahreszeit nicht ungewöhnlich, dass ihr Mann plötzlich mit der Laubsäge im Wohnzimmer auftaucht und Fachwerk-Details ausarbeitet. „Na, in der Werkstatt ist es mir dann zu kalt”, sagt Johannes Müller. Nach der Weihnachtsfeier mit der Familie wird der Bastler aus Leidenschaft wohl wieder am Zeichenbrett sitzen und Pläne für hölzerne Modelle schmieden. Die langen Winterabende können kommen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert