Düren - Luther und Koran: So sieht das Arbeitszimmer eines Pfarrers aus

Luther und Koran: So sieht das Arbeitszimmer eines Pfarrers aus

Von: Anke Holgersson
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Wie man es sich bei einem Pfarrer wie Dr. Dirk Siedler vorstellt, umfasst sein Bücherregal viele Werke über Religion und Theologie. Foto: Holgersson

Düren. „Haben Sie die Bücher alle gelesen?“ Das ist eine häufig gestellte Frage im Arbeitszimmer von Pfarrer Dr. Dirk Siedler. Dort empfängt er zum Beispiel Paare, die sich von ihm trauen lassen wollen, zum Gespräch. Die trockene Antwort, deren Betonung man Siedlers Sozialisation in Berlin auch nach vielen Jahren im Rheinland noch anhört, lautet dann: „Nein. Natürlich nicht.“

Rechnet man die Lexika und arabischen Koran-Ausgaben ab, dürfte die Quote der gelesenen Exemplare aber sehr hoch sein.

Kürzlich hat Siedler, der eine wichtige Arbeit darin sieht, das Gespräch zwischen den Handelnden der verschiedenen in Düren vertretenen Religionen in Gang zu bringen und zu halten, selbst ein Buch herausgegeben. Er nimmt es aus der Abteilung, die er die „interreligiöse Ecke“ nennt.

Hier stehen verschiedene Ausgaben und Übersetzungen des Koran, Schriften aus und über das Judentum und philosophische Werke zu Theologie und Austausch der Religionen. Wie eben der von ihm zusammengestellte Band „Dialog und Begegnung. Impulse für das Gespräch zwischen Christentum und Islam“.

Die Autoren mit christlichem, muslimischem oder philosophischem Hintergrund widmen sich den Grundlagen der Gesprächskultur. So etwa am Beispiel der Definition von Verfolgung und Diskriminierung: Gibt es einen Unterschied? Lässt sich die These, dass Christen die am meisten verfolgte religiöse Gruppe sind, halten, wenn man hinterfragt, wie man Verfolgung misst und vergleicht? Siedler nimmt eine deutsche Ausgabe des Koran aus den 80ern.

„Das ist mein Arbeits-Koran,“ sagt er und deutet auf die vielen Klebezettel. Das Wichtigste, das in diesem Buch steht? Siedler verkürzt Komplexes nicht gerne, formuliert dann aber zwei Aussagen: „Der Koran erkennt alle anderen Religionen an. Das Töten anderer Menschen ist laut Koran wie ein Anschlag auf Gott selbst.“ Und: Der Koran sei ein lyrisches Buch.

Die Rezitation sei genauso wichtig wie das Verstehen-Wollen. Muslime näherten sich dem arabischen Text auch ästhetisch, über die Rezitation als Kunstwerk. Das klingt für Christen fremd, obwohl auch in Deutschland bis in die 60er manche katholische Messe auf Latein gehalten wurde. Eine Sprache, die für viele Gläubige unverständlich gewesen sein mag.

Siedler hat privat, seit er als 15-Jähriger ein Referat über Beethoven gehalten und dafür seine erste Rowohlt-Monografie gelesen hat, eine Schwäche für Biografien. Er liest sie bevorzugt im Urlaub. Wann immer er auf eine interessante Person trifft, spürt er ihr so nach. Und selbstverständlich findet sich in seiner Sammlung auch eine Luther-Monografie. Die Auseinandersetzung mit dem Reformator Martin Luther hat in 2017 – dem 500. Jahr nach der Reformation – einen besonderen Stellenwert für Siedler.

Unter den Büchern, die ihn zurzeit begleiten, finden sich zwei Werke, die sich mit Luther auseinandersetzen. Aus Heinz Schillings Biografie über ihn hat Siedler gelernt, dass auch Luther vieles nicht wahrgenommen habe: Den Beginn der Globalisierung mit der Entdeckung Amerikas zum Beispiel, deren Konsequenz für die Welt er nur teilweise erkannt habe.

Das zweite Buch ist das eines italienischen Autorenkollektivs zur Reformationsgeschichte, das nicht nur fesselnd sei, sondern mit der Schilderung der Grausamkeiten, die damals im Namen der Religion verübt wurden, auch religionskritisch. Siedler schätzt diese Eigenschaft an Büchern. „Daran kann ich meine Meinung messen und mich dazu in Beziehung setzen.“

Die Schattenseiten der Religion beleuchtet auch der Roman „Bilqiss“ von Saphia Azzeddine, das Siedler kürzlich beeindruckt hat. Er erzählt die Geschichte der Gerichtsverhandlung einer jungen Frau, die in einem islamischen Land gesteinigt werden soll, und bindet unterschiedliche Perspektiven ein. Eine Eigenschaft, die gute Bücher wie gute Gespräche kennzeichne, findet Siedler.

Nächster Termin für den christlich-islamischen Gesprächskreis: Mittwoch, 13. September, 19 Uhr im Haus der evangelischen Gemeinde. Referent: Mouhanad Khorchide, islamischer Theologe.

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