Jugendarbeit im Internet: „Viele Vereine verstehen Facebook nicht“

Von: Valerie Barsig
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Dariush Kutschak Alawi (vorne) von den Jungen Liberalen sagt, dass sich Vereine zukunftsfit machen müssen, um Nachwuchsproblemen entgegenzuwirken. Dazu gehört für ihn, Jugendliche vor allem über das Internet anzusprechen. Foto: Valerie Barsig

Kreis Düren. Nach dem desaströsen Bundestagswahlergebnis 2013 hat sich Dariush Kutschak Alawi (18) entschieden: Er tritt in die FDP ein, um die Partei mit aus der Krise hinaus zu begleiten. Der Kreuzauer hat inzwischen sein Abitur gemacht und will ein Studium beginnen. Nebenbei ist er bei den Jungen Liberalen im Kreis Düren aktiv. Im Interview spricht er über die Vereine in Düren, warum einige von ihnen mit Nachwuchsmangel zu kämpfen haben und was sie tun können, um Jugendliche besser zu erreichen.

Er spielt Tennis im Verein, im Fußball- und Schachverein war er auch schon mal. Für Schach fehlte neben der Schule irgendwann einfach die Zeit. Seine Fußballkarriere beendete Kutschak Alawi, weil sich die Mannschaft auflöste – es gab einfach nicht mehr genügend Spieler in seinem Verein.

Würden Sie als junger Mensch in einen Schützenverein eintreten?

Kutschak Alawi: Nein. Zum einen liegt das daran, dass mich ein Schützenverein einfach nicht interessiert. Zum anderen liegt es auch daran, dass ich einen Migrationshintergrund habe.

Würden es Schützen einem da schwer machen?

Kutschak Alawi: Das kann man pauschal natürlich nicht beantworten. Sicher herrschen in einigen Schützenvereinen konservative Strukturen in den Vorständen. Vielleicht ist das aber auch ein gängiges Klischee. Vielleicht trauen sich Menschen mit Migrationshintergrund auch zu wenig, in Schützenvereine zu gehen. Generell denke ich aber, dass das Interesse einfach nicht so groß ist – bei jungen Menschen allgemein – in einen Schützenverein einzutreten, es sei denn, sie haben das von ihrer Familie mitbekommen. Bei Fußball ist das was anderes.

Haben Fußballvereine einen anderen Stand?

Kutschak Alawi: Ich denke ja. Denn Fußball spielen kann jeder und Fußball ist allgegenwärtig, gerade in Deutschland. Unter den Jugendlichen herrscht große Nachfrage und dementsprechend sind Fußballvereine stark.

Dennoch haben viele Vereine mit Nachwuchsmangel zu kämpfen – auch der Fußball. Ignorieren Vereine den demografischen Wandel?

Kutschak Alawi: Vereine müssen sich zukunftsfit machen. Neue Mitglieder bekommt man nicht mehr, weil die Eltern in den Vereinen sind oder durch kommunale Sportevents. Vereine haben oft veraltete Homepages und gehen nicht richtig mit Facebook um. Dort tummeln sich aber die Jugendlichen, die diese Vereine ansprechen wollen. Jugendliche ziehen für das Studium um oder haben nur noch wenig Zeit. Deshalb muss man auf sie eingehen und sie gezielt ansprechen. Das geht nur über das Internet, denn es ist für Jugendliche eine Austauschplattform, dort organisieren sie sich. Auf diesen Zug müssen Vereine aufspringen. Das Problem ist nur, dass viele Vereine Facebook nicht richtig verstanden haben. Eine Aufgabe übrigens, bei der Jugendliche im Verein glänzen könnten.

Sollte man mehr junge Menschen in die Vorstandsarbeit einbinden?

Kutschak Alawi: Auf jeden Fall. Natürlich nimmt so ein Ehrenamt viel Zeit in Anspruch, aber ich denke, es gibt viele Jugendliche, die das gern machen würden. Oft sind Vereine aber auf der höheren Ebene sehr konservativ. Gleichzeitig ist die Ganztagsschule in diesem Zusammenhang ein Problem: Junge Menschen haben schlicht nicht mehr so viel Zeit. Würden Schulen in angebotenen Arbeitsgemeinschaften dahingehend mehr mit Sportvereinen kooperieren, würde das ganz neue Möglichkeiten schaffen.

Was können Vereine noch gegen Nachwuchsmangel tun?

Kutschak Alawi: Sie machen einfach keine moderne Werbung, die die Jugend anspricht. Auf der anderen Seite werden viele Vereine einfach aussterben, dagegen kann man nichts machen. Man kann aber pragmatische Lösungen finden. Zum Beispiel, wenn Vereine sich zusammenschließen. Natürlich ist das nicht unproblematisch, weil da ja immer die Vereinstreue eine Rolle spielt. Aber wenn ansonsten gar kein aktives Spiel möglich ist, ist das einfach die pragmatischste Lösung. Das sehen auch junge Menschen so. Sie wollen einfach Fußball spielen, da ist nicht wichtig, welche Rivalitäten möglicherweise eine Rolle spielen könnten.

Zusammenlegen ist aber längst nicht für alle Vereine eine Lösung. Was ist zum Beispiel mit Pfadfindern oder Geschichtsvereinen, die vielleicht nicht mehr die Interessen von Jugendlichen abdecken?

Kutschak Alawi: Sie müssen auf die Jugendlichen eingehen. Ich denke nicht, dass junge Menschen noch in den Wald ziehen und über einem Feuer Marshmallows grillen wollen. Eine moderne Form des Pfadfindertums ist zum Beispiel Geocaching – das könnten Pfadfinder als Anregung aufnehmen. Bei Geschichtsvereinen kann ich sagen, dass ich mich zwar für Geschichte interessiere, aber nicht für die aus Düren, sondern eher für Weltgeschichte. Auf solche Dinge müssen sich Vereine einstellen, wenn sie bestehen wollen. Klar ist: Die Politik kann die Vereine nicht reformieren.

Aber in den Vereinen liegen doch gerade für Jungpolitiker Chancen. Könnt ihr nicht durch die Vereine Jugendliche ansprechen?

Kutschak Alawi: Natürlich können wir als Jugendorganisationen bei Sportevents vertreten sein. Manchmal scheitert das aber schlicht daran, dass wir zu wenige aktive Mitglieder haben oder daran, dass wir in andere Parteiarbeit eingebunden sind. Natürlich könnten wir als Partei Sportevents unterstützen, das wäre allerdings eher unkonventionell. Aber sicher kann das ein Weg für uns sein.

Muss die Politik Vereine mehr unterstützen und mehr Geld im Haushalt lockermachen?

Kutschak Alawi: Die Politik muss immer wieder entscheiden, wie groß der Bedarf für Unterstützung ist. Oft bekommen die Vereine Geld, die auch viele Mitglieder haben. Das ist ein Fall von Angebot und Nachfrage. Man kann schlicht nicht alle unterstützen, das ist ein unlösbares Problem. Die Politik muss in dem Fall einfach Kriterien ansetzen und das bedeutet, es wird nach Mitgliederzahl entschieden. Aber wer die größte Jugendabteilung hat, sollte auch gefördert werden. Das ist nur logisch und nachvollziehbar.

Eine Studie des Soziologen Wolf-Dietrich Brettschneider zeigt, dass gerade in Sportvereinen Jugendliche an Alkohol herangeführt werden – sozusagen an die berühmte dritte Halbzeit ...

Kutschak Alawi: Die Aufgabe der Vereine ist es, Jugendliche in die Gesellschaft zu integrieren. Einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol zu vermitteln, ist aber nicht nur Aufgabe von Vereinen, sondern der gesamten Gesellschaft.

Sollte man Alkohol in Vereinen ganz verbieten?

Kutschak Alawi: Davon halte ich gar nichts, ebenso wenig wie vom Verbot von Cannabis. Ich bin als junger FDPler für Aufklärung und individuelle Verantwortung. Natürlich gilt das nicht für harte Drogen, die sollten verboten werden.

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