„Mein Bücherregal“: Ahmad Katleshexte vertont Texte für junge Araber

Von: Anke Holgersson
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Ahmad Katlesh mit seiner Online-Bibliothek im Mini-Studio. Foto: ah

Langenbroich. Die Frage nach Ahmad Katleshs Bücherregal trifft ziemlich genau mitten ins Zentrum seiner Arbeit. Katlesh ist ein 29-jähriger Schriftsteller und Künstler aus Syrien, der im Heinrich-Böll-Haus wohnt. Als Stipendiat konnte er dort in den vergangenen Monaten seine literarischen Projekte weiterführen.

„Mein Bücherregal ist hier drin“, sagt er und zeigt auf sein Tablet, das Literatur in digitaler Form enthält – seine „Online-Bücherei“. Die teilt er mit vielen jungen Menschen in der arabischen Welt. Mit seiner Geschichte endet die DZ-Serie „Mein Bücherregal“.

Katleshs liebt die Werke des spanischen Lyrikers und Dramatikers Frederico Garcia Lorca, von Bertolt Brecht, Albert Camus, Robert Musil, Heinrich Hesse und William Shakespeare. Er mag auch junge deutsche Autoren wie Nora Bossong und Sargon Boulus, einen irakischen Dichter. Katlesh wählt aus dem reichen Schatz der internationalen neueren Literatur seine Lieblingsstellen aus und stellt sie zeitgemäß in einem digitalen Schaufenster aus.

Er spricht zwei- bis fünfminütige Schnipsel aus Romanen, Novellen, Kurzgeschichten und Gedichten in seinem Ministudio ein und bietet sie auf der Internetplattform „Soundcloud“ an. Sein kleines Studio besteht aus Mikrofon und Schallschutz.

Der Künstler spricht die Texte auf Arabisch ein: So will er jungen Arabern in der ganzen Welt diese Gedanken-Schätze zugänglich machen. „In den vergangenen fünf Jahren hat sich das Interesse von jungen arabischen Menschen am Lesen vervielfacht. Überall entstehen Buchclubs“, sagt der Stipendiat. Darum sei seine Seite auch so erfolgreich.

Die Klicks belegen die enorme Reichweite seines Kanals: 4000 bis 5000 Zuhörer täglich. 312 Literaturschnipsel hat er bislang aufgezeichnet und mit Musik unterlegt. Nachdem er das Projekt 2014 gestartet hatte, klickten 3.200.000 Menschen einen seiner Literaturtipps an. Die meisten seiner Hörer sind in Saudi-Arabien zu Hause. Andere stammen aus dem Libanon, aus Palästina, Marokko und anderen arabischen Ländern.

Einmaliges Projekt

500 Klicks wöchentlich aus Deutschland verzeichnet Katlesh. Vergleichszahlen zu benennen ist zwar schwierig, da ein solches Projekt bisher einmalig ist. Katlesh ist nach eigener Recherche jedoch der erste, der sich solch einem Vorhaben widmet. „Ich möchte dabei helfen, arabischen Jugendlichen neue Denkweisen zu eröffnen“, erklärt Katlesh. „Und zwar auf der Grundlage der großen Dichter und Denker in der ganzen Welt und nicht auf der Basis religiöser Texte, die sonst oft die einzigen literarischen Quellen sind für viele junge Leute in arabischen Ländern.“

Einige seiner Bücher bestehen tatsächlich aus Papier und Druckerschwärze und sind nicht nur digitale Datein. Dass sie im Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich stehen, ist ein kleines Wunder: Er selbst empfindet es als „eigentlich verrückt“, dass er bei seiner Flucht aus Syrien auch unter Lebensgefahr auf seine schweren gedruckten Freunde nicht verzichten wollte.

Allen voran die Werke von Anton Tschechow. Ihn bewundere er nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Mensch. Tschechow habe ebenfalls in einer von Kriegen gezeichneten Welt gelebt. Er habe es meisterhaft verstanden, von den „normalen Dingen“ zu schreiben und sie dadurch interessant und wichtig zu machen. Ebenso gäbe es ja auch in Syrien weiterhin Normalität: Leute verliebten sich, gingen zur Arbeit – davon wolle er erzählen. Darüber, dass die Bedürfnisse der Menschen überall auf der Welt gleich sind.

Choreographie am 30. September

Drei der Werke des russischen Schriftstellers, darunter dessen Tagebuch, nahm er mit. Von den Büchern, die er selbst verfasst hat, schaffte es nur ein Kurzgeschichten-Band ins Gepäck. Die von ihm editierte Sammlung vieler mündlicher Überlieferungen aus Syrien blieben in Damaskus.

Katlesh, der in seiner Heimat auch ein Mathematik-Studium absolviert hatte und ein gut gehendes Geschäft für Design-Gardinen führte, setzt sich in eigenen Texten mit seinen Erfahrungen in Deutschland und mit der Einsamkeit auseinander, die er empfindet. Zudem recherchiert er für eine Anthologie mit Texten syrischer Schriftsteller, die er gerne herausbringen möchte. Darüber hinaus arbeitet er mit der Kölner Tänzerin Charlotte Triebus an einer Choreographie, die Wort und Tanz zusammenbringt. Sie wird beim Sommerfest des Heinrich-Böll-Hauses am 30. September zu sehen sein.

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