Düren - Lesung mit Maria von Welser: Das Leid der Kinder und ihrer Mütter

Lesung mit Maria von Welser: Das Leid der Kinder und ihrer Mütter

Von: Anke Holgersson
Letzte Aktualisierung:
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Maria von Welser las aus ihrem Buch „Kein Schutz – nirgends“ im Kreishaus Düren. Die Frauenberatungsstelle in Jülich hatte zu der Lesung eingeladen hatte. Foto: Holgersson

Düren. Maria von Welser ist vielen Menschen als Gesicht des ZDF-Frauenjournals „ML-Mona Lisa „bekannt. Sie betreute das Magazin während ihrer aktiven Zeit als Moderatorin und Chefredakteurin. Jetzt las die Autorin im Kreishaus aus ihrem neuesten Buch „Kein Schutz – nirgends“. Sie beschäftigt sich darin mit der verzweifelten Situation von Frauen und Kindern, die sich auf der Flucht vor Krieg und Krisen befinden.

Von Welser ist in die großen Flüchtlingslager im Libanon, in Jordanien, in Eritrea, in der Türkei, in Syrien und auf der griechischen Insel Lesbos gereist. Die Geschichten der Frauen, die sie interviewt hat, veröffentlichte sie in ihrem Buch.

Der Lese-Abend wurde organisiert von den Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle in Jülich. Sie waren angesichts der Fernsehbilder im Sommer/Herbst 2015 ratlos. Der Großteil der Zuflucht suchenden Menschen waren Männer. Wo aber waren die Frauen und Kinder, die von Krieg und Vertreibung mindestens in gleichem Maße betroffen sein mussten?

Maria von Welser kannte die Antwort: In der Tat seien 75 Prozent der Menschen, die 2015 nach Deutschland kamen, Männer im Alter von 14 bis 35 Jahren gewesen. Ihre Familien hätten alles auf eine Karte gesetzt und Geld zusammengekratzt, um die körperlich Starken voran zu schicken, damit sie später die Schwächeren nachholen können. Das sei genau in dem Moment passiert, erinnerte von Welser, als die Gebernationen es Ende 2014 versäumt hatten, das zugesagte Geld für die „World Food Programme (WFP)-Nahrungsmittelhilfe“ zu überweisen. Das hätte die Hungersnot in den Lagern um Syrien herum so stark verschlimmert, dass die Betroffenen sich zum Handeln gezwungen gesehen hätten.

„Die Festung Europa steht jetzt wieder“ stellte von Welser fest. „Die Menschen in Not sind noch da.“ Es seien vor allem die Frauen und Kinder, die festsäßen in Flüchtlingslagern, ohne Hoffnung auf eine Zukunft.

Sie erzählte von Jesidinnen, die sie in einem Flüchtlingslager in der Türkei getroffen hat und die dort unter sehr schwierigen Bedingungen lebten, während sie versuchten, zu verarbeiten, was ihnen von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) angetan wurde. Die Frauen seien unter Drogen gesetzt, missbraucht und verkauft worden, ihre Männer vor ihren Augen enthauptet.

Die vierte Ehefrau

Von Welser berichtete von einer Familie in einem Lager im Libanon, die auseinandergerissen wurde, weil die syrische Mutter aus ihrer Not heraus die vierte Ehefrau eines muslimischen Libanesen wurde, der ihre Kinder aber nicht aufnehmen wollte.

Welser erzählte davon, wie geschäftstüchtige Libanesen selbst Ruinen an Syrer vermieteten, um möglichst hohe Profite zu erwirtschaften. Aber auch davon, dass gerade der Libanon, der selbst nur 4,5 Millionen Einwohner verzeichnete, bereit war, zwei Millionen Flüchtlinge aufzunehmen. Sie lebten dort, so weiß von Welser, in so genannten „Informal Tented Settlements“, also improvisierten Zeltstätten aus Plastik, Pappe und Holz.

Maria von Welser berichtete, dass sie oft gefragt werde, was man denn tun könne, um zu helfen. Ihre Antwort sei stets: „Unterstützen Sie Hilfsorganisationen wie UNICEF. Es sind diese Organisationen, die helfen. Nicht die Regierungen.“

Mit der Durchführung der Lesung leistete die Frauenberatungsstelle in Jülich mit der Gleichstellungsstelle der Kreisverwaltung Düren einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung und Information der Menschen in der Region. Und, wie sich an jenem Abend herausstellte, auch zur ganz praktischen Vernetzung. Anwesend waren auch einige Frauen, die sich haupt- oder ehrenamtlich für geflüchtete Frauen im Kreis Düren einsetzen.

Unter ihnen: Gisela Gerdes vom Caritas-Verband Düren-Jülich. Sie unterstützt Ehrenamtliche bei der Durchführung von Projekten für Geflüchtete. Gerdes berichtete, dass die geflüchteten Frauen, selbst wenn sie es nach Deutschland geschafft hätten, Gefahr liefen, außen vor zu bleiben. Sie seien aufgrund ihres Geschlechtes in ihren Herkunftsländern oft von Bildung ausgeschlossen worden.

Es erfordere besondere Anstrengungen, sie einzubinden. Mittlerweile sei es gelungen, Gesprächsabende zu etablieren und zum Beispiel Patinnen zu gewinnen, die gerade in ländlichen Gegenden mit schlechter Infrastruktur geflüchteten Frauen durch das Mitnehmen zu Freunden und Bekannten Zugang zur deutschen Kultur gewährten. „Die Männer finden ihren Weg. Wir müssen uns jetzt um die Frauen kümmern“, lautete ihre Einschätzung.

Aus dem Herzen

Damit sprach sie Maria von Welser sichtlich aus dem Herzen. Die Autorin freute sich ganz besonders, als die ebenfalls anwesende Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Hilger, kurzerhand alle interessierten Frauen zum Austausch beziehungsweise einer Informationsveranstaltung über die Möglichkeiten geflüchteter Frauen auf dem Arbeitsmarkt einlud. Sie urteilte: „Uns gehen die Frauen verloren. Wir möchten viel mehr für die Frauen tun.“

„Ich finde es ganz wunderbar, wenn dieser Abend dazu führt, dass Sie sich vernetzen“, schloss Maria von Welser den interessanten und berührenden Lese-Abend.

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