„Keine Fehler machen“: Dietmar Nietan über die Zeit nach der Wahl

Von: inla
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Der Dürener SPD-Bundestagsabgeordnete Dietmar Nietan (r.) ist seit 2014 Schatzmeister der Partei. Aus jenem Jahr stammt auch die Aufnahme mit Martin Schulz, zu dessen engsten Kreis er im diesjährigen Wahlkampf zählte. Soweit wäre es nicht gekommen, wenn Schulz einen Satz nicht im Scherz, sondern mit purer Ernsthaftigkeit gesagt hätte. Foto: imago/stock&people

Kreis Düren. Es ist der Abend des 7. Mai, ein kühler Sonntag, als Dietmar Nietan für einen Moment ziemlich irritiert ist, vielleicht sogar sprachlos. Die SPD-Parteispitze sitzt im Willy-Brandt-Haus und muss wieder einmal über eine verlorene Wahl sprechen.

Die SPD kommt in Schleswig-Holstein nur noch auf 27,3 Prozent, Thorsten Albig wird als Ministerpräsident abdanken müssen. Zu diesem Zeitpunkt sind es noch gut vier Monate bis zur Bundestagswahl, die NRW-Wahl wird erst eine Woche später verloren.

Und trotzdem sagt Kanzlerkandidat Martin Schulz an diesem Abend: „Das Ziel ist ab jetzt nicht mehr das Kanzleramt, sondern die Fünfprozenthürde.“ Er sagt außerdem: „Und dann entlassen wir noch unseren Schatzmeister.“

Der Schatzmeister ist Dietmar Nietan, Bundestagsabgeordneter aus Düren. Er schaut verwundert, erst recht, als Schulz nachlegt: „Heutzutage müssen immer Köpfe rollen. Da braucht man einen Schuldigen. Und das ist jetzt eben der Dietmar.“

Anspannung auflösen

Natürlich ist das ein Scherz. Es sei Schulz‘ Art, Momente der Anspannung mit kleinen Albernheiten aufzulösen, schreibt der „Spiegel“-Autor Markus Feldenkirchen in einem viel beachteten, 18 Seiten starken Stück über Martin Schulz. Feldenkirchen hat den Kandidaten 150 Tage im Wahlkampf begleitet und ein Bild von Schulz gezeichnet, das in dieser Woche viel diskutiert wurde. Schulz offenbart An- und Einsichten, die „manche sympathisch und menschlich finden, manche aber als völlig unpassend und für eine Spitzenpolitiker als unangemessen ansehen“, sagt Dietmar Nietan.

Schulz spricht davon, die Leute fänden ihn peinlich, weil er immer erklären müsse, Kanzler zu werden, obwohl jeder wisse, dass er das nicht wird. Die Leute seien zwar freundlich, aber nur, weil sie Mitleid mit ihm hätten. „Martin zeigt, dass er nicht nur Machtpolitiker ist, sondern auch Mensch“, sagt Nietan, der mit Schulz seit Jahren freundschaftlich verbunden ist. Es sei mutig gewesen, den „Spiegel“-Journalisten so dicht an sich heranzulassen.

Dass Schulz auch mit Häme und Spott belegt wurde, erklärt sich Nietan mit einer „immer weiter nachlassenden Bereitschaft zur Differenzierung in der Gesellschaft“. Meist gebe es nur ein Schwarz und ein Weiß, nichts dazwischen. Das habe er im Wahlkampf immer wieder gemerkt. Es gäbe kaum noch ein Abwägen, die Welt würde bei Twitter in 140 Zeichen erklärt, zudem dominierten die großen, einfachen Schlagzeilen. „Und das, obwohl die Welt immer komplizierter wird.“

Als Nietan am Wahltag nachmittags gegen 16 Uhr von Meinungsforschern erfährt, dass die SPD bei 19 bis 21 Prozent landen würde, hockt sich die enge Parteispitze zusammen und überlegt, wie es weitergehen soll.

Zweieinhalb Stunden später verkündet Schulz das Ende der Großen Koalition, Nietan steht mit auf dem Podium im Willy-Brandt-Haus. „Für uns ging es in den beiden Wochen nach der Wahl vor allem darum, keine weiteren Fehler zu machen.“ Aus heutiger Sicht, sagt Nietan, wäre er dafür gewesen, dass die SPD „offensiver auftritt und die CDU samt Kanzlerin mehr attackiert“. Aber hinterher sei man immer schlauer. Die Meinungsforscher hätte dazu geraten, Angela Merkel nicht anzugehen. Politik heute ist stark geprägt von Umfragen und den daraus folgernden Einschätzungen der Berater. Schulz hat sich davon leiten lassen, das zeigt der „Spiegel“-Artikel deutlich.

In dieser Woche hat Dietmar Nietan schon zweimal die Strecke Düren – Berlin zurückgelegt, zwischendurch war er für zwei Tage auf Zeeland, ausspannen – nach Monaten ununterbrochenem Wahlkampfmodus. Dieses Wochenende bleibt er in der Hauptstadt, die SPD gedenkt Willy Brandt, der vor 25 Jahren gestorben ist.

Vor Mitternacht ins Bett

Das schlechte Wahlergebnis seiner SPD (20,5 Prozent) hätte Nietan selbst das Bundestagsmandat kosten können. Erst am Morgen nach dem Wahltag, früh um halb sieben, stand fest, dass er weiter dabei ist. Schon einmal, von 2005 bis 2009, saß er nicht im Bundestag. Trotz der Ungewissheit über seine Zukunft legte sich Nietan am Abend des Wahltages noch vor Mitternacht ins Bett. Er sagte sich: „Das Ergebnis wird nicht besser, wenn ich wach bleibe.“

Das Ergebnis war in seinem Sinne. Und da er auch nach der verlorenen Bundestagswahl nicht von Martin Schulz als Schatzmeister entlassen wurde, geht es weiter. In der Opposition, auch wenn „die Mist ist“, wie einst der frühere Parteichef Franz Müntefering sagte. Nietan war dafür, diesen Weg zu gehen. Wohin er führt, kann er nicht wissen.

Das wissen heute nicht einmal die Meinungsforscher.

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