Kinderzug-Initiator Linn: „Der Karneval darf nicht beliebig werden“

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Mittlerweile nehmen 1500 kleine Jecke und rund 500 Musiker am Dürener Kinderkarnevalszug teil. Am Sonntag zieht er zum 9. Mal durch die Innenstadt. Los geht es um 14 Uhr. Foto: Stephan Johnen
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Michael Linn ist der Initiator des Kinderkarnevalszuges. Foto: Stephan Johnen

Düren. Ohne diesen Jecken gäbe es keinen Kinderkarnevalszug. Als Michael I. und Renate I. (Linn) herrschten der Dürener und seine Ehefrau 2005/06 über die Jecken an der Rur, da kam ihnen eine Idee, die direkt umgesetzt wurde. Am Sonntag ist es wieder soweit, setzt sich der Kinderkarnevalszug erneut in Bewegung.

DZ-Redakteur Stephan Johnen hat im Vorfeld mit Michael Linn über Experimente im Karneval gesprochen.

Herr Linn, am Sonntag zieht der 9. Kinderkarnevalszug durch die Stadt. Ist Düren so groß, dass die Stadt zwei Züge braucht?

Linn: Der Kinderkarnevalszug ist doch keine Konkurrenz zum Orchideensonntag. Im Gegenteil. Die Zusammenarbeit mit den Gesellschaften und dem Festkomitee ist ganz wunderbar. Die Idee war es, ein eigenes Angebot speziell für Kinder und Jugendliche zu schaffen.

Warum wird ein solches Angebot denn benötigt?

Linn: Der Kinderzug ist eine Form der Brauchtumspflege. Die ursprüngliche Idee bestand darin, dass Karnevalsgesellschaften in die Schulen gehen und sozusagen Patenschaften übernehmen, die Kinder ans Brauchtum heranführen. Ich bin überzeugter Karnevalist – für mich ist Karneval auch ein Stück Identität und gehört zur rheinischen Kultur. Doch dieses Wissen droht verloren zu gehen.

Weil Karneval von Jugendlichen oft mit Party gleichgesetzt wird?

Linn: Der traditionelle Karneval verändert sich. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Es darf auch einmal eine Karnevalsparty geben, keine Frage. Aber wenn sich Karneval immer mehr mit anderen Dingen vermischt, wird es auf lange Sicht keinen Karneval mehr geben. Er schafft sich selbst ab, alles wird beliebig.

Wie definieren Sie Karneval?

Linn: Traditionell hat das närrische Treiben mehrere Komponenten: Es gibt den Prinz oder das Prinzenpaar als Narrenherrscher, den karnevalistischen Tanz, der gerne auch etwas Show sein darf, sowie Musik und vor allem die Büttenrede. Und damit meine ich den Büttenredner, der humorvoll und bissig zugleich auch das lokale Geschehen auf die Schippe nimmt. Heute stehen sehr oft Comedians auf der Bühne, die das ganze Jahr über im Fernsehen zu sehen sind. Und Karnevalshits laufen das ganze Jahr über. Diese Verwässerung betrachte ich mit Sorge.

Welche Rolle spielen dabei die Karnevalisten?

Linn: Mit Ausnahme des karnevalistischen Tanzsports haben wir es in der Vergangenheit nicht immer geschafft, auch die anderen Formen mehr zu fördern, den eigenen Nachwuchs stärker zu unterstützen. Lange Zeit wurden vor allem Spitzenkräfte von außerhalb engagiert. Das System ist auf Dauer nicht bezahlbar. Und die Witze kenne ich als Zuhörer irgendwann alle aus dem Fernsehen. Ich übertreibe jetzt ganz bewusst. Zur Nachwuchsförderung gehört es auch, Kinder außerhalb der Gesellschaften zu erreichen. Nur so kann das Interesse geweckt werden.

Gibt es denn Alternativen für Programmgestalter? Wünscht sich das Publikum nicht die großen Namen?

Linn: Ich sage ja nicht, dass das schlecht ist. Aber es funktioniert nicht, wenn jeder Verein nach diesem Muster arbeitet. Es gibt sehr viele Gesellschaften, die Mut hatten, eine Nische zu suchen und sie zu besetzen, auch mit ganz neuen Formaten: Die Bauernsitzung der Rölsdorfer gehört ebenso dazu wie die Närrische Akademie der Norddürener. Und die Südinsulaner sind zum ursprünglichen Karneval in ihrem Stadtteil zurückgekehrt – ganz nah an den Menschen. Solche Angebote sorgen für Abwechslung.

Kehren wir zum Kinderzug zurück. Wünschen Sie sich mehr Resonanz?

Linn: Der Zug hat eine sehr gute Größe. Wir haben mit 700 Teilnehmern angefangen, heute sind es 2000. Die Kostüme sind auch toll, da wird im Vorfeld viel Arbeit investiert. Wenn der Zug noch viel größer wird, müssen wir die eigene Organisation überarbeiten. Unser Verein hat sieben Mitglieder.

Brauchen Sie keine weitere Hilfe?

Linn: Doch, selbstverständlich. Wir haben tolle Partner, die uns seit Jahren unterstützen. Das THW gehört dazu, die Malteser und die Löschgruppen Mariaweiler, Echtz und Birkesdorf der Feuerwehr. Ohne ehrenamtliche Helfer würde der Zug erst gar nicht starten. Dafür möchte ich mich bei allen bedanken.

Wie klappt es mit der Finanzierung?

Linn: Gut. Industrie, Einzelhandel und Privatpersonen unterstützen uns. Vor dem Start laden wir alle zu einem Sponsorenfrühstück ein.

Was wünschen Sie sich für die kommenden Kinderkarnevalszüge?

Linn: Weiterhin eine rege Beteiligung, viel Unterstützung und vielleicht die eine oder andere Schule, die sich noch beteiligt.

Wo sehen Sie den Dürener Karneval in zehn Jahren?

Linn: Derzeit gibt es 27 Vereine in der Stadt. Ich weiß nicht, wie das Bild 2025 aussehen wird. Ich würde jedoch folgendes gerne sehen: Alle Vereine setzen sich an einen Tisch und gründen einen Arbeitskreis.

Um über Zusammenschlüsse von Gesellschaften zu reden?

Linn: Nein, auf keinen Fall. Ich bin ein Verfechter der Eigenständigkeit. Jede Karnevalsgesellschaft soll bestehen bleiben und unabhängig sein.

Wozu soll dann ein Arbeitskreis aller Vereine dienen?

Linn: Alle Gesellschaften müssen sich die Frage stellen, ob der Dürener Karneval fit für die Zukunft ist. Was ist noch alleine zu schaffen? Wo lässt sich mehr zusammenarbeiten? Ich würde erst einmal alles in Frage stellen – um dann gemeinsam Antworten zu finden. Es muss nicht jeder alles machen. Auch die Kölner haben Probleme, ihre Säle zu füllen. Das ist kein Dürener Problem. Das ist auch kein Problem, das nur Karnevalisten haben.

Aber auch wir müssen gesellschaftlichen Veränderungen gerecht werden. Wenn wir nichts tun, kann es passieren, dass es uns nicht mehr lange gibt. Da schließt sich aus meiner Sicht der Kreis zum Kinderkarnevalszug und zur Nachwuchsarbeit.

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