Maigesellschaft Derichsweiler: Brauchtum, Gemeinschaft und viel Spaß

Von: Sandra Kinkel
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Schwarzer Anzug, Zylinder und weiße Handschuhe sind zu festlichen Anlässen immer noch Pflicht. Foto: kin
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Für Tobias Mandt (links) und Fabian Orlowski ist die Maigesellschaft Derichsweiler ein Stück Heimat. Foto: kin
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Traditionell gehören auch Pferde zum Maiumzug in Derichsweiler. Foto: Maigesellschaft
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Auch im Jahr 1951 war der festliche Aufzug zu besonderen Anlässen obligatorisch. Foto: Maigesellschaft

Düren. „Ich habe Kameradschaft und Gemeinschaft noch nirgendwo so kennengelernt wie bei der Maigesellschaft. Es schweißt einfach enorm zusammen, mit vielen anderen ein Maifest zu organisieren, das weit über 1000 Menschen besuchen. Oder wenn man mit 70 anderen Junggesellen ohne Kran einen 27 Meter hohen Baum aufstellt. Das ist ein Erlebnis.“ Tobias Mandt, übrigens vor 26 Jahren im Westerwald geboren und amtierender Vorsitzender der Maigesellschaft Derichsweiler, kommt richtig ins Schwärmen.

„Da, wo ich herkomme, spielt das Maibrauchtum keine wirkliche Rolle. Seitdem ich in Derichsweiler bin, bin ich aber dabei.“ Im Dürener Stadtgebiet gibt es derzeit noch acht Maigesellschaften. Die Truppe aus Derichsweiler war die erste Maigesellschaft, die nach dem Krieg das Brauchtum wieder aufleben ließ, und feiert in diesem Jahr ihr 70-jähriges Nachkriegs-Bestehen.

Mandt: „1945 hatten die Siegermächte ein grundsätzliches Vereins- und Versammlungsverbot erlassen. Es war gar nicht so einfach, beim Kommandanten der Militärregierung eine Genehmigung für die Wiederbegründung der Maigesellschaft zu bekommen.“ Johann Hambach, Matthias Winkel und Willi Esser ist dieses Kunststück gelungen. Die drei Männer stellten einen förmlichen Antrag in englischer und deutscher Sprache, sie und ihre politische Gesinnung wurden gründlich überprüft – und die Genehmigung zur Wiederbegründung der Maigesellschaft schließlich erteilt.

Mandt: „Johann Hambach, Matthias Winkel und Willi Esser mussten damals persönlich für jedwede Verfehlung der Mitglieder der Maigesellschaft haften. Aber das Brauchtum war ihnen so wichtig, dass sie das auf sich genommen haben.“

Auch Tobias Mandt und sein Vorstandskollege Fabian Orlowski (22), der in Aachen Rohstoffingenieurwesen studiert, legen Wert auf Traditionen. Manche Dinge ändern sich in der Geschichte einer Maigesellschaft nie, auch nicht in 70 Jahren. „Wir tragen bei festlichen Anlässen immer noch schwarzen Anzug, weißes Hemd, Zylinder und weiße Handschuhe“, sagt Orlowski.

Und natürlich werden auch in der Mainacht immer noch die unverheirateten Frauen aus Derichsweiler, die mindestens 16 Jahre alt sind, versteigert. Mandt: „Bis Mitte der 70er Jahre haben wir die Daten der Mädchen und Frauen von der Stadt Düren bekommen. Seitdem das aus Datenschutzgründen nicht mehr geht, gehen wir im April von Haustür zu Haustür und fragen nach unverheirateten Frauen und Mädchen.“ Die meisten der rund 2300 Einwohner von Derichsweiler hätten sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt.

„Manche gucken ein bisschen verdutzt“, sagt Orlowski. „Aber so richtig unfreundlich ist eigentlich keiner.“ Den Einwand, die Versteigerung von Frauen (es ist durchaus möglich, in der Mainacht mehr als eine Dame zu kaufen), sei nicht mehr ganz zeitgemäß, lassen Mandt und Orlowski nicht gelten.

„In unserer Maigesellschaft“, sagt Mandt, „ist vom Hauptschüler bis zum Physik-Doktoranden alles vertreten. Das sind moderne junge Männer, die natürlich kein antiquiertes Frauenbild haben. Aber es sind Männer, denen das Brauchtum wichtig ist.“ Maigesellschaften würden sich auf eine jahrhundertealte Tradition berufen. „Und die wollen wir erhalten. Mehr nicht. In der Mainacht eine Frau zu ersteigern, bedeutet, dass man mit ihr ausgehen darf. Es bedeutet nicht, dass die Frau einem gehört.“

Tobias Mandt, der im richtigen Leben als stellvertretender Verwaltungsleiter in einem mittelständischen Unternehmen arbeitet, war selbst im vergangenen Jahr Maikönig. „Es ist ja so, dass die Junggesellen ganz oft ihre Partnerinnen ersteigern. Die Mädchen in Derichsweiler wachsen damit auf. Das ist für die ganz normal.“

Natürlich haben sich im Laufe der Jahrzehnte auch einige Dinge verändert. Die bunten Plüme für den Maibaum werden beispielsweise mittlerweile aus wasserfestem Papier hergestellt.

Das Maifest findet nicht mehr in einer Gaststätte im Dorf, sondern im Festzelt statt, gefeiert wird nicht mehr einen, sondern drei Tage lang. Orlowski: „Freitags veranstalten wir eine Art Disco, um junge Leute anzulocken. So gesehen gehen wir schon mit der Zeit.“ Heute Abend bei der Versteigerung ist aber alles so wie immer. Tobias Mandt: „Um die 200 Frauen können ersteigert werden. Ich schätze, etwa die Hälfte wird einen Maibaum oder ein Maiherz bekommen.“

Der Erlös der Versteigerung kommt übrigens der Maigesellschaft zugute, die noch lange nicht ans Aufhören denkt.

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