Mit Smartphone und Tablet-PC auf Monsterjagd

Von: Anne Wildermann
Letzte Aktualisierung:
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Freche Ratte: Das lilafarbene Monster Rattfratz hockt in der Nähe des Rathauses und will sich nicht gleich von Carsten Sparn einfangen Lassen. Der rot-weiße Ball dient als Einfang-Werkzeug. Foto: Wildermann

Düren. Im Schatten des Hauses der Stadt steht Carsten Sparn (27) und wischt schnell mit den Daumen über das Display seines Handys. Der Einzelhandelskaufmann aus Birkesdorf kämpft gerade. Vielmehr sein Taschenmonster (englisch Pokémon, setzt sich aus den zwei Wörtern „pocket“ und „monster“ zusammen) namens „Hypno“ feuert auf den Gegner.

Das kleine Fantasiemonster erinnert an einen Löwen mit einer viel zu langen Nase. Gegner in diesem Kampf ist „Blitza“, eine gelbe Katze mit Hasenohren und aufgeplustertem Fell.

Ein Löwe? Eine Katze mit Hasenohren? Und das alles vor den Türen der Stadtbibliothek? Carsten ist einer von Zigmillionen „Pokémon-Go-Spielern“ in Deutschland, die den neuen Hype mitmachen. Das Besondere an diesem Spiel: Es wird in realer Umgebung entweder auf dem Smartphone oder auf dem Tablet gespielt. „Die Regeln sind eigentlich ganz einfach,“ sagt er und bezeichnet sich selbst als „Pokémon-Fan der ersten Stunde“. „Es geht darum, so viele von den kleinen Monstern zu fangen wie möglich – und das, wo man gerade ist“. Insgesamt sind es 150 Stück, die jeder Spieler einsammeln muss. Carsten, der unter dem Spitznamen „Carsi Bacon“ spielt, eine Anlehnung an den Schauspieler Karsten Speck, hat seit der Spielveröffentlichung vergangene Woche schon 69 von den kleinen agilen und bunten Monstern gefangen.

Carsten ist nicht der Einzige, den es an diesem heißen Tag zum Stadttheater führt. Zwei Schülerinnen kommen auch an dem Platz vorbei. „Die spielen auch“, sagt Carsten und blinzelt unter dem Schirm seiner Kappe hervor und erklärt, woran er das erkennt. „Wir Spieler wischen anders über das Handy, als wenn wir eine Nachricht schreiben oder im Internet surfen würde.“

Als Werkzeug, um die kleinen Monster einzufangen, dient dem jungen Mann eine kleine rot-weiße Kugel: der Pokéball. Mit einem gekonnten Wisch über das Handydisplay wirft er den Ball auf die kleine lilafarbene Ratte namens Rattfratz, die sich genau vor dem Haupteingang des Dürener Rathauses befindet. Frech grinst sie ihn an. „Na, die will sich nicht so leicht einfangen lassen“, murmelt er. Aufgeben ist für Carsten aber keine Option. Schnell zaubert er eine virtuelle Himbeere herbei und füttert die kleine, keck dreinblickende Ratte damit. „Jetzt wird sie etwas ruhiger und ich kann sie einfacher einfangen“, sagt Carsten und wirft den Pokéball auf sie. Er trifft sie auch beim zweiten Mal nicht, erst beim dritten Versuch erwischt er sie.

Die Vorläufer dieses Spiels sind die Video- und Sammelkartenspiele, die Ende der 1990er Jahre von Japan nach Deutschland kamen. Auch bei diesen Varianten muss man die kleinen Monster einfangen und zu Arenen gegen- einander kämpfen lassen. Das stärkste Pokémon gewinnt natürlich. Seit einigen Tagen wird die Jagd nach den bunten Monstern aber nach draußen verlegt. Carsten stört das überhaupt nicht. Im Gegenteil. „Dadurch entdecke ich Orte von Düren, die ich vorher noch nicht kannte oder zumindest nicht richtig. Außerdem erscheinen auf dem Handy kleinen Tafeln mit Infos über die Monumente und Gebäude, die Auskunft über Historie oder Allgemeines geben“, erklärt er.

Neulich war er auf Monsterjagd in Weisweiler. Dort gibt es einen jüdischen Friedhof, der einer der ältesten in NRW ist. Oder der Dürener Bahnhof, die Annakirche und das erwähnte Haus der Stadt. Sie werden im Spiel so Arenen, in denen die Monster gegeneinander kämpfen. „Vor allem am Bahnhof tummeln sich viele Jäger“, sagt Carsten. Schließlich ist es er hoch frequentiert – am Wochenende sogar noch mehr. „Manchmal kommen Leute auch nur hierher, weil sie ein Monster fangen wollen“, ergänzt Carsten. Mit dem Zug fahren, der eigentliche Zweck eines Bahnhofes, gerät da völlig in den Hintergrund.

Wenn Carsten sich unter der Woche von Düren auf den Weg zur Arbeit nach Aachen macht, fängt er auf diesen Kilometern zwischen fünf und sechs Pokémons. In wenigen Tagen hat er es bis in das 19. Level geschafft. Am Tag jagt er im Schnitt vier bis Stunden nach kleinen bunten Monstern. Selbst wenn es regnet, geht er raus. Versehentlich in die Rur ist er noch nicht gefallen.

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