Kunststifter Schoeller: „Kunst kommt nicht nur von Können“

Von: Stephan Johnen
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Kunstsammler und Kunstliebhaber: Hubertus Schoeller veranlasste 2004 die Angliederung seiner Sammlung ans Hoesch-Museum. Foto: Johnen

Düren. „Manchmal würde ich gerne Mäuschen spielen und gucken, wie es in 100 Jahren im Museum so aussieht“, sagt Hubertus Schoeller. Interessieren sich die Besucher noch für Konkrete Kunst? Gibt es überhaupt noch ein Museum?

Vor zehn Jahren hat der gebürtige Dürener, der 30 Jahre lang Galerist in Düsseldorf war, seine wertvolle Sammlung dem Leopold-Hoesch-Museum gestiftet. „Die Konkrete Kunst hat das gesamte 20. Jahrhundert geprägt. Ich denke, dass auch in 100 Jahren einige Bilder noch museumswürdig sind“, sagt der 72-Jährige augenzwinkernd. Am Sonntag wird anlässlich des Jahrestages eine Ausstellung im Hoesch-Museum eröffnet. Mit der DZ sprach Schoeller im Vorfeld über die Idee hinter seiner Stiftung, über Dürener Bilder in New York und die Frage, warum die Stadt nicht mit Kunsthandel satte Gewinne einfahren kann.

Herr Schoeller, was ist für Sie Kunst?

Schoeller: (lacht) Stellen Sie diese Frage mal Kunsthistorikern – und Sie erhalten viele Definitionen. Für mich kommt Kunst nicht nur von Können. Das Handwerk allein reicht nicht aus. Kunst muss darüber hinausgehen, eine Neuerfindung sein. Wenn „Neo“ vor einem Begriff steht, macht mich das erst einmal skeptisch.

Rührt daher Ihre Faszination für die Künstlerbewegung „Zero“?

Schoeller: Die Zero-Bewegung stand in den 50er und 60er Jahren für einen radikalen Neubeginn. Es war eine Revolte gegen das, was vorher war, gegen die Väter, gegen die NS-Vergangenheit der Gesellschaft. Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker haben eine Bewegung gegründet, die weltweit Einfluss hatte. Es war auch das Ende der Tafelmalerei, neue Materialien wie Aluminium und Nägel, ja sogar Feuer und Luft wurden genutzt. Meine Liebe zur Kunst wurde von meinem Kunstlehrer in Düren geweckt. Als junger Mann entdeckte ich die Konkrete Kunst für mich.

Sie haben in den Jahren als Galerist eine imposante Sammlung zusammengetragen. Vor zehn Jahren haben Sie dem Leopold-Hoesch-Museum 1500 Werke von 70 Künstlern gestiftet. Was hat Sie zu diesem Schritt bewegt?

Schoeller: Am Ende meiner Zeit als Galerist habe ich mir die Frage gestellt, wie sich etwas erreichen lässt, das über die Galerie-Jahre hinaus Bedeutung und Bestand hat. Ich wollte, dass die Sammlung öffentlich zugänglich ist, dass die Bilder von allen Menschen betrachtet werden können. So entstand der Entschluss, meine Sammlung als Stiftung am Hoesch-Museum anzusiedeln. Wer weiß, vielleicht war auch etwas Eitelkeit im Spiel.

Gibt es Bedingungen, die Sie als Stifter gestellt haben?

Schoeller: Es ist klar geregelt, dass die Bilder nicht nur im Depot lagern. Und die Bilder dürfen nicht verkauft werden. Oder anders formuliert: Ein Bild darf nur dann verkauft werden, wenn aus dem Erlös neue Werke angeschafft werden. Das ist bislang aber noch nicht passiert. Die Stiftung soll nicht dazu dienen, die Stadtkasse zu sanieren.

Was aktuell leicht möglich wäre. Die Werke der Zero-Künstler erzielen derzeit bei Auktionen Spitzenpreise. Die Millionengrenze ist schon bei einzelnen Arbeiten überschritten worden. . .

Schoeller: Zero wird immer populärer, Künstler wie der jüngst verstorbene Otto Piene, den ich zu meinen ältesten Künstler-Freunden zähle, erfahren ein großes Interesse. Es ist schon erstaunlich, dass diese Entwicklung 50 Jahre gedauert hat.

Erfüllt es Sie mit Stolz, dass Werke aus Ihrer Sammlung derzeit im New Yorker Guggenheim-Museum zu sehen sind?

Schoeller: Stolz und Freude liegen dicht beieinander. Selbstverständlich bin ich stolz. Die Galeristenarbeit ist schließlich nicht immer leicht. Ich würde aber lieber von Freude reden. Es freut mich, dass Otto Pienes „Kreisweiß“ in New York ausgestellt wird und ein Foto es sogar auf die Rückseite des Ausstellungskatalogs des Guggenheim-Museums schafft. Es freut mich aber auch für das Leopold-Hoesch-Museum, dass seine Sammlung weltweit Beachtung findet.

Haben Sie manchmal Angst davor, dass Ihre Bilder in Zukunft zwar öffentlich zugänglich in einem Museum hängen, aber sich die Öffentlichkeit nicht mehr für Museen und Bilder interessiert?

Schoeller: Manchmal würde ich gerne Mäuschen spielen und gucken, wie es in 100 Jahren im Museum so aussieht. Die Angst war viel größer, als es den Anbau des Leopold-Hoesch-Museums noch nicht gab. Nach zehn Jahren weiß ich, dass die Entscheidung richtig war. Die Konkrete Kunst hat das gesamte 20. Jahrhundert geprägt. Ich denke, dass auch in 100 Jahren einige Bilder noch museumswürdig sind und es Menschen gibt, die sich Kunst anschauen wollen. Zum Anbau möchte ich noch eines sagen: Es ist selten, dass sich der Architekt zurücknimmt und Raum für die Kunst lässt. In Düren ist das meisterhaft geschehen. Das Gebäude ist ein Kunstwerk, aber es nimmt sich für die Kunst zurück.

Das Hoesch-Museum wäre ohne private Stiftungen nicht denkbar. Wie steht es um die generelle Bereitschaft in unserer Gesellschaft, etwas zu stiften?

Schoeller: Ich beobachte eine gewisse Diskrepanz. Es gibt sehr viele Leute, die sehr großzügig sind. Auch viele reiche Leute. Gleichzeitig vermisse ich das Mäzenatentum.

Wie meinen Sie das?

Schoeller: Gerade bei den großen Unternehmen geht es meines Erachtens nicht um die Förderung von Künstlern, sondern um Sponsoring. Sehr oft steht die Frage „Was erhalte ich für meinen Einsatz?“ im Hintergrund einer Entscheidung.

Gibt es einen Hinweis, den Sie Betrachtern, die sich zum ersten Mal mit Konkreter Kunst auseinandersetzen, mit auf den Weg geben möchten?

Schoeller: Wer ein Bild betrachtet, muss immer die Zeit vor Augen haben, in der es entstanden ist. Noch in den 60er Jahren sind Museumsdirektoren entlassen worden, weil sie solche Ausstellungen ermöglicht haben. Wer ein Bild unter heutigen Gesichtspunkten betrachtet, mag beispielsweise bunte Kreise sehen. 1957 war das revolutionär.

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