Lesung: Ein Traumprinz zwischen Pizza und Kühltruhe

Von: Anke Holgersson
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Sybille Hein las im Hof des Merzenicher Heimatmuseums aus ihrem Roman „Vorwärts lieben. Rückwärts küssen“. Foto. Holgersson

Merzenich. „Sowas haben wir in Berlin nicht“, sagte Sybille Hein sichtlich erfreut über die schöne Atmosphäre im Hof des Heimatmuseums, wo die mitsamt Band aus der Hauptstadt angereiste Autorin, Illustratorin und Musikerin am Freitagabend auftrat. Mitgebracht hatte sie ihren soeben erschienenen Roman „Vorwärts küssen. Rückwärts lieben“.

Die Allroundentertainerin las nicht nur daraus vor, sondern sang zwischendurch gemeinsam mit den Musikern und betätigte sich als Schnellzeichnerin von Cartoon-Märchenprinzen.

Worum geht es in Heins Buch? Pia, die Protagonistin des Romans, 35 Jahre alt, wohnt in Berlin-Prenzlauerberg. Sie ist Kinderbuch-Illustratorin und Musikerin und lebt alleine. Pia ist auf der Suche nach der ganz großen Liebe. An ihrer Seite: Pias schwuler Freund Eddy, der seit Kindheitstagen eine Statistik über die Alltagstauglichkeit der Männer in Pias Leben führt. Nicht ganz objektiv, so hat es den Anschein. Denn er sähe es gerne, wenn Pia von ihren gut aussehenden „glatt gelutschten Cremeschnitten“ Abstand nehmen und sich mehr für Männer mit innerem Potenzial interessieren würde.

Das vermutet Eddy eher bei Kandidaten wie Laurenz, dem Schweizer Architekten. Doch Pia ist anderer Meinung. Bei einem als Essen bei Eddys Mutter getarnten Verkupplungsmanöver übt sie heimlich auf der Toilette Abschreckungsgrimassen und erwehrt sich des Smalltalks über die Statik von Autobahnbrücken und Laurenz’ einschmeichelnden Einlassungen über lustige Kinderbücher mit dem Hinweis darauf, dass sie selbst Kinder ja lieber früh an die Tragik des Lebens heranführe.

„Oma geht sterben“ hieße ihr größter Erfolg. Das ist natürlich Quatsch, sorgt aber dafür, dass der ungeliebte Verehrer das Abendessen noch vor dem Dessert verlässt. Pia bereut zwar ihren Zynismus, ist aber froh, dass sich die „Segelohrenlastigkeit“ aus ihrem Blickfeld entfernt hat.

Ein Prinz im Supermarkt

Mehr Chancen hat da der „Tiefkühltruhenprinz“, der ihr im Supermarkt die letzte Pizza mit Tomate und Mozzarella überlässt und auch sonst ziemlich charmant ist. Schön skurril und eigen sind die Figuren in diesem Universum und es macht Spaß, dabei zuzuhören, wenn die Autorin von ihnen erzählt. Sybille Hein las, sang und zeichnete so temperamentvoll und lustig durch den Abend, dass die rund 150 Zuschauer oftmals laut auflachten über die komischen Situationsbeschreibungen und Wortschöpfungen.

Begleitet wurde sie genauso virtuos wie einfühlsam von den nachnamenlosen „Jungs“ Robert am Bass und Rafat am Schlagzeug sowie Falk am Klavier. Mit ihm, Falk Effenberger, stand sie bereits von 2000 bis 2006 als Kabarett-Duo „Sybille und der kleine Wahnsinnige“ auf der Bühne. Kein Wunder also, dass sie jede Menge Bühnenpräsenz besitzt.

Die Lesung wurde organisiert vom Verein „Merzenich Event“. Bernd Ohlemeyer, Vorsitzender des Vereins, hatte sie am Morgen kurzfristig vom eigentlich geplanten Open-Air-Auftrittsort an der „Alten Kirche“ wegen zu erwartendem Regen in den Hof des Heimatmuseums umgezogen. Er bedankte sich bei den vielen Helfern und dem Museumsdirektor des Heimatmuseums, Günther Hamboch, die diesen kurzfristigen Ortswechsel möglich gemacht hatten.

Biolek und Westermann

Einmal im Jahr holt Ohlemeyer interessante Lesungen nach Merzenich. Die Liste der bislang 13 Auflagen enthält berühmte Gäste wie Alfred Biolek, Hardy Krüger, Uwe Ochsenknecht, Siegfried Rauch und Christine Westermann.

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