„Kein Kind zurücklassen“: Modellprojekt zur Jugendarbeit

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Je früher, desto besser: „Kein Kind zurücklassen“ soll möglichst viele Unterstützungs- und Hilfsangebote ermöglichen. Die Einbindung des Gesundheitsbereiches ermögliche es, Eltern und Kinder besser zu erreichen. Foto: stock/blickwinkel
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Dr. Brigitte Mohn ist Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Foto: Johnen

Kreis Düren. Was kann getan werden, um Chancengleichheit herzustellen? Wie können Jugendämter, freie Träger der Jugendhilfe, Ärzte, Kitas und Schulen intensiver miteinander kooperieren? Welche Vorsorgeangebote für Kinder und Familien fehlen? Diesen Fragen stellten sich 18 Kommunen beim Modellprojekt „Kein Kind zurücklassen“ der Landesregierung und der Bertelsmann Stiftung, das Ende September ausläuft.

Der Kreis Düren war eine der 18 Modellkommunen. Dr. Brigitte Mohn, Mitglied des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung, hat sich vor Ort über die entwickelten Ideen informiert. DZ-Redakteur Stephan Johnen sprach mit ihr über Weichenstellungen.

Wie lässt sich die Grundidee des Modellprojektes „Kein Kind zurücklassen“ in einem Satz erklären?

Mohn: Wir müssen lernen, vom Kind her zu denken und unser Handeln danach ausrichten.

Was bedeutet das?

Mohn: Vereinfacht formuliert ist Jugendhilfe derzeit oft ein Reparaturbetrieb.

Die Jugendämter greifen ein, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist?

Mohn: Richtig. Es wird noch zu oft auf konkrete Problemstellungen reagiert. „Kein Kind zurücklassen“ möchte schon mit Vorbeugung ansetzen, bevor ein Kind geboren wird. Im Fokus stehen dabei das gesunde Aufwachsen der Kinder und die Begleitung der Eltern, der Familie und deren soziales Umfeld. Dazu gehören Ärzte, Erzieher und Lehrer, aber auch ehrenamtliche Mitarbeiter zivilgesellschaftlicher Organisationen wie Trainer aus Sportvereinen. Jeder, der direkt oder indirekt Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes hat, soll Teil der Präventionskette sein.

Sollte dies nicht eine Selbstverständlichkeit sein?

Mohn: Die einzelnen Akteure leisten gute Arbeit. Sie stehen aber nicht automatisch miteinander im Austausch. Bis zum Wechsel in die Grundschule haben Erzieher und Kinderärzte beispielsweise einen guten Blick auf die Entwicklung eines Kindes, auf die familiären Hintergründe. Der Wechsel in die Grundschule ist ein Wechsel in ein neues System, viel Erfahrungswissen droht an dieser Stelle verloren zu gehen. Die im Kreis Düren eingeführten Präventionskonferenzen ermöglichen es, dieses Wissen weiterzugeben, es für weitere Hilfestellungen zu nutzen.

Ist es so außergewöhnlich, alle Akteure an einen Tisch zu holen?

Mohn: Es ist zumindest nicht selbstverständlich. In Düren wurde noch ein zweiter Schritt gemacht: Oft erhalten Kinder und Familien Hilfsangebote, die von mehreren Ämtern koordiniert werden. Hinzu kommen noch Träger der freien Jugendhilfe. Neu ist, dass es nur noch einen Ansprechpartner gibt, der alles koordiniert. Das geht nur, wenn Vorsorge als Chefsache verstanden wird und als strategische Entscheidung von der kommunalen Spitze ausgeht.

Welche Rolle spielt der „Blick von außen“ auf Verwaltungen?

Mohn: Ein Blick von außen hilft immer. Zum einen verfügt die Bertelsmann Stiftung über viel Erfahrung, zum anderen ist sie unabhängig. Der Blick von außen bringt manchmal alle Beteiligten auch dazu, Dinge anders zu denken. Als Stiftung bieten wir eine Plattform an. Die Modellkommunen kommen miteinander ins Gespräch, tauschen sich aus. Es gibt bereits viele gute und erfolgreiche Hilfs- und Unterstützungsangebote, sie müssen nicht immer neu erfunden werden. Aber nicht immer sind sie allgemein bekannt.

Welche Frage können Sie in diesem Zusammenhang nicht mehr hören?

Mohn: „Müssen wir kooperieren?“ Manche Städte und Gemeinden sind der festen Überzeugung, alles selbstständig anbieten und organisieren zu können. Unsere Erfahrung zeigt: Vorbeugung funktioniert, wenn sie ämterübergreifend organisiert ist und möglichst viele Zuständigkeiten, Expertenzirkel und Finanzbudgets erfasst. Zusammenarbeit ist ein Schlüssel des Erfolgs. Daher begrüße ich sehr, dass im Kreis Düren die in einer Kommune gesammelten Erfahrungen nun allen anderen zugute kommen sollen und das Projekt über die Ende September auslaufende Förderperiode hinaus ausgeweitet wird.

Was haben Sie an der Rur beobachtet?

Mohn: Die handelnden Akteure haben den Mut, neue Wege zu beschreiten. Und sie sind bereit, dies gemeinschaftlich zu tun. Bestehende Strukturen der Jugendhilfe werden gut eingebaut. Die Auswertung zeigt, dass auch die Elternkompetenz gestärkt werden muss. Unsicherheiten in der Elternrolle sind weit verbreitet, manche Eltern fühlen sich der Aufgabe nicht gewachsen. Wichtig ist auch der Ansatz, einen Zugang zur Zielgruppe über präventive Angebote im Gesundheitsbereich zu bekommen.

Die Sozialkosten laufen in Stadt und Kreis Düren aus dem Ruder. Was können Präventionsangebote da erreichen?

Mohn: Wir haben nie gesagt, dass Vorsorge eine Sparmaßnahme ist. So darf Prävention auch nicht verstanden werden, sie ist keine politische Formel, mit der sich Haushalte sanieren lassen. Vorbeugung muss ein grundlegendes gesellschaftliches Interesse sein.

Stimmt es nicht, dass hohe Folgekosten wie Heimunterbringungen vermieden werden können, wenn frühzeitig geholfen wird?

Mohn: Das stelle ich nicht in Frage. Nur sollte der finanzielle Aspekt nicht der Grund des Handels sein. Ist Hilfe nur gut, wenn sie umgehend einen fiskalpolitischen Nutzen beweist? Bei vielen Angeboten, die beispielsweise die Bildungschancen der Kinder verbessern, lassen sich die Früchte der Arbeit erst nach Jahren ernten. Es ist schwer, eine sofortige Entlastung nachzuweisen. Dennoch sind solche Projekte wichtig.

Was geschieht mit den Erkenntnissen, die gesammelt wurden?

Mohn: Als Stiftung packen wir einen Rucksack, den wir allen Städten, Gemeinden und Landkreisen zur Verfügung stellen werden. Wir möchten Angebote machen. Im Kreis Düren gefällt uns sehr gut, dass die Aufgabe, kein Kind zurückzulassen, als Gemeinschaftsaufgabe begriffen wird und eine Verknüpfung mit der Wirtschaft vorhanden ist beziehungsweise noch intensiviert werden soll.

Bleibt die Stiftung weiter im Boot?

Mohn: Wir werden die Kommunen des Kreises weiter begleiten, unser Know-how zur Verfügung stellen.

Welche neuen Aufgaben sehen Sie auf die Kommunen zukommen?

Mohn: Der Umgang mit Flüchtlingen ist ein Zukunftsthema, dem wir uns stellen müssen. Wie kann es gelingen, die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen zu verbessern, welche Ressourcen müssen dafür bereitgestellt werden.

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