Leben an der Euskirchener Straße: Lärm und Dreck gehören dazu

Von: Stephan Johnen
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„Ruhig ist es nie”: August R
„Ruhig ist es nie”: August Reiermann, Anwohner der Euskirchener Straße, hofft seit 40 Jahren auf den Bau der Ostumgehung. Foto: Johnen

Düren. Wenn August Reiermann und seine Ehefrau einmal in Ruhe frühstücken wollen, müssen sie in Urlaub fahren. „Morgens versteht man das Radio in der Küche nicht, geschweige denn das eigene Wort”, sagt der 76-Jährige. Seit 1965 leben die Reiermanns an der Euskirchener Straße, in Blickweite des Kreisverkehrs.

Die Küche ihres Hauses liegt zur Straße hin. Eine Straße, die in der Vergangenheit immer stärker befahren wurde. Lärm, Dreck, Gestank und dicke Luft gehören zum Alltag der Anwohner, berichtet Reiermann. Ruhig sei es eigentlich nie.

„An manchen Lärm haben wir uns gewöhnt”, sagt der Dürener mit ruhiger Stimme. An das nicht abebben wollende Hintergrundrauschen des Verkehrs beispielsweise. August Reiermann klingt ein wenig resigniert, wenn er sachlich die Situation schildert. „Wir haben ein Alter erreicht, in dem man nicht mehr so leicht umzieht”, sagt er.

„Zumal wir damals hochwertig gebaut haben.” Das lässt man nicht einfach zurück. Manche alten Nachbarn seien bereits weggezogen, vor allem Mieter würden schneller kapitulieren. August Reiermann und seine Frau jedoch sing blieben, bis heute. Und jeden Tag beginnt aufs Neue der Versuch, mit Lärm und Dreck an der Bundesstraße 56 zu leben.

„Das Leben findet hinten heraus statt”, erzählt der Anwohner. Gespräche mit den Nachbarn werden ebenfalls nicht „vorne” geführt. Weil man sich sonst anbrüllen müsste. Besonders schlimm seien die Lkw, die Container transportieren und leere Auto-Transporter. Direkt vor der Haustür gibt es zwei abgesackte Kanaldeckel. Ein Phänomen, das auch an anderen Stellen der Straße zu beobachten ist.

„Es donnerte bislang wie Paukenschläge, wenn ein Lkw darüberfuhr und die Ladung schepperte”, berichtet Reiermann. Monatelang habe er die Stadt auf dieses Problem hingewiesen. „Mir wurde mitgeteilt, dass das Geld fehlt.” Mit Beginn der Herbstferien haben die lang ersehnten Reparaturarbeiten nun begonnen. Eine Lösung auf Dauer wird es wohl nicht sein, befürchtet Reiermann. „Die Straße ist dem Verkehr nicht gewachsen.”

Davon zeugten auch die tiefen Spurrillen, in denen sich das Wasser sammelt. Mit den Spurrillen spricht der Anwohner das nächste Problem an: „Die Fenster zur Straße hin öffnen wir seit Jahren nicht nur wegen des Lärms nur noch zum Putzen.” Bei Regen traue sich kaum ein Anwohner auf den Bürgersteig, da vorbeifahrende Fahrzeuge das Wasser von der Fahrbahn bis hinauf zum zweiten Stockwerk
spritzten. Und bei trockenem Wetter könne er jeden Tag aus dem Windfang der Haustür eine Hand voll Staub kehren.

Es ist schwarzer Staub, versetzt mit feinen Metallsplittern. „Vermutlich der Abrieb der Bremsen”, sagt August Reiermann. Der Staub dringe ins Haus ein, lagere sich überall ab. Gesund könne die Mischung von Lärm, Dreck und Abgasen kaum sein, mutmaßt der Senior: „Es gibt viele Kranke mit Krebs-, Lungen-, Herz- und Kreislauferkrankungen in der Nachbarschaft.” Ein Zufall? Reiermann ist kein Mediziner, aber er hat seine eigene Theorie. Es ist ein eher düsteres Bild, das der 76-Jährige von den Lebensumständen der Menschen an der Straße zeichnet.

Dabei sah anfangs alles ganz anders aus. „Die Straße war Ende der 50er Jahren schön ruhig”, erinnert sich Reiermann. Im Jahr 1965 haben er und seine Frau in einer Baulücke an der Euskirchener Straße ihr Haus gebaut, auf einem Trümmerloch des Zweiten Weltkriegs. Die Straße war noch zweispurig, das Verkehrsaufkommen hatte allerdings schon stark zugenommen. Lastkraftwagen waren aber meist nur abends unterwegs.

Und es war eine überschaubare Zahl, blickt August Reiermann zurück. Es gab damals auch noch keine Autofahrer, die nachts die Leistungsfähigkeit ihrer Autoradios austesteten und gleichzeitig versuchten, im Kreisverkehr die Grenzen der Physik zu überwinden. „Was uns damals vor allem gestört hat, waren die Panzer, die von der Kaserne kamen”, sagt der Senior. Die Erschütterungen ließen das Mobiliar wandern. Ein 4,65 Meter breiter Massivholzschrank machte an einem Tag einen „Hüpfer” von fünf Zentimetern von der Wand weg.

Aber die Panzer waren ein Gegner, gegen den man angehen konnte. August Reiermann arbeitete auf der Post - und als eines Tages ein Soldat „mit viel Lametta” bei ihm am Schalter stand, packte er die Gelegenheit beim Schopf. Der Postbeamte sprach den Panzer-Offizier an, schilderte das Problem der Anwohner. Und die schweren Kettenfahrzeuge fuhren seitdem zivilisierter im Stadtgebiet. „Ich habe erst später erfahren, dass ich den Kommandeur vor mir hatte”, sagt Reiermann augenzwinkernd. Doch was soll er gegen all die Lkw tun? Alle Speditionen Europas anrufen und die Chefs bitten, die Fahrer freiwillig einen Bogen um Düren machen zu lassen?

Eine Lösung könne nur die Ostumgehung, die B 56n sein. Bis zum Bau könnte auf Bundes- und Landesstraßen Maut erhoben werden, damit die Strecken unattraktiv für „Mautumfahrer” werden, fordert Reiermann. „Ich glaube aber nicht, dass wir den Bau noch erleben werden”, sagt August Reiermann. Er kann nicht fassen, warum seit 40 Jahren nur darüber geredet wird.

Die Initiative „Düren fördert die B 56n sofort” findet er im Prinzip gut. „Das hat die Menschen noch einmal wachgerüttelt.” Der Anwohner hofft, dass dieser Effekt nicht einfach verpufft, und die Politiker in Berlin Druck machen. „Viele Leute haben in der Vergangenheit schon Versprechungen zum Bau der B 56n geglaubt und wurden enttäuscht”, sagt Reiermann. Er hofft, dass es dieses Mal anders kommt.
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