Kulturausschuss bewilligt Förderung des VHS-Kurses für Analphabeten

Von: Valerie Barsig
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Ganz von vorne anfangen: Analphabeten müssen von Grund auf lernen, Laute und Buchstaben zu verbinden. Auch das Gefühl für einen Kuli oder Bleistift müssen sie erlernen. Symbolbild: imago/Sven Foto: imago/Sven Ellger
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Sie wollen für Analphabeten sensibilisieren: Rudi und Türkan Mark, Cem Timirci, Theodoros und Mario Papadopoulos vom Integrationsrat. Foto: Valerie Barsig

Düren. Rund 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind funktionale Analphabeten. Sie können zwar Buchstaben erkennen und ein paar Wörter zu Papier zu bringen. Den Sinn eines längeren Textes aber können sie kaum verstehen. Deshalb hat der Integrationsrat die Förderung eines besonderen VHS-Kurses angeregt.

Hans ist 70 Jahre alt, er bekommt rund 900 Euro Rente vom Staat. Er hat früher als Schlosser gearbeitet, seine Eltern waren Schausteller. Hans ist als Kind mit ihnen von Ort zu Ort gezogen, fing mit 16 an zu arbeiten. Zur Schule ist er zwar gegangen, aber nicht regelmäßig. Hans kann bis heute weder zusammenhängende Texte lesen noch schreiben – er ist ein funktionaler Analphabet.

Es sind Menschen wie Hans, die oftmals eine wechselvolle Lebensgeschichte haben, deren Eltern beispielsweise als Schausteller gearbeitet haben, eine Suchtkrankheit hatten oder die aus anderen Gründen nicht dafür Sorge tragen konnten, dass ihre Kinder regelmäßig zur Schule gehen. Kinder, die einfach durch das soziale Netz gefallen sind. „Es gibt auch Kinder aus dem Mittelstand, die Analphabeten sind“, sagt Erika Dichant von der Volkshochschule (VHS) Rur-Eifel, die für Kultur, Sprachen und die Jungs VHS zuständig ist. Seit 1984 arbeitet sie an der Volkshochschule, hat die Alphabetisierungskurse mit aufgebaut. „Das sind Kinder, um die sich ab einem bestimmten Alter nicht mehr gekümmert wurde. Sie haben das vorher Erlernte vergessen.“ Längst nicht alle Analphabeten sind im Rentenalter, es gibt auch viele junge Menschen, die betroffen sind. Die Geschichten von Menschen, die nicht Lesen und Schreiben können sind individuell.

Die Menschen gleichen sich aber in ihrer Vermeidungstaktik: „Wenn sie zum Beispiel einen Antrag ausfüllen müssen, verbinden sie sich die Hände oder Arme“, sagt Erika Dichant. Dann bitten sie darum, den Antrag mit nach Hause nehmen zu dürfen, wo ihnen jemand beim Ausfüllen hilft. Längst nicht alle funktionalen Analphabeten haben aber Vertraute, die von ihrer Schwäche wissen. Wer Analphabet ist, schämt sich häufig, weder lesen noch schreiben zu können. Das ständige Verheimlichen wird im Beruf und auch im privaten Umfeld zur Gewohnheit. „Ich hatte mal eine Schülerin, deren Ehemann nicht einmal wusste, dass sie Analphabetin ist,“ berichtet Dichant.

An der VHS können sich Analphabeten Hilfe holen. Das ist allerdings mit Kosten verbunden: 137,50 Euro pro Teilnehmer kostet ein Kurs mit 64 Einheiten für zehn Personen. Wer nur 900 Euro Rente bekommt oder Sozialhilfeempfänger ist, kann diesen Preis – trotz 30 Euro Förderung des Jobcenters – kaum stemmen. Deshalb hat der Integrationsrat der Stadt Düren einen Antrag in den Kulturausschuss eingebracht, der einen Alphabetisierungskurs an der VHS finanzieren soll. Der Kulturausschuss hat den Antrag inzwischen einstimmig verabschiedet und den Zuschuss von 1075 Euro gewährt.

Verständnis bei Ämtern schaffen

Den Mitgliedern des Integrationsrates geht es darum, für Analphabeten zu sensibilisieren und ihnen bei der Integration in die Gesellschaft zu helfen. Langfristiges Ziel sei es, auch in Ämtern größeres Verständnis zu schaffen und zum Beispiel Formulare in einfacher Sprache zu erstellen, die auch Menschen mit Lese- und Schreibproblemen verstehen können. Denn der Gang auf das Amt ist für sie mit Angst verbunden. Zwar wird ein Alphabetisierungskurs von der Jobcom bezuschusst, allerdings melden sich Menschen, die nicht lesen können, dort oft erst gar nicht. „Der überwiegende Teil ist nicht besonders selbstbewusst“, sagt Erika Dichant. Das führe dazu, dass sie in unbekannten Situationen sehr ängstlich reagierten. „Und daher kommt auch eine große Angst vor Behörden und davor, zuzugeben, dass man nicht lesen und schreiben kann.“

Ein Alphabetisierungskurs sei ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn er für Betroffene anstrengend sei. Anfangs müsse man das Gefühl für einen Bleistift oder Kugelschreiber erst vermitteln, sagt Erika Dichant. „Erstmal sehe ich dann Schweißausbrüche, wenn es darum geht, ein Wort zu formen.“ Denn was Kinder in der Grundschule in mehreren Jahren lernen, müssen Analphabeten in fortgeschrittenem Alter nachholen. Das sei harte Arbeit. Einige derjenigen, die sich für ihre Kurse anmeldeten, schrecke das auch kurz vor Beginn ab, sagt Erika Dichant. Sie freut sich über den Zuschuss, hält es aber auch für wesentlich, dass eine nachhaltige Förderung solcher Kurse in den Fokus der Verwaltung rückt, denn: Der Bedarf ist da.

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