Leiterin der LVR-Klinik über die Zunahme psychischer Erkrankungen

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Dr. Ulrike Beginn-Göbel ist seit fünf Jahren Ärztliche Direktorin der LVR-Klinik Düren. Foto: Stephan Johnen

Düren. „Burn-out“ kennt heutzutage jeder. Psychische Erkrankungen sind aber nach wie vor ein Thema, das eher stigmatisiert und verschwiegen wird. Was muss man sich unter einer Behandlung in einer psychiatrischen Klinik vorstellen? Welche Krankheitsbilder und Therapien gibt es?

Wie gehen Angehörige mit der Erkrankung eines Familienmitglieds um? Die DZ möchte in loser Reihenfolge einen Blick auf den Alltag in der LVR-Klinik Düren werfen. Zum Auftakt unterhielt sich Redakteur Stephan Johnen mit Dr. Ulrike Beginn-Göbel, der Ärztlichen Direktorin, über gesellschaftliche Veränderungen, Leistungsdruck und Überforderung sowie die Zunahme psychischer Erkrankungen.

Was fasziniert Sie daran, beruflich in seelische Abgründe zu blicken?

Beginn-Göbel: Ich habe mich immer schon dafür interessiert, wie Menschen sich entwickeln, was das Leben und Erleben antreibt und beeinflusst. Während meines Psychologiestudiums habe ich die Psychiatrie kennengelernt. Ich finde es spannend, die Therapieangebote weiterzuentwickeln. Und Ihre Frage zeigt mir, dass wir bei einem wichtigen Thema noch viel Arbeit vor uns haben.

Wie meinen Sie das?

Beginn-Göbel: Wir müssen es schaffen, den Menschen die Angst vor der Psychiatrie zu nehmen.

Was verbirgt sich hinter der Angst?

Beginn-Göbel: Eine psychische Erkrankung verändert einen Menschen. Manchmal schottet er sich ab, manchmal wird er merkwürdig, vergesslich, macht anderen mit seinem Verhalten Angst. Mancher ist wirklich „verrückt“. Die Umgebung kann nicht nachempfinden, was er denkt und tut – und umgekehrt. Während Depressionen relativ hoffähig geworden sind, sind andere Erkrankungen wie Schizophrenie und Wahnvorstellungen in der Öffentlichkeit eher unbekannt.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, das soziale Klima wird rauer. Macht sich das in Ihrer Arbeit bemerkbar?

Beginn-Göbel: Die Entscheidungsspielräume haben stark zugenommen. Wenn jemand vor 30 Jahren fünf Alternativen zur Wahl hatte, hat er heute 50. Die Freiheit der Lebensgestaltung ist positiv. Aber diese Freiheit ist beizeiten auch eine schwierige Aufgabe. Ich weiß nicht, ob das auf Dauer den Nährboden für psychische Erkrankungen verändert.

Sind Menschen überfordert mit ihrem Leben?

Beginn-Göbel: Wir beobachten eine Zunahme der Depressionen. Ursache kann eine genetische Belastung sein. Aber auch die Umwelt und das Erlebte spielen eine Rolle. Wer permanent unter Druck steht und nicht zur Ruhe kommt, kann unter diesen Umständen eher eine Depression entwickeln.

Meinen Sie damit einen Burn-out?

Beginn-Göbel: Es gibt Mediziner, die infrage stellen, ob es sich dabei um ein Krankheitsbild handelt. Burn-out wird bei uns damit verbunden, dass sehr motivierte Menschen längere Zeit ihre Leistungsgrenzen überschritten haben. Die Übergänge von einer Überforderung zu einer Depression sind fließend. Ich glaube, dass wir auch lernen müssen, offener und ehrlicher zu uns selbst zu sein. Jeder sollte darauf achten, sich nicht zu überfordern, sich nicht mehr zuzumuten, als er kann. Das ist keine Schwäche. Das Vortäuschen von Stärke kann Körper und Geist auf Dauer aber sehr schaden. Es gibt viele Möglichkeiten zu lernen, mit Stress und drohender Überforderung umzugehen.

Nehmen die psychischen Erkrankungen wirklich zu – oder reden wir nur mehr darüber?

Beginn-Göbel: Das ist eine gute Frage. Dieser Punkt wird in der Fachwelt debattiert. Grundsätzlich finde ich es gut, dass sich Menschen eher und schneller trauen, Hilfen anzunehmen.

Was bereitet Ihnen Sorgen?

Beginn-Göbel: Wir haben zunehmend junge Patienten, die ihren Lebensweg nicht schaffen.

Was verbirgt sich dahinter?

Beginn-Göbel: Es zeigt sich, dass Kinder offenbar eine Art Luxusgut geworden sind. Materiell fehlt es vielen jungen Leuten an nichts. Aber offenbar werden nicht allen klare Vorgaben mit auf den Weg gegeben. Sie können viel schlechter mit Frustration, Stress und Enttäuschung umgehen.

Früher war also alles besser?

Beginn-Göbel: Diese Entwicklung ist ein ernstes Thema. Viele junge Menschen haben offenbar in ihrer Erziehung nicht mitbekommen, dass sie selbst für ihr Leben verantwortlich sind. Es fällt ihnen schwer, Entscheidungen zu treffen und Mitgefühl für andere zu zeigen.

Es wächst eine Generation Egomanen heran?

Beginn-Göbel: Ich möchte nicht verallgemeinern. Wir beobachten, dass die Fähigkeit, Kompromisse und Beziehungen einzugehen, abnimmt, dass die Vereinzelung zunimmt.

Was raten Sie als Therapeutin?

Beginn-Göbel: Soziale Kontakte knüpfen, pflegen und ausbauen!

Wohin entwickelt sich die Psychiatrie generell?

Beginn-Göbel: Wir stellen uns allgemein die Frage, ob es nicht besser wäre, mit der Behandlung direkt zu den Menschen zu gehen. Jede stationäre Therapie bedeutet, dass wir Menschen aus ihrem Umfeld herausholen, die gewohnten Tagesabläufe ein Stück weit stören. Dies kann zusätzlich belastend wirken.

Die Zeit der großen Kliniken ist also bald vorbei?

Beginn-Göbel: Darüber mache ich mir keine Sorgen. Zum einen kommt es auf das Umfeld der Patienten an. Es macht beispielsweise einen großen Unterschied, ob jemand schwer depressiv ist und viel Unterstützung von seiner Familie bekommt, oder ob er alleine lebt. Beim ersten Fall kann es ausreichen, dass einmal die Woche der Arzt zu Besuch kommt. Im zweiten Fall wirkt das Umfeld eher destabilisierend. Sobald die psychische Erkrankung eine Gefahr für den Patienten selbst oder andere Menschen darstellt, wird eine stationäre Behandlung notwendig.

Was beschäftigt Sie mit Blick auf die Zukunft der Klinik gerade?

Beginn-Göbel: Wir haben lange mit den Krankenkassen verhandelt, um eine gute personelle Ausstattung zu haben. Sollte die geplante Vergütungsänderung in Kraft treten, besteht das Risiko, dass wir Personal abbauen müssen. Unsere Arbeit ist Beziehungsarbeit. Wir operieren schließlich nicht, wir reden. Das ist so zeitintensiv wie erforderlich und benötigt Gesprächspartner.

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