Mauerfall: Menschen aus Ost- und Westberlin erzählen

Von: Gudrun Klinkhammer
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Den Fall der Mauer haben die Menschen auch 25 Jahre nach dem historischen Ereignis nicht vergessen. Foto: Stock/F. Berger
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Dirk Christian Siedler wuchs in West-Berlin auf und studierte in seiner Heimatstadt.
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Janina Klajnowski wuchs in Ost-Berlin auf.

Düren. Unscheinbar sieht der kleine Kalender aus, den Dr. Dirk Christian Siedler vor sich auf dem Tisch liegen hat. Der Einband ist grün, auf dem abgegriffenen Buchrücken steht die verblasste Zahl „1989“.

Der Dürener Pfarrer schlägt das Büchlein auf. Sein Daumen fährt die Seiten entlang und stoppt an einem Donnerstag, 9. November. Ganz oben in der rechten Ecke stehen zwei gerahmte Worte: „Grenze geöffnet!“ Derart nüchtern trug er den Mauerfall ein. Seit 1961 stand die Mauer, die genaue Zahl der an der Mauer Getöteten ist nicht bekannt. Dirk Christian Siedler wuchs in West-Berlin auf und studierte in seiner Heimatstadt.

Der Mauerfall am Abend des 9. Novembers war für ihn nur eine Etappe in einer mehrmonatigen Entwicklung. Der 47-Jährige berichtet: „Bereits im August kamen erste Ideen auf, dass die Grenze wackelt.“ Damals verfolgte er die Ereignisse in der Prager Botschaft und an der ungarischen Grenze sehr genau.

Wird es friedlich bleiben?

Am 5. November fand in Berlin auf dem Alexanderplatz eine große Demonstration statt. Mit Freunden saß er in einem Englischkurs und die Studenten sprachen über die Lage. Die Menschen fühlten Angst: „Wird die Entwicklung friedlich bleiben? Keiner wusste, wie die Sowjetunion reagiert.“ Zwar habe die Situation einen stabilen Eindruck gemacht, doch hätte sie schnell kippen können. Am 9. November las der damals 22-Jährige am Abend eine Zeitung, danach ging er zu Bett. Einen Fernseher besaß er nicht.

Erst am nächsten Morgen wurde er gewahr, was geschehen war: „Ich hörte im Radio eine Reportage von der Bornholmer Straße, die wirkte auf mich zunächst völlig irreal und unglaublich.“ Doch als der Reporter beschrieb, wie die Menschen feierten und auf der Mauer standen, da realisierte der Theologiestudent, was passiert war. Heute sagt er: „Der 10. November war für mich persönlich der wichtigere Tag.“ Am Nachmittag besuchte er eine Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus und zog danach zur Mauer.

Tageszeitungen druckten Sonderausgaben, speziell seine Großeltern reagierten emotional. Dirk Christian Siedler weiß: „Für meine Großeltern und Eltern schloss sich ein Kreis.“

Janina Klajnowski wuchs in Ost-Berlin auf. Da ihre alleinerziehende Mutter am 9. November mit einer Grippe im Bett lag, saß Janina vor dem Fernseher und „zappte“. Der Zehnjährigen fiel auf, dass das Wort „Berlin“ äußerst oft in den Berichterstattungen vorkam, auch hörte sie auf der Straße die Stimmen vieler Menschen. Janina Klajnowski wundert sich darüber heute nicht mehr: „Wir lebten in der Nähe eines Grenzübergangs und die Menschen strömten dorthin.“

Die 35-Jährige, die nach dem Abitur nach Mariaweiler zog und dort eine Ausbildung absolvierte, ging unmittelbar nach dem Mauerfall zur Schule, doch sie saß alleine mit einem Aushilfslehrer im Klassenraum. Mit ihrer Mutter ging sie nach der Grenzöffnung in Westberlin bummeln. Die Erinnerung brannte sich ein: „Unsere Augen wurden in den West-Geschäften ganz groß, die Menschen um uns herum redeten viel und ich fühlte, dass das ein anderer Menschenschlag war.“ Bonbons aus dem Westen schmeckten den ehemaligen Ostberlinern zunächst dermaßen süß, dass sie diese gar nicht essen mochten.

Der Zahnpastakauf ist bis heute ein Erlebnis geblieben. Janina Klajnowski erzählt schmunzelnd: „In der DDR gab es Zahnpasta mit und ohne Geschmack, mehr gab es nicht und damit waren wir zufrieden. Wir haben nichts vermisst, was wir ja sowieso nicht kannten.“

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