Lars Vogt über Musik und Gesellschaft „um 1900“

Von: Stephan Johnen
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Lars Vogt ist künstlerischer Leiter und Mitbegründer des Kammermusikfestivals „Spannungen“. Foto: Stephan Johnen

Heimbach. Es war eine Zeit des Aufbruchs. Technik, Wissenschaft und Medizin feierten um 1900 einen Durchbruch nach dem anderen, Siegmund Freud begründete die Psychoanalyse, Luftschiffe eroberten den Himmel und Autos die Straßen.

„Es herrschte begründete Hoffnung, dass die Plagen der Menschheit in den Griff zu bekommen sind“, sagt Lars Vogt, künstlerischer Leiter und Mitbegründer des Kammermusikfestivals „Spannungen“. Bestes Beispiel für die Stimmung dieser Zeit „um 1900“, die sich thematisch wie ein roter Faden durch das aktuelle Festivalprogramm zieht, sei der Bau des Heimbacher Jugendstilwasserkraftwerks im Jahr 1904 (Infokasten). „Das ist ein Bauwerk von grenzenlosem Optimismus“, findet Vogt. Doch es kam anders, nur zehn Jahre später verendete der Optimismus in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs.

„Komponiert 1914“

Ein Jahr, das sich explizit auch an einen Tag im Programm des Kammermusikfestivals wiederfindet. „Komponiert 1914“ war der gestrige Tag überschrieben. Musste es so kommen, damals, vor 100 Jahren? „Es lief nicht unweigerlich auf einen Weltkrieg hinaus“, findet Lars Vogt. Ebenso wenig möchte er das Festival auf das weltpolitische Schlüsseljahr 1914 fixiert wissen. Bewusst sei die Periode um „plus minus 20 Jahre“ gefasst worden. Hinzu komme die Arbeit mit Stipendiaten und die moderne Auftragskomposition, die im Jugendstilkraftwerk uraufgeführt wird. Und dennoch: Der rote Faden hat Gewicht in diesem Programm.

„Um 1900“ sei die Welt ein Schmelzofen gewesen, vieles war im Fluss, manche Entwicklung noch offen: Optimismus und Aufbruch auf der einen, beinahe apokalyptischer Fatalismus auf der anderen Seite. Von einer auch in den Künsten „einmaligen Zeit“, spricht Lars Vogt. Umbruch, Fortschritt und eine teils radikale Erweiterung der Mittel und Formen in Malerei, Literatur und Musik gingen einher mit einer Fortführung der Traditionen. Vieles begann, vieles war noch nicht zu Ende, es gab große Hoffnungen und große Enttäuschungen – bei der Zusammenstellung des Programms konnten Lars Vogt und seine Kollegen sozusagen aus dem Vollen schöpfen – und teils widersprüchlich Erscheinendes steht miteinander im Einklang. Von einem „Kaleidoskop der Stimmungen“, spricht der künstlerische Leiter.

„Sensible Künstler spüren Veränderungen, sie hören die Hintergrundgeräusche in einer Gesellschaft, die andere nicht wahrnehmen“, sagt Lars Vogt. Gustav Mahler mag dafür ein Beispiel sein. „Bei den Proben war es beinahe gespenstisch, welche Vorahnung er hatte“, spricht Vogt von „Gänsehaut“ angesichts der 1912 komponierten Lieder.

Es ist der Krieg, der einer Liebesgeschichte ein Ende bereitet. „Mehr ein Scherz“ ist für Vogt hingegen die verspielte Parodie auf Banalitäten von Militärmärschen aus der Feder von Arnold Schönberg. Sein Marsch „Die Eiserne Brigade“ wurde 1916 komponiert. „Schönberg war Monarchist, der mit patriotischem Stolz in den Krieg zog“, sagt Vogt. Die Realität des Weltkriegs habe ihn zwar umgestimmt, die eigentliche Reflektion des Geschehens habe aber erst angesichts der nationalsozialistischen Gräueltaten eingesetzt.

Verlust, Angst und Wut

„Mit wachsender Zivilisation ist die Menschlichkeit nicht mitgewachsen“, gibt Lars Vogt eine persönliche Einschätzung der Zeit rund um den Ersten Weltkrieg. Mancher Künstler habe das erkannt. „Musik hebt uns auf höchste Höhen, aber sie kann Verlust, Ängste, Wut und Leiden ausdrücken“, erklärt Vogt. Indem sie an das „Menschsein rührt“, könne Musik daher durchaus auch politisch sein – in einem positiven, friedensstiftenden Sinne. Beethoven beispielsweise sei ein Verfechter der Idee der Freiheit gewesen. Zugegeben, weit vor 1900, aber mit einem starken Sendungsbewusstsein.

Die Frage, was die Menschheit aus dem Jahr 1914 gelernt haben sollte, beantwortet Lars Vogt mit einem Verweis auf das aktuelle politische Geschehen: „Wir sollten gelernt haben, wie wichtig Deeskalation ist. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn sich alle Beteiligten damals an einen Tisch gesetzt und ernsthaft verhandelt hätten.“ Allerdings seien einige Staaten aktuell dabei „die Grenzen zu strapazieren, was Staaten erlaubt sein sollte“, spielt er auf die Ukraine-Krise an. Vogt: „Wir haben noch kein Vokabular gefunden, um solche Konflikte zu lösen.“ Es könne jedenfalls keine Antwort sein, Aggressoren zu geben, wonach sie verlangen. 1914 habe an Aktualität auch im Jahr 2014 nichts verloren.

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