Leben als Übergewichtiger: „Satt sein hieß glücklich sein”

Von: Sarah Maria Berners
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Der Blick von der „wundersame
Der Blick von der „wundersamen Holzbank”: Hier hat das Leben von Bert Saurbier eine Wendung genommen. Darüber schreibt er in seiner autobiografischen Erzählung. Foto: Berners

Hergarten. „Kinder können ja so hemmungslos sein. Außerhalb der liebevollen Wärme und der Geborgenheit der familiären Brutstätte wurden meine Kindheit und Jugend zu einem erbarmungslosen Spießrutenlauf - geprägt von Spott, Hohn, Beschimpfung, Ausgrenzung und vernichtender Entwürdigung. Und die Lehrer spielten das grausame aber belustigende Spiel der Meute mit.”

Mit diesen Worten beschreibt Bert Saurbier aus Hergarten seine Kindheit. Eine Kindheit, die - so zeigt es seine autobiografische Erzählung - geprägt war von der heilen Welt in der Familie auf der einen Seite und dem für den übergewichtigen Jungen quälenden Schulleben auf der anderen Seite.

Mobbing nennt man das heute, was Bert Saurbier, heute 77 Jahre alt, in seiner Kindheit in Gemünd erfuhr - als, wie er sagt, einziges dickes Kind in der Schule. Mit der psychischen Belastung gingen die schulischen Leistungen in den Keller. Man drückte ihm den Stempel „dick und dumm” auf. Er selbst sah sich nicht anders. „Ich habe Zuhause nie über meine riesigen Schwierigkeiten gesprochen. Die unendlich vielen Pflaster für meine geschundene kindliche Seele bestandenes aus leckerem Essen, oft auch aus Schokolade und aus viel mütterlicher Liebe.”

Iss, damit Du groß und stark wirst, lautete die Devise Zuhause. Die Mutter war froh, wenn es dem Jungen schmeckte. Er aß etwas mehr als er brauchte, damit die Mutter sich freute. Heute, als Arzt und Ernährungswissenschaftler, spricht Saurbier von einer Fehlprogrammierung, von einer verletzten Balance. „Wir Menschen werden von Gefühlen gesteuert. Satt sein, hieß für mich zufrieden, glücklich sein.” Wichtige Faktoren würden eben nicht vom Verstand beeinflusst.

Bert Saurbier hat seine Geschichte, die von Glauben und Religiosität geprägt ist, aufgeschrieben, weil er mit ihr helfen möchte. Sie soll psychologische und religiöse Anregungen bieten. „Als Arzt habe ich sehr oft an psychoanalytischen Gruppengesprächen teilgenommen, die mir immer einen tiefen Einblick in das Innerste der menschlichen Seele gewährten. Gelegentlich habe ich in diesem Rahmen meine eigene Lebensgeschichte, jedoch getarnt als Schicksal eines mir bekannten Menschen, vorgetragen.” Die Reaktionen darauf gaben ihm den Anstoß, die Geschichte aufzuschreiben. Außerdem verspürte er das Bedürfnis, sein Leben bis in die kleinsten Details nochmal nachzuempfinden. „Und zwar mit den Augen der Lebenserfahrung und Lebensweisheit.”

Damals erkannte niemand, dass das Essen mehr und mehr zu einem Instrument der Frustbewältigung wurde. „Und mein Frust war groß”, sagt Saurbier. Ein gefährlicher Kreislauf. Die charmante Mutter schaffte es, ihn trotz schlechter Leistungen durch die Schule zu bringen, bis aufs Naturwissenschaftliche Gymnasium in Düren. Mit dem Älterwerden und dem Interesse am anderen Geschlecht, kamen neue Probleme. „Denn ich konnte doch niemandem gefallen. Die Mädchen lachten über mich.”

Irgendwann war in dem jungen Mann etwas in Bewegung geraten. Bert Saurbier musste raus. Es zog ihn in die Eifelhöhen. Auf eine Holzbank. „Ich sehnte mich nach einem Dammbruch, der sintflutartig den ekelhaften Unrat meines bisherigen Lebens wegschwemmen sollte.” Er, der in einer streng gläubigen Familie aufgewachsen war, betete. Betete darum, intelligent und schlank zu werden.

Es kam zu einer Situation, von der Saurbier im Nachhinein sagt, dass er nicht wisse, ob es ein Wunder sei oder Selbstsuggestion oder ob der liebe Gott seine Finger im Spiel hatte. „Es hatte nicht geblitzt und gedonnert”, sagt Saurbier, aber doch war was passiert. Von nun an aß er weniger, trieb viel Sport, mit eiserner Disziplin. Die Mutter sorgte sich. Wenn Bert Saurbier sich nicht bewegte, paukte er. Er schaffte das Abi, begann ein Medizinstudium, wurde ein attraktiver, junger Mann. „Es begann eine narzisstische Zeit”, sagt Saurbier ehrlich. Er machte Karriere als Arzt. 20 Jahre hat er sein neues Gewicht gehalten, „obwohl es nicht meiner Natur entspricht”. Es war immer ein Kampf. Jeden Morgen joggen, später Krafttraining, Diät.

Immer wieder, wenn wichtige Entscheidungen oder Umbrüche anstanden, wenn das Leben nicht so lief, wie es sollte, hat Bert Saurbier wieder seine „wundersame Holzbank” aufgesucht. Und nach ihr hat er auch seine Erzählung benannt. Sie ist ein Kernstück seines Lebens. Es gibt sie noch heute in der Eifel mit Blick auf Gemünd.

Glück habe er immer mit Erfolg und Schlankheit definiert und auch heute noch, mit 77 Jahren, spiele jedes Kilo eine Rolle für sein Wohlbefinden. Auf seine Mutter, die letztendlich die Verantwortung für die Fehlprogrammierung trage, sei er auch heute nicht wütend. Sie habe es ja stets gut gemeint, es nicht besser gewusst. „Aber ich weiß, dass man es schaffen kann.” Mehr Toleranz, die wäre für Saurbier wünschenswert. Aber der Autor ist sicher, dass die Gesellschaft sich nicht ändern wird. Hänseleien Übergewichtiger werde es immer geben, für viele käme es nunmal nicht auf die innere Schönheit eines Menschen an.
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