Kunst aus Papier ist doch irgendwie lebendig

Von: Bruno Elberfeld
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Luise Kött-Gärtner mischt Papierschnitzel unter Klebemasse. Foto: bel

Heimbach. Luise Kött-Gärtner arbeitet in ihrem Atelier „treppauf treppab“ in Heimbach an einer großen Plastik. Es ist eine Marienfigur, die etwa, so schätzt die Künstlerin, in ihrem Endzustand um die 190 Zentimeter hoch sein wird.

Der interessierte Betrachter könnte in der Statue durchaus eine heidnische oder gar prähistorische Muttergottheit wahrnehmen. Selbstbewusst schaut die mächtige Plastik in die Welt, ihr Körper steht erdverbunden und unverrückbar fest auf dem Boden. Mitten auf der Stirn ist ein drittes Auge platziert, ein Herrschaftszeichen, das so bei Mariendarstellungen nur selten zu sehen ist.

Maria stehe hier als eine Matrone, so interpretiert es ein katholischer Pfarrer, „die voller Ernst, Gravität, Zucht, Maß und Kultiviertheit“ eine Orientierung für Menschen auf ihrer Pilgerreise auf dieser Welt sei. Eine beeindruckende Gestalt, die schon lange vor der historischen, katholischen Maria die Menschen in ihren Bann gezogen hat.

Viele Orte, die seit Jahrhunderten den Namen Mariens tragen, waren ursprünglich Muttergottheiten geweiht. Schon lange – daran erinnerte Luise Kött-Gärtner – stehen an diesen Orten Kirchen und Kathedralen. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist das berühmte Labyrinth der Kathedrale von Chartres, das in Heimbach vor Jahren auf Initiative von Kött-Gärtner nachgebaut wurde.

Im Atelier steht neben der eindrucksvollen Plastik eine Wanne. Leim und Kleister sind in Wasser aufgelöst. Luise Kött-Gärtner nimmt Schnipsel von Tages- und Wochenzeitungen, Magazinen und Illustrierten, Katalogen, Prospekten und Flyern und zieht sie durch die Masse, formt Kügelchen und klebt diese scheinbar wahllos auf die Figur.

„Ich weiß, wo ich sie aufbringen muss. Die Figur weiß das auch und weist mich darauf hin“, erklärt die Bildhauerin in vollem Ernst, „denn ein Kunstwerk, insbesondere aber diese Figur, die ich schon seit Jahren als Idee mit mir herumtrage, spricht mit mir.“ Das Verfahren, eine Figur aus Papier zu schaffen, ist neu. Ansonsten werden andere Materialien wie Wachs verwendet.

„Es ist dies das erste Modell“, sagt Kött-Gärtner, „das aus Papier, Leim und Kleister geschaffen wird.“ Warum gerade Zeitungen? Die Antwort leuchtet ein: In diese Plastik werden alle Nachrichten von Kriegen, Verfolgung, Vertreibung, Folter, Terror und Tod der vergangenen Monate eingearbeitet. Kött-Gärtner glaubt und hofft, auf diese Weise etwas zu bewegen.

Am 13. und 14. August 2016 finden jeweils zwischen 11 und 17 Uhr die Tage der Offenen Tür im Atelier „treppauf treppab“ statt. Die Marienstatue und andere Exponate können bewundert werden. Am Fest Mariä Himmelfahrt, am Montag, 15. August, zieht die Figur in die Eifel. Adresse: Zenklausen, Huffelsheck 1, 54619 Leidenborn.

Für einige Wochen wird Luise Kött-Gärtner in einem Atelier in den „Zenklausen“, Im Tal der Stille, unweit von Prüm, ihr Kunstwerk vollenden. Dort wird später auch der endgültige Standort sein. Doch vorher steht noch der Bronzeguss in Kevelaer am Niederrhein bevor. Die fertige Bronzestatue wird im Mai nächsten Jahres zum 25-jährigen Bestehen der konfessionsübergreifenden Zenklausen im „Tal der Stille“ aufgestellt.

Wie ist Luise Kött-Gärtner an diesen Auftrag gekommen? 2007 war sie eine Woche lang in den Zenklausen, die von zwei Damen geleitet werden, zu Gast. Die Damen baten sie, für diesen Ort der Ruhe und der Meditation eine Marienfigur zu schaffen. Versuche mit einem Klumpen Ton setzten erste Ideen frei. Ein Architekt fand auf dem Gelände für die Plastik einen Standort.

Ein kleines, weißes Vorläufer-Modell entstand. Sponsorengelder mussten aufgetrieben werden. Neun Jahre hatte die Bildhauerin Zeit, sich mit dem Auftrag auseinander zu setzen. Während dieser Jahre lernte sie viel über Maria und den Marienkult. Sie entdeckte die Geschichte der „Heiligen Ottilie“, der Schutzpatronin der Blinden aus dem Elsaß, die selbst eine Zeit lang blind gewesen ist, so erzählen die Annalen. Kennzeichen der Heiligen Ottilie ist das dritte Auge mitten auf der Stirn.

Ursprünglich sollte die Skulptur in weißen Stein gehauen werden. Davon nahm die Künstlerin jedoch Abstand, weil filigrane Glieder der Figur durch Fremdeinwirkung schnell beschädigt werden könnten. Während die Künstlerin über das Projekt und seinen Werdegang spricht, ist sie mit gekleisterten Kügelchen unterwegs, rührt in der Wanne, klebt links, klebt rechts, steigt auf einen Hocker, umrundet die große Plastik.

Unter ihren Händen scheint die Figur zum Leben zu erwachen. „Jedes Kunstwerk muss eine Seele haben!“, flüstert sie vor sich hin.

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