„Krasses Erlebnis”: Dürener Jugendliche besuchen JVA Heinsberg

Von: Tobias Röber
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„Krasses Erlebnis” im Gefän
„Krasses Erlebnis” im Gefängnis: Martin Zimmerbeutel (vorne rechts), Sebastian Herweg und Jürgen Kammer (hintere Reihe von rechts) haben mit Jugendlichen die JVA in Heinsberg besucht. Foto: Röber

Düren. Es war ein einschneidendes Erlebnis für Philmon Weldesellassie, 16 Jahre alt, und den 18-jährigen Harold Kimuangana. Mit neun weiteren Jugendlichen waren sie in der JVA Heinsberg. Jedoch nur zu einem Fußballspiel gegen Häftlinge, einer kleinen Besichtigung und zu einem anschließenden Austausch mit denen, die eben nicht am Ende des Tages wieder in die Freiheit konnten.

Geblieben ist neben der knappen 1:2-Niederlage vor allem eines: Der Knast ist alles mögliche, nur nicht cool.

Denn genau das werde Jugendlichen mitunter vermittelt, weiß Sozialpädagoge Jürgen Kammer von der Jugendgerichtshilfe. Man muss nicht arbeiten, hat Handys und einen Fernseher, es gibt Drogen. Gleichaltrige, die schon einsaßen, verharmlosen das Gefängnis ein ums andere Mal. „Erlebtes wird oft glorifiziert”, sagt auch Sozialarbeiter Martin Zimmerbeutel, der mit vielen Jugendlichen im Jugendheim Düren-Ost arbeitet. Einige der Jugendlichen haben auch Freunde, die schon mal straffällig geworden sind.

Ein Besuch im Gefängnis und der damit verbundene Anblick der Realität sind ein probates Mittel, um den Jugendlichen die Augen zu öffnen. Jürgen Kammer hat eine solche Aktion bereits vor zehn Jahren angestoßen (damals fand das Spiel noch auf Asche und nicht auf Kunstrasen statt), und auch die Wiederholung stieß bei den Jugendlichen auf großes Interesse. Natürlich geht so etwas nicht von heute auf morgen. Rund neun Monate Vorlaufzeit waren nötig. Die Autos mit den Dürener Jugendlichen zu füllen, dauerte hingegen keine Woche. Die Eindrücke werden bleiben. „Das war ein krasses Erlebnis. Allein die hohen Mauern waren bedrückend”, sagt Harold.

Das Ergebnis spielte allenfalls während der verkürzten Spielzeit eine Rolle. Nach der Partie hatten Harold, Philmon und ihre Mannschaftskollegen die Gelegenheit, mit Häftlingen zu sprechen. Anfangs waren die Jugendlichen etwas zurückhaltend, dann trauten sie sich - und es entwickelte sich ein sehr offenes Gespräch. „Viele Fragen hatte ich so nicht erwartet”, sagt Martin Zimmerbeutel. Ganz offen berichteten die Insassen, warum sie im Gefängnis sitzen.

Bei Worten wie Raub, Betrug und gar Mord stockte dem einen oder anderen Dürener der Atem. „Die waren aber alle sehr nett”, sagt Philmon, der auch jetzt noch ein wenig schlucken muss, wenn er sich an die Bilder erinnert. An die dicken Betonpfeiler, hinter denen nur ein paar Augen zu sehen waren. Daran, dass die Häftlinge nur eine Stunde pro Tag Ausgang haben. Dass sie nur eine Stunde pro Woche Besuch empfangen dürfen und auch nur einmal im Monat die Möglichkeit haben, einige Sachen einzukaufen.

Neben Jürgen Kammer und Martin Zimmerbeutel war auch Jugendrichter Sebastian Herweg mit in Heinsberg. Er ist ein weiteres Puzzlestück in der Arbeit des Jugendheims. „Wir wollen Hemmschwellen abbauen”, erklärt Jürgen Kammer, der selbst einmal wöchentlich ins Jugendheim geht. Die Jugendlichen machen von dem Angebot regen Gebrauch, wenn sie Fragen an Sebastian Herweg richten können. Oft wollen sie etwa wissen, was ihnen bei einem bestimmten Vergehen droht.

„Freiheit ist das wichtigste”

Es sei vor allem wichtig, dass auch etwa Jugendrichter in die Einrichtung kommen, betont Jürgen Kammer. „Es ist sehr gut, dass Sebastian Herweg in das Jugendheim kommt und sieht, wie es funktioniert”, sagt der Sozialpädagoge.

Mit dem Besuch in der JVA hat sich ein ganz neues Bild bei den Jugendlichen verfestigt. „In der Anstalt hat uns keiner gesagt, wie cool das hier ist. Im Gegenteil”, sagt Harold, der betont, dass „mir die Jugendlichen leid taten, als ich am Ende des Tages wieder nach Hause konnte und sie nicht”.

Harold Kimuangana fasst den Besuch im Gefängnis abschließend zusammen: „Der Knast ist definitiv nix Gutes. Und wer einmal drin sitzt, für den ist es zu spät. Freiheit ist das wichtigste.” Jürgen Kammer, Martin Zimmerbeutel und Sebastian Herweg hören das sicher gerne.
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