Düren - „Medizin hautnah“: Die Wunderwaffe Antibiotika wird stumpf

„Medizin hautnah“: Die Wunderwaffe Antibiotika wird stumpf

Von: Stephan Johnen
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Die richtige und gründliche Desinfektion der Hände will gelernt sein, dauert aber nur 30 Sekunden. Wie es geht, können die Besucher unseres Medizinforums am 25. Juni ab 18 Uhr im Foyer des Dürener Krankenhauses lernen.
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Dr. Bernhard Heising leitet das Zentrum für Infektiologie und Krankenhaushygiene. Foto: sj

Düren. „Killer-Keime“ – dieses Wort mag Dr. Bernhard Heising nicht besonders gerne. Er spricht lieber von multiresistenten Keimen. Gemeint sind Bakterien, die mit keinem Antibiotikum mehr bekämpft werden können.

Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, möchte der Leiter des Zentrums für Infektiologie und Krankenhaushygiene des Dürener Krankenhauses auf keinen Fall herunterspielen. „Die Weltgesundheitsorganisation stuft die Multiresistenz als eine Bedrohung der Menschheit ein“, sagt Heising. Wie in Kliniken der Kampf gegen diese Keime geführt wird – und wie Antibiotika verantwortlich von Medizinern eingesetzt werden: Darum geht es beim nächsten Forum „Medizin hautnah“ unserer Zeitung, des Krankenhauses Düren und der AOK am Donnerstag, 25. Juni, 18 Uhr, im Foyer der Klinik an der Roonstraße.

„Wenn in den Medien berichtet wird, ist meist von MRSA die Rede“, sagt der Mediziner. Meist siedeln sich diese Bakterien in Nasenvorhof oder Rachen an. Erst wenn sie beispielsweise über Wunden in den Körper gelangen, kann eine Infektion ausbrechen. „In diesem Bereich ist in den vergangenen Jahren viel Geld in die Forschung geflossen“, sagt Heising.

Mittlerweile gebe es „zehn wirksame Medikamente“. Ganz anders sei das Bild bei den Darmkeimen. „Die Lage ist dramatisch, es stecken keine neuen Medikamente in der Forschungspipeline.“ Prinzipiell trage jeder Mensch etwa zwei Kilogramm Keime in seinem Darm, die große Mehrheit davon sei sogar nützlich. Doch einige wenige, die zunehmend Resistenzen entwickeln, können erheblichen Schaden anrichten. „Im Fall einer Infektion kommt es bei Multiresistenzen dann nur noch auf die eigene körperliche Verfassung an, ob ein Patient überlebt“, sagt Heising. Es müsse dringend mehr Geld in die Forschung gesteckt werden.

Doch auch die Mediziner und das Pflegepersonal stehen in der Verantwortung: „Die Weiterverbreitung von Keimen erfolgt größtenteils über die Hände von Ärzten und Pflegenden, nicht über die Luft“, weiß Heising. Die Hygienefachkraft Frank Rey aus seinem Team spricht daher am 25. Juni unter anderem über das richtige Desinfizieren von Händen.

„Die Krankenhäuser haben das Thema erkannt“, bilanziert Bernhard Heising. Die Kliniken hätten kräftig nachgerüstet und investiert. Auch regelmäßige Schulungen und Überprüfungen der Hygienestandards gehörten zum Alltag. „Angesichts von Zeitmangel darf dieses Thema, das auch Kosten verursacht, nie aus dem Bewusstsein geraten“, betont der Mediziner. Dafür sorgten beispielsweise er und sein Team.

Weil in Krankenhäusern auf überschaubarem Raum viele Patienten versorgt werden, gelte es auch bei jedem Patienten von Beginn an auf multiresistente Keime zu achten. Es sei beispielsweise möglich, diese unbemerkt aus dem Urlaub zu „importieren“, besonders aus dem Mittelmeerraum. Nicht nur nach dem Toilettengang sei besonders auf Handhygiene zu achten. Je nach Vorgeschichte des Patienten sei ein Screening auf Darmbakterien sinnvoll, um im Zweifelsfall Patienten zu isolieren. „Einmal haben wir im vergangenen Jahr wegen einer Infektion Alarm geschlagen“, sagt Heising.

Ein großes Problem, das die Entwicklung von Resistenzen beschleunige, sei die großflächige Nutzung von Antibiotika, beispielsweise in der Tierzucht. Aber auch in Arztpraxen. In keinem anderen Bundesland werde einer Statistik der gesetzlichen Krankenversicherungen zufolge mehr Antibiotika verschrieben als in NRW: Im Jahr 2011 erhielten von 1000 Versicherten täglich 17 ein Antibiotikum, in vielen ostdeutschen Bundesländern sind es nur elf von 1000 Versicherte. „Jeder zweite AOK-Versicherte im Kreis Düren hat im vergangenen Jahr ein Antibiotikum genommen“, sagt Regionaldirektor Waldemar Radtke. „Das sind erschreckende Zahlen“, findet Heising.

85 Prozent der Medikamente würden im ambulanten Bereich verschrieben, 15 Prozent in Krankenhäusern. „Der schnelle Griff zum Antibiotikum schadet in manchen Fällen mehr als er nutzt“, fordert Heising von Ärzten einen sparsamen Einsatz der ehemaligen Wunderwaffe, die drohe, stumpf zu werden. Es spreche ja nichts dagegen, beispielsweise nach einer OP ein Antibiotikum zu verschreiben, wenn der Patient Fieber habe. Dies könne sogar Leben retten. „Aber es muss täglich kontrolliert werden, ob dies weiter notwendig ist, und ob die Dosis reduziert werden kann.“ Vielfach würden auch Patienten von ihrem (Haus-)Arzt ein Antibiotikum fordern, obwohl dies nicht notwendig sei.

Das Forum „Medizin hautnah“ ist kostenlos, Zuhörer können kostenlos das Parkhaus der Klinik benutzen. Im Anschluss an die Vorträge stehen die Experten Rede und Antwort.

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