Kita-Leiterin: „Dieser Lohn ist eine echte Zumutung”

Von: Tobias Röber
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Bessere Arbeitsbedingungen: Marita Graß testet einen der sogenannten Erzieherinnenstühle. Die Lärmampel auf dem Tisch und der „Möchtegern-Erzieherinnenstuhl” (links) haben nicht geholfen. Foto: Tobias Röber

Düren. An manchen Tagen ist Marita Graß demoralisiert. Immer mehr Aufgaben bei fast gleichbleibendem Lohn, dazu teils unhaltbare Arbeitsbedingungen. Für die Leiterin der Kindertagesstätte „Wibbelstetz” steht fest: „Wenn es so weitergeht, erreichen einige Erzieherinnen das Rentenalter sicherlich nicht.”

Damit es Marita Graß und ihren Kolleginnen so nicht ergeht, haben sie sich vergangene Woche für einen Tag den Streiks für eine betriebliche Gesundheitsförderung angeschlossen. „Wir haben es in Düren zunächst bei einem Tag belassen, weil wir die Eltern und Kinder nicht so hart treffen wollen”, sagt Graß. Die 51-Jährige arbeitet seit 31 Jahren als Erzieherin, seit 19 Jahren leitet sie die Kindertagesstätte. „Bei den Streiks geht es um eine gerechtere Entlohnung und um die immer stärker steigenden Belastungen”, betont die Kita-Leiterin. Einige dieser Belastungen sind keinesfalls neu. „Rücken- und Kopfschmerzen, weil wir auf den kleinen Stühlen falsch sitzen, sowie die teils enorme Lautstärke kenne ich seit 30 Jahren”, sagt Graß. Die Folgen kennt sie somit: „Es gibt Studien, die belegen, dass die Lautstärke in manchen Kitas vergleichbar mit der eines landenden Flugzeugs ist.”

Neu ist hingegen der gestiegene Verwaltungsaufwand rund um das ungeliebte Kinderbildungsgesetz Kibiz, die Aufgaben als Familienzentrum und die Ganztagsbetreuung. Außerdem werden die Kinder immer jünger, benötigen demnach intensivere Zuwendung. Graß: „Mit diesem Aufwand sowie Früh- und Spätdienst sind wir sehr knapp besetzt. Durch Krankheit, Urlaub und Fortbildungen bricht das System zusammen.” Die Leidtragenden sind Kinder und Erzieher gleichermaßen. Mehr Zeit für Verwaltungsaufgaben bedeutet weniger Zeit für die Kinder. Mit dem Selbstverständnis der meisten Erzieher lässt sich das jedoch nicht vereinbaren. „Wir wollen die Kinder nicht nur verwahren, sondern auch fördern”, betont Graß.

Um körperlichen Schäden vorzubeugen, gibt es mittlerweile einige Möglichkeiten, etwa besondere Stühle für die Erzieher und Lärmschutzsysteme. Was in der Theorie gut klingt, sieht in der Praxis jedoch alles andere als einfach aus. Der Grund: Das Geld fehlt. Marita Graß erklärt: „Erzieherinnenstühle und Lärmschutzsysteme müssen aus dem ohnehin nicht sehr üppigen Etat bezahlt werden. Die meisten Kollegen verzichten daher lieber, weil sie das Geld für die Kinder ausgeben wollen. Daneben spielt auch das Gehalt eine wichtige Rolle. „Geld ist in unserer Gesellschaft ein Indikator für das Ansehen. Geht es danach, stehen wir Erzieher kurz hinter dem Müllmann”, sagt die Kita-Leiterin und nennt ein Beispiel: „Wir haben einen Kollegen eingestellt.

Er ist 40 Jahre alt, hat eine Vollzeitstelle und wird mit knapp 1000 Euro netto entlohnt. Dieser Lohn ist eine echte Zumutung.” Für Marita Graß sind daher Streiks unerlässlich. „Immer mehr Erzieher sind krank. Irgendwann ist die Batterie leer. Daher müssen wir uns jetzt für Verbesserungen einsetzen.” Bei den meisten Eltern stößt sie auf Verständnis. In Momenten, in denen sie und die Kollegen demoralisiert sind, ist es ein Ansporn, weiter für die eigenen Ziele zu kämpfen.
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