Heimbach - Jugendstilkraftwerk: Heimbach wie es klingt und hallt

Jugendstilkraftwerk: Heimbach wie es klingt und hallt

Von: Stephan Johnen
Letzte Aktualisierung:
Jede Aufnahme folgt einer Chor
Jede Aufnahme folgt einer Choreographie: Weder die Standorte der Mikrofone noch die Sitzanordnung ist ein Produkt des Zufalls. Tontechniker Simeon Klein geht noch einmal den Plan durch.

Heimbach. Nicht jedes Industriedenkmal ist automatisch auch ein guter Konzertsaal. Da ist das Heimbacher Jugendstilkraftwerk keine Ausnahme. Die Erbauer dürften sich vor über hundert Jahren nur nachrangig Gedanken über die Akustik gemacht haben.

Dass die Turbinenhalle einmal Bühne für das Kammermusikfestival Spannungen sein würde, konnte niemand ahnen. Geschweige planen. „Zufällig klingt Heimbach aber sehr gut”, sagt Toningenieur Stefan Heinen, der mit seinem Team seit Jahren für den Deutschlandfunk alle Konzerte im Übertragungswagen aufnimmt. Ein Glück für die Ton-Künstler der etwas anderen Art.

Glas und Stein, 550 Stühle und Teppiche - die Turbinenhalle habe einen ganz eigenen Charakter, der sich hören lassen kann. Von einem „Heimbach-Sound” spricht Tonmeister Stephan Schmidt. Unverkennbar sei dieser Klang. Warm, atmosphärisch, mit einem langen Nachhall. „Für Kammermusik ist das vorteilhaft”, sagt Heinen. Dabei ist Heimbach für die Techniker ein anspruchsvoller Ort. Ja, vielleicht ist das Kraftwerk sogar eine Diva.

Wenn es draußen regnet, geht das an den Mikrofonen in der Turbinenhalle nicht spurlos vorbei. Scheint die Sonne, besteht Gelegenheit für ornithologische Studien. Es gibt beispielsweise Vogelarten, die in ein Duett mit Klarinetten einstimmen, während andere Arten eher Streichinstrumente bevorzugen, berichtet das Team. Hinzukommt, das Menschen beizeiten nur das hören, was sie wollen.

Eltern und Lehrer können davon ein Lied singen, doch manchmal muss dies so sein: Hustet der Nachbar oder pult jemand ein Bonbon aus dem Papier - das Ohr des Zuhörers im Kraftwerk ist geneigt, diese Störgeräusche auszublenden und sich auf die Musik zu konzentrieren.

Die bis zu 16 Mikrofone, die Tontechniker Simeon Klein platziert hat, blenden nichts aus. Sie verzeichnen alles und verzeihen nichts. Aufgabe der Techniker ist es unter anderem, aus dem Vielklang des akustischen Materials einen Wohlklang zu mischen.

„Vieles, wie der Regen, gehört zur Atmosphäre dieses Ortes”, findet Simeon Klein. Allzu große Ausreißer können Toningenieur und Tonmeister allerdings „putzen”. Es ist technisch möglich, kleine Patzer der Musiker oder einen umfallenden Stuhl bei der Bearbeitung des Materials vor dem Ausstrahlen der Radiosendung noch mit Material aus den Proben zu ersetzen.

Dies sei jedoch die Ausnahme, versichert Stefan Heinen. An dieser Stelle wird das zentrale Anliegen des Teams im Übertragungswagen deutlich: Sie wollen kein Konzert unter Laborbedingungen aufzeichnen, sondern den Charakter des Kraftwerks bei den Aufnahmen erhalten, die Stimmung einfangen. Gewünscht ist der Heimbach-Sound, nicht der Klang in der Kölner Philharmonie.

„Es geht nicht um ein Kunst-Produkt, sondern um die Abbildung des Konzerts”, sagt Stefan Heinen. Maßstab der Arbeit sei es aber, den Klang an ein Idealbild heranzuführen.

Dafür wird vor jedem Konzert eine regelrechte Choreographie erarbeitet. Jede Besetzung braucht ein neues Arrangement an Mikrofonen. Wird ein Flügel als Schlaginstrument benutzt, muss auch ans Holz ein Mikro, um den Klang perfekt einzufangen.

Steht der Künstler? Sitzt er? Wie präsent muss welches Instrument sein? Alles wird durchgegangen, Tonmeister und Tontechniker mischen mit. Je präziser die Vorbereitung, desto präziser das Klangbild. Das Ergebnis ist ein Ideal, das den Bezug zum Original nicht verloren hat: der „Heimbach-Sound”.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert