Nideggen/Nörvenich - Künstlerin Muna Götze: Das Mädel, das viel lieber malt

Künstlerin Muna Götze: Das Mädel, das viel lieber malt

Von: Burkhard Giesen
Letzte Aktualisierung:
15559767.jpg
Horst und Muna Götze aus Nideggen mit ihrer Skulptur zu „Pillars of Freedom“. Foto: B. Giesen

Nideggen/Nörvenich. „Wäre das was für Dich?“ hat Marianne Kerver vor Monaten Muna Götze gefragt. Die Antwort kann man sehen: eine Skulptur in der Zülpicher Straße in Nideggen.

„Pillars of Freedom“ – also „Säulen der Freiheit“ – nennt sich die Aktion, die der Alsdorfer Bildhauer Alfred Mevissen schon vor über einem Jahr ins Leben gerufen hat. Die Idee: Künstler aus aller Welt sollen zum 9. November, dem Tag des Mauerfalls, eine zwei Meter hohe Säule schaffen und sie an dem Tag für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Das Ziel des Künstlers: So soll an die Bedeutung des aktiven Engagements für die Freiheit erinnert werden.

„Freiheit = Frieden“

Muna Götze hat natürlich Ja gesagt und sich an die Arbeit gemacht – unterstützt von ihrem Mann Horst Götze. Entstanden ist eine Skulptur, in der Menschen versuchen Zäune zu überwinden. Die Freiheitssäule steht unter dem Motto „Wenn alle Kontinente wie Zahnräder zusammenarbeiten, gelangen wir zur Freiheit. Freiheit = Frieden.“ Und so finden sich neben den Menschen, die Barrieren überwinden, auch die Kontinente und die Zahnräder in der Skulptur wieder.

„Viele kleine Schritte sind notwendig, wenn man für die Freiheit kämpfen will“, glaubt Muna Götze. „Dazu braucht es Mut, um sich für unsere Werte wie Offenheit und Toleranz einzusetzen. Die zunehmende Mentalität, politisch wegzuschauen beängstigt mich“, sagt sie. Und: „Natürlich denkt man bei diesem Datum sofort an den Mauerfall.“ Aber eben nicht nur. Es ist eine Art deutscher Schicksalstag – vom Beginn der ersten Deutschen Republik 1918, über die Pogrome gegen jüdische Mitbürger 1938 bis hin eben zum Mauerfall 1989.

Zu den „kleinen Schritten“ passt, dass Muna Götze sich bewusst entschieden hat, sich zwar an der Aktion des Alsdorf Bildhauers zu beteiligen, aber am 9. November in Nideggen selbst die Aktion zu realisieren. Sie will vor Ort ein Zeichen setzen, auch weil sie weiß, dass sie als Künstlerin vielleicht mehr Freiheiten genießt, deswegen umgekehrt eine größere Verantwortung verspürt.

Dirk und Marianne Kerver beteiligen sich ebenfalls an dieser Aktion. Ihre Skulptur kann am 9. November in Eschweiler über Feld, Alter Buntwolf 13, besichtigt werden. „Aufbruch in die Freiheit“ ist der Titel ihrer Skulptur – das im doppelten Sinne, symbolisiert sie doch eine aufbrechende Mauer und gleichzeitig die Menschen, die in diese neue Freiheit aufbrechen.

Mehr als 90 Künstler aus 18 verschiedenen Ländern beteiligen sich inzwischen an der internationalen Kunstaktion, die an dem Abend um 18 Uhr in einer virtuellen Liveübertragung mündet. Der internationale Ansatz passt gut zu Muna Götze, die selbst im Gaza-Streifen geboren wurde und die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt. Seit Jahren engagiert sie sich in der Asylarbeit, übernimmt Behördengänge, kümmert sich um traumatisierte Kinder.

Überhaupt Kinder. Würde man die 58-Jährige nach ihrer Familie fragen, könnte sie vermutlich stundenlang erzählen. Um 32 Pflegekinder hat sie sich mit ihrem Mann im Laufe der Jahre gekümmert, von der Kurzeitpflege bis zur dauerhaften Betreuung. „Der älteste ist heute 40. Wir hatten ihn aufgenommen, als er 13 Jahre alt war“, erzählt sie. Die Familie war damals ihre oberste Priorität; erst, als die Kinder flügge wurden, richtete sie sich wieder ein Atelier ein und begann zu malen.

Ihr Zugang zur Kunst ist ein verzögerter, offenbart sie eine Seite, die man an ihr so nicht vermuten würde: das eingeschüchterte Mädchen, das ihrer Begabung nicht traut, weil die Mutter als Künstlerin so gut ist. „Die konnte Rubensfiguren einfach so aus dem Handgelenk zeichnen. Sie war richtig gut.“

Erst nach dem Tod der Mutter traute sie sich, selbst mit der Malerei anzufangen, ermuntert von den positiven Reaktionen. Ihre Mutter begleitet sie bis heute; Bilder von ihr hängen in der Galerie, unverkäuflich natürlich. Die Frau, die sonst so gar nicht auf den Mund gefallen ist, kann aber auch heute noch sehr zurückhaltend sein.

Vor einigen Wochen hat sie einen Meisterkurs bei Markus Lüpertz, einem der bekanntesten deutschen Künstler, belegt. „Da hatte ich erst etwas Bammel“, gesteht sie. Es endete unerwartet anders: „Er hat uns sehr gestärkt und gesagt, dass man immer weiter malen und nie an sich selbst zweifeln soll“, erzählt Muna Götze. Das Ergebnis ist ein Bild, das sie gemeinsam mit Lüpertz gemalt hat, der ihre selbstzweiflerischen Anwandlungen kurzerhand mit einem Satz beendete: „Mädel, mal lieber!“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert