Mit dem zweiten Anlauf auf die erste Stelle

Von: Stephan Johnen
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Michael Gilles (rechts) hat es geschafft: Nach einer außerbetrieblichen Ausbildung fand der Geselle eine Stelle im Malerbetrieb von Ralf Gaspar in Hürtgenwald-Schafberg. Foto: Stephan Johnen

Hürtgenwald. Die Frage, was ein Schulzeugnis wirklich über einen Menschen aussagt, kann Michael Gilles heute ganz leicht beantworten: „Alles - und Nichts.” Nichts, weil aus seiner Sicht kein Mensch mit einer Handvoll Noten umfassend beschrieben werden kann. Nichts, weil Noten im Zweifelsfall nur Bruchstücke über seinen Charakter, über seine Gefühle aussagen.

Und gleichzeitig stehen die Noten oftmals wie in Stein gemeißelt im Raum, wenn es um Bewerbungen geht. Dann sagt so ein Zeugnis nämlich auf den ersten Blick alles über einen Menschen aus, was ein potenzieller Arbeitgeber wissen möchte.

Das Hauptschul-Abschlusszeugnis mit einem Schnitt von 3,8 war sicherlich kein besonderer Blickfang, räumt Michael Gilles ein. „Ich hätte ich mich mehr melden sollen”, sagt er.

Eine Erkenntnis, die reifte, als vor drei Jahren unzählige Bewerbungsschreiben zu keinem einzigen Vorstellungsgespräch führten. „Wahrscheinlich reichte der Blick auf die Noten”, mutmaß Gilles. Er wirkt dabei ein wenig schüchtern.

Nein, er ist ein wenig schüchtern. „Der Junge muss sich besser verkaufen”, findet Malermeister Ralf Gaspar aus Hürtgenwald-Schafberg. „Bei Michael ist mir gleich aufgefallen, wie akkurat und sauber er arbeitet. Und dass er zu schüchtern ist”, fährt Gaspar fort.

An letzterem werde derzeit gearbeitet. Das handwerkliche Geschick des jungen Mannes ließ den Meister aber gleich aufhorchen. Damals, als Michael Gilles noch als Praktikant im Betrieb von Gaspar arbeitete. Heute hat er dort als Geselle eine feste Anstellung. Er hat eine Perspektive.

Die berufliche Zukunft des Düreners präsentierte sich zunächst eher in Grautönen. Seine Chance, sagt er, war eine sogenannte Berufsausbildung in einer außerbetrieblichen Einrichtung. Über die Qualitec, einer Tochter der Handwerkskammer Aachen, lernte Michael Gilles im Bildungszentrum BGE Düren sein Handwerk, erlernte den Beruf des Malers und Lackierers.

Gefördert wird diese Ausbildung für junge Menschen, die keine Lehrstelle gefunden haben, von der Agentur für Arbeit. In Düren werden derzeit acht Maler und Lackierer ausgebildet, aber auch Friseure, Metallbauer und Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker.

Die sozialpädagogisch betreute Berufsausbildung verbindet praktische Arbeit in den Werkstätten mit Stützunterricht. Zudem absolvieren die Azubis regelmäßig Praktika in Handwerksbetrieben. „In der Werkstatt arbeiten die Auszubildenden in einem geschützten Rahmen. Sie sollen aber auch wissen und erfahren, wie es in der Berufswelt zugeht”, erklärt Horst Engel, Obermeister der Maler- und Lackierer-Innung, das Prinzip der außerbetrieblichen Ausbildung.

Schulische Defizite, soziale Probleme oder Schwierigkeiten, einen geregelten Arbeitstag einzuhalten: Die Probleme mancher junger Menschen seien vielfältig, sagt Engel. „Aber in den Jungs und Mädchen steckt Potenzial. Es muss nur gekitzelt werden.”

Michael Gilles ist jemand, der sich kitzeln ließ. „Die Arbeit macht Spaß. Ich wusste schnell, dass es das Richtige für mich ist”, sagt er. Die Note der Gesellenprüfung belegt das: Gilles wurde Innungsbester.

„In vielen Betrieben fehlt die Zeit, sich so intensiv um Lehrlinge zu kümmern”, mutmaßt Ralf Gaspar. Da falle so jemand wie Michael Gilles schnell durchs Raster. Sofern er überhaupt den Einstieg schafft.

„Beim Blick aufs Zeugnis war ich selbst zunächst unsicher”, räumt der Meister ein. Aber er hatte die Möglichkeit, sich ein Bild von Michael Gilles zu machen, während der Dürener als Praktikant in Schafberg arbeitete.

Ob er den Schüler damals als Lehrling eingestellt hätte? Ralf Gaspar zuckt mit den Schultern. Er weiß es nicht. Vielleicht ja, vielleicht nein. Eine hypothetische Frage. „Aber eines weiß ich mit Sicherheit”, sagt er. „Jeder Mensch verdient eine Chance.” Michael Gilles hat sie genutzt.
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