Kunstprojekt: Paul Thewellis nimmt auf der „Roten Couch“ Platz.

Von: Stephan Johnen
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Die „Roten Couch“ ist ein Erkennungszeichen des Künstlers Horst Wackerbarth (r.). In Düren hat Paul Thewellis Platz genommen. Foto: Stephan Johnen

Düren. „Kaum eine Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg mehr in Trümmer gelegt als Düren“, bilanziert der Fotokünstler Horst Wackerbarth. Der Düsseldorfer ist seit Monaten mit einem Kunstprojekt zum 70. Geburtstag des Landes Nordrhein-Westfalen beschäftigt. Eines der 100 Bilder kommt aus Düren.

Aufgenommen wurde es am Dienstag vor dem Leopold-Hoesch-Museum. Es zeigt großformatige Fotos der zerbombten Stadt, auf der „Roten Couch“ Wackerbarths sitzt mit Paul Thewellis ein Zeitzeuge, dessen Vater in den Kriegsjahren Hausmeister des Museums war. „Mit dem Düren-Motiv kann ich die Anfänge, die historischen Wurzeln von NRW gut darstellen“, sagt Wackerbarth. Zerstörung und Neubeginn auf einem Bild. Schließlich ist auch das Land NRW eine Neuschöpfung, die inmitten der Trümmer aus der Taufe gehoben wurde.

Paul Thewellis, Jahrgang 1931, kam als kleiner Junge mit seiner Familie nach Düren, wo die Eltern seines Vaters lebten. Der Umzug sei nicht ohne Zwang gewesen, berichtet der 84-Jährige. Sein Vater Eduard saß von 1929 bis zur „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 für den Wahlbezirk Düsseldorf-Ost als Abgeordneter der Kommunistischen Partei im Preußischen Landtag. Als die Nazis an die Macht kamen, wanderte der Vater neun Monate lang in „Schutzhaft“.

Offenbar auf Druck der neuen Machthaber musste die Familie von Paul Thewellis‘ Vater nach der Entlassung umziehen. „Mein Vater war für den Rest der Familie ein Abtrünniger“, blickt Paul Thewellis zurück. Während Eduard Thewellis ein kommunistisches Parteibuch hatte, waren viele Verwandte Mitglieder der NSDAP. Ein Onkel Thewellis, der ebenfalls Paul hieß, erlangte gewisse Berühmtheit in der NS-Zeit, weil er von der Partei zum „Dürener Blutzeugen der Bewegung“ hochstilisiert wurde.

„Völlig zu Unrecht“, weiß Dr. Horst Wallraff vom Stadt- und Kreisarchiv, der 1998 eine Dissertation zum Nationalsozialismus in den damaligen Kreisen Düren und Jülich vorgelegt hat. „Der 26-jährige Paul, der eine gewisse Rolle in der frühen Dürener Hitlerjugend spielte, starb am 23. Januar 1931 an einer Erkältung im Krankenhaus. Von den Nationalsozialisten wurde er zum Märtyrer erhoben, der im ‚Kampf gegen den Bolschewismus‘ gefallen sei“, fasst der Historiker zusammen. „So wurden auch an anderer Stelle Helden gemacht.“

Eduard Thewellis musste der Politik abschwören – und bewarb sich bei der Stadt Düren um eine Stelle. „Ab 1936 hatte er eine Anstellung“, zitiert Wallraff alte Personalakten. Bis 1962 blieb Paul Thewellis Vater im Dienst der Stadt. Als Hausmeister bezog er mit seiner Familie vor Kriegsbeginn eine Dienstwohnung im Keller des Hoesch-Museums. Der Vater habe unter Beobachtung der Nationalsozialisten gestanden, sagt der Sohn.

„Ich bin im Museum aufgewachsen, kenne jeden Winkel“, berichtet der heute in Düsseldorf lebende 84-Jährige. Als Kind bekam er mit, wie sich der Krieg der Stadt näherte. „Düren wurde schon vor dem 16. November 1944 angegriffen. Ich habe erlebt, wie die Stadt sukzessiv zerstört wurde. Ich weiß noch, wie wir im Keller hockten, als im Dach Brandbomben einschlugen. Mein Vater und andere haben sie auf die Straße geworfen.“ Zwei Monate vor dem vernichtenden Luftangriff verließen er, seine Mutter und seine Schwester die Stadt.

Der Vater wurde 1943 zum Kriegsdienst eingezogen. „Von da an hatte ich meine Mutter zu beschützen, als Zwölfjähriger“, sagt Thewellis. Sein Weg führte ihn nach dem Krieg zunächst in den Westerwald, später nach Düsseldorf. Aber immer wieder auch nach Düren, zum Museum. „Ich betrachte es als mein Elternhaus“, sagt er.

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