Lehrer streiken: „Gleiche Arbeit, gute Arbeit, weniger Geld“

Von: Sarah Maria Berners und Stephan Johnen
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Mit Flugblättern erklärte eine Gruppe der angestellten Lehrer aus Langerwehe ihren Schülern, warum gestreikt wird. Foto: Berners/Johnen
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„Gleiches Geld für gleiche Arbeit“, fordert Peter Erken von der GEW.

Kreis Düren. Diese Rechenaufgabe aus dem Schulalltag ist für Gewerkschafter schon höhere Mathematik: An einer Schule im Kreis Düren verdient Lehrer A für die exakt gleiche Arbeit etwa 300 bis 500 Euro netto weniger als Lehrer B. Das hat Peter Erken, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Kreis Düren, nachgerechnet. Lehrer A unterrichtet die gleichen Fächer im gleichen Umfang wie sein Kollege B, er muss die gleichen Lernziele mit seiner Klasse erreichen.

Nach 20 Jahren im Beruf hat Lehrer A etwa 75.000 bis 120.000 Euro weniger verdient als sein Kollege B. Ein Reihenhäuschen etwa. Dass er auch Abschläge bei der Altersvorsorge haben wird, lässt der Pädagoge einmal außen vor. „Wie soll man das denn verstehen?“, fragt Lehrer A, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Doch weil Lehrer A als Angestellter im Gegensatz zu seinem verbeamteten Kollegen B streiken darf, setzte er sich ins Auto und ging in Aachen mit vielen Kollegen auf die Straße. Ihre Forderung: „Gleiches Geld für gleiche Arbeit.“

In Langerwehe musste wegen des Warnstreiks der komplette Jahrgang 9, bestehend aus fünf Klassen und etwa 150 Schülern, Zuhause bleiben. Allen anderen Schülern drückten die angestellten Lehrer Zettel in die Hand, auf denen erklärt wurde, warum an diesem Tag in der Schule alles ein bisschen anders lief. An der Hauptschule Burgauer Allee waren fünf von 18 Klassen Zuhause geblieben, weil sich nach Auskunft der Schule alle zehn angestellten Lehrer dem Warnstreik angeschlossen hatten. An der Gesamtschule Niederzier/Merzenich haben sich fünf Lehrer am Warnstreik beteiligt. „Es geht nicht ganz ohne Unterrichtsausfall“, sagte Schulleiter Hermann-Josef Gerhards. An anderen Schulen hatte der Warnstreik keine oder nur sehr geringe Auswirkungen.

„Bei uns gibt es nur sehr wenige angestellte Lehrer“, erklärte beispielsweise Wilhelm Gödde, der Rektor des Gymnasiums am Wirteltor. Anders sieht es an der Hauptschule Burgauer Allee aus: Dort sind zehn von 36 Lehrern Angestellte. 25 von 100 Lehrern in Langerwehe sind keine Beamte. Von den derzeit 2481 im Kreis Düren beschäftigten Pädagogen sind 529 angestellte Lehrer, teilt die Bezirksregierung Köln mit. Das entspricht einer Quote von 21 Prozent. Angestellte Lehrer gibt es an Grundschulen ebenso wie an weiterführenden Schulen.

Die Forderung nach 6,5 Prozent mehr Lohn und einem eigenen Tarifvertrag ist eine Sache. Die GEW fordert, alle Angestellten zu verbeamten und damit die Ungleichheit zu beenden. „Angestellte Lehrer leisten die gleiche Arbeit. Sie leisten gute Arbeit. Aber sie werden anders entlohnt“, bekundet Gewerkschafter Peter Erken seinen Unmut. Generell hätten sich die Bezüge von Lehrern – verbeamtet wie angestellt – von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung bereits „vor vielen Jahren abgekoppelt“. Nordrhein-Westfalen laufe zusätzlich Gefahr, den Lehrernachwuchs an andere Länder zu verlieren, die beispielsweise Lehrer für besonders gefragte Fächer wie Mathematik und Physik mit speziellen Konditionen lockten und auch Quereinsteigern eine Verbeamtung ermöglichten.

„Im Alltag merkt man nicht, wer Angestellter und wer Beamter ist“, sagt Hermann-Josef Gerhards, Schulleiter der Gesamtschule Niederzier/Merzenich. „Die Lehrer arbeiten mit der gleichen Intensität.“ Es sei die Wertschätzung der Schüler, die zählt, sagen einige Lehrer der Europaschule Langerwehe. Und Schüler würden nicht zwischen Beamten und Angestellten unterscheiden. Es bleibt das „Aber“.

„Mit meinem Beruf bin ich sehr glücklich“, betont Friedhelm Funke, Lehrer an der Europaschule. Anders sehe das mit den Bedingungen aus. Auch wenn Schüler keinen Unterschied machen, das Verhältnis der Lehrer kollegial ist und der Job Spaß macht: „Wir fordern gleiches Geld für gleiche Arbeit“, sagen die Lehrer. Das sei nur fair. „Wir sind Vollblutlehrer“, unterstreicht Funke. Im Kollegium sei häufig gar nicht bekannt, wer Angestellter und wer Beamter sei. Die meisten seien seit mehr als 15 Jahren im Dienst. Zu den Angestellten zählen Quereinsteiger wie Jutta Rövenich ebenso wie Lehrer, die wegen der Lehrerschwemme Anfang der 80er Jahre auf ihrem Werdegang Umwege in Kauf nehmen mussten. Friedhelm Funke zum Beispiel.

Aber ist ein Warnstreik das geeignete Mittel? „Die GEW hat sich damit schwergetan, sich dann aber bewusst für diesen Schritt entschieden“, sagt Gewerkschafter Peter Erken. „Die Eltern stehen hinter den Lehrern“, mutmaßt er. Wer es mit dem Bildungsgedanken ernst meine, müsse auch in Bildung investieren, sagt er in Richtung Politik.

„Wir müssen beim Warnstreik einen Spagat machen“, erklärt Sport- und Biolehrer Stephan Kaiser aus Langerwehe. „Zum einen wollen wir auf unsere Situation aufmerksam machen, zum anderen tragen wir Verantwortung für unsere Schüler.“ Um diesen Spagat zu schaffen und der Verantwortung gerecht zu werden, haben die Lehrer in Langerwehe ihren Warnstreik so aufgebaut, dass die Auswirkungen vor allem für die Schüler der Oberstufe gering waren. Abi-Vorklausuren, letzte Fragen vor der Klassenarbeit – darauf sollte der Warnstreik keine Auswirkungen haben.

„Die Schüler können ja nichts für diesen Systemfehler. Wir können sie nicht im Regen stehenlassen“, sagen die Lehrer. Und so sind einige nach der Kundgebung am Morgen wie jeden Tag in den Unterricht gegangen. Angemerkt

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