Low-tec fordert verbindliche Standards von der Politik

Von: sj
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Die Low-tec bietet ein facettenreiches Bildungs- und Qualifizierungsprogramm an, 14 Berufe können dort erlernt werden. Foto: Stephan Johnen

Düren. Es ist für Josef Macherey auch nach vielen Berufsjahren noch erstaunlich, was sich aus den 26 Buchstaben des Alphabets alles machen lässt: „Horizont“, „BIWAQ“ und „UVgA“ sind nur einige Beispiele für Abkürzungen, hinter denen sich Qualifizierungs- und Beschäftigungsprojekte verbergen.

Mit durchdachten Konzepten werden bei der Dürener Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft Low-tec beispielsweise junge Leute aus sogenannten bildungsfernen Familien für eine Ausbildung fitgemacht, oder ältere Arbeitnehmer, die mit Mitte 50 den Job verloren haben, fortgebildet, um wieder Anschluss zu finden.

Nach zwei bis drei Jahren laufen diese zum Teil zuvor europaweit ausgeschriebenen Projekte dann aus, weil die Förderung endet. Und die Low-tec-Geschäftsführer Josef Macherey, Peter Brendel und ihre Kollegen müssen neue Projekte entwickeln, neue Bewerbungen schreiben, neue Fördertöpfe anzapfen und sich an neue Namen gewöhnen. Obwohl sie das alte Ziel verfolgen: Menschen Teilhabe am Erwerbsleben zu ermöglichen.

„Flexibel sein“

„Es ist egal, ob ein Projekt gut funktioniert. Das Rad muss jedes Mal neu erfunden werden“, sagt Macherey. Es ist ein Prozess, den auch andere Träger nur zu gut kennen dürften. Manchmal führe dieser Prozess dazu, dass gewisse Angebote komplett verschwinden. Die berufsbereitenden Bildungsmaßnahmen am Standort Eschweiler beispielsweise.

Die Low-tec hat das Aus der Niederlassung jüngst erst abgewendet, schichtete intern Projekte um. „Man muss als Mitarbeiter schon flexibel sein“, räumt Macherey ein. Und es bedarf einer beinahe generalstabsmäßigen Planung, um sich jede Runde aufs Neue mit seinen Konzepten auf dem hart umkämpften „Markt“ für Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen durchzusetzen. „Als tarifgebundener Träger zahlen wir Mitarbeitern zum Teil 45 Prozent mehr als den Mindestlohn“, rechnet Macherey vor. Anspruch der gemeinnützigen Low-tec sei es, den diakonischen Auftrag mit der Ökonomie zu vereinbaren. Ein Großteil der 90 Low-tec-Mitarbeiter ist projektbezogen eingestellt, der Bedarf an solchen Hilfen ebbt nicht ab. Im Gegenteil sogar.

Was nachlässt, ist die staatliche Förderung. Seit dem Jahr 2010 sind beispielsweise die Eingliederungshilfen für Hartz-IV-Empfänger im Kreis Düren um 45 Prozent beziehungsweise sieben Millionen Euro gekürzt worden.

„Die gute Konjunktur hat an der Sockelarbeitslosigkeit kaum etwas verändert“, bilanziert Josef Macherey. Arbeitsmarktzahlen seien „hochpolitisiert“. Und die Politik dränge auf schnelle Erfolge. Die Arbeit mit Schulverweigerern und Jugendlichen, „die nicht gerade eine leichte Kindheit hatten“, brauche aber Zeit. „Wir sanieren die Haushalte kurzfristig auf Kosten der Hartz-IV-Empfänger“, befürchtet Macherey.

Wer beispielsweise mehrere Vermittlungshemmnisse habe, also beispielsweise keinen Schulabschluss hat und Drogen nimmt, drohe, „abgeschrieben zu werden“. Auf Dauer könne sich die Gesellschaft das nicht leisten, zumal Arbeitskräfte heute schon in vielen Bereichen knapp sind. „Wir wollen auch kein Durchlauferhitzer sein und Menschen, die Hilfe benötigen von einer kurzfristigen Maßnahme in die nächste schicken“, fügt Macherey hinzu.

Er fordert verbindliche Standards, mehr Planungssicherheit – und vor allem mehr Bereitschaft auf Seiten der Politik, einen langen Atem zu haben. „Das Tolle ist, dass wir es hinbekommen: Die Jugendlichen lernen das Lernen, sie packen die Ausbildung in unseren Werkstätten, sie schaffen den Sprung aus Hartz-IV“, sagt Macherey. Doch auch diese Angebote seien von Kürzungen nicht ausgenommen.

Ein weiteres Anliegen des Low-tec-Geschäftsführers ist der Aufbau eines öffentlich geförderten Arbeitsmarkts für Menschen, die sonst kaum Chancen haben. Zum einen sei eine sinnvolle Arbeit wichtig für das Selbstwertgefühl, zum anderen würde so manchen Kindern ein anderer Lebensentwurf offeriert werden als erwerbslose Eltern.

„Die Finanzierung von Arbeit für diese Menschen ist kaum teurer als die Finanzierung ihrer Arbeitslosigkeit“, bezieht sich Macherey auf Berechnungen des Evangelischen Fachverbandes für Arbeit und soziale Integration. Er unterstreicht die Forderungen der vom Fachverband und anderen Partnern ins Leben gerufenen „Initiative pro Arbeit“, allen Menschen eine Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Damit könne auch die Entstehungen von „Erwerbslosen-Dynastien“ verhindert werden.

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