„Jeder in Gradačac kennt auch heute noch Düren“

Von: Ingo Latotzki
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Blick auf Gradačac. Die 42 000-Einwohner-Stadt liegt im Nordosten von Bosnien-Herzegowina und ist seit 15 Jahren Partnerstadt von Düren. Kriegsflüchtlingen, die an der Euskirchener Straße lebten, wurde mit Hilfe der Stadt Düren Mitte der 1990er Jahre ein Neustart in Gradačac ermöglicht. Foto: Ingo Latotzki
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Die Dürener Delegation vor einem Heim für Behinderte, das vom Dürener Peter Schumacher finanziell unterstützt wurde.
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Mahnmal: Mit diesem gepanzerten Zug versuchten serbische Soldaten, Gradačac einzunehmen.
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Die Bürgermeister Dervišagić (li.), Larue, SPD-Stadtrat Isecke und Übersetzerin.
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Ex-Bürgermeister Ferhat Mustafic: gastfreundlich, gesellig, ein Düren-Freund.

Gradačac/Düren. Ferhat Mustafic trägt an seinem Sakko eine Anstecknadel mit dem Stadtwappen von Düren. Er sitzt im Konferenzzimmer des Rathauses von Gradačac und wirkt entspannt. Er war einmal Bürgermeister der bosnischen 42.000-Einwohner-Stadt, seit ein paar Jahren ist er Pensionär und ist an diesem Freitagmorgen im Rathaus, weil er vor 15 Jahren die Partnerschaft zwischen Gradačac und Düren mitbegründet hat.

Schräg gegenüber sitzt Paul Larue, auch er trägt eine Anstecknadel. Sie zeigt die Fahnen von Gradačac und Düren. Vor 15 Jahren hat er mit Mustafic die Partnerschaftsurkunden unterzeichnet. An diesem Freitag liegen Kopien auf dem Tisch, während seiner Rede schiebt Larue die Papiere immer wieder hin und her, vielleicht will er damit zeigen, wie wichtig dieser offizielle Akt damals war. Die beiden Bürgermeister tauschen Nettigkeiten aus, sie kennen sich seit Jahren, sie duzen sich, und an diesem sonnigen Freitagmorgen sehen sie sich nach längerer Zeit wieder. Die Begrüßung ist herzlich, wie immer.

Gegenüber von Larue sitzt Edis Dervišagi, er ist heute Bürgermeister von Gradačac und im Wahlkampf. Im Oktober will er wieder gewählt werden. Trotzdem macht er einen entspannten Eindruck. Er nimmt sich Zeit für die Dürener Delegation, die vier Tage im Nordosten Bosniens verbringt. An jedem Abend ist er dabei und wird nicht müde zu betonen, dass seine Stadt noch heute dankbar sei, dass Düren nach dem Bosnienkrieg (1992 – 1995) geholfen habe. Jeder in Gradačac kenne Düren, sagt Dervišagi. Ein Schild am Rande der Stadt weist auf Düren hin. 1431 Kilometer sind es, wer die Straße befährt, muss rechts abbiegen, um nach Düren zu kommen. Mit dem Auto wären es mindestens 18 Stunden.

Die Dürener sind geflogen, bis Sarajevo. Von der bosnischen Hauptstadt bis Gradačac sind es drei Stunden mit dem Bus, meist durchs Gebirge. Rechts und links der teils engen Straßen Häuser mit Einschusslöchern in den Wänden. Wunden des Krieges. Manche Häuser sind nicht fertig, nur der Rohbau steht. Das ist nichts Besonderes, die Menschen in Bosnien bauen, solange sie Geld haben. Wenn es ausgeht, wird nicht mehr gebaut. Wenn wieder Geld da sein sollte, geht es weiter, manchmal bleibt alles, wie es ist.

Solche Häuser stehen auch in Gradačac, jener kleinen Stadt, in die in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre mehr als 200 Flüchtlinge kamen, die zuvor ein paar Jahre in Düren gelebt hatten. Die Menschen waren aus Modrica geflohen, aus einem kleinen Ort ein paar Kilometer entfernt von Gradačac. Nach Modrica konnten sie nicht zurück, das Dorf war in serbischer Hand.

In Düren lebten viele der Flüchtlinge in den alten Belgier-Häusern an der Euskirchener Straße. Josef Vosen hatte damals den Plan, in Gradačac eine Siedlung bauen zu lassen, damit die Flüchtlinge zurückkehren können, wenn der Krieg vorüber ist. Zusätzlich erhielten die Menschen 2500 Mark, gewissermaßen als Startkapital in ein neues Leben. Der damalige Dürener Bürgermeister machte mit diesem Projekt bundesweite Schlagzeilen. Die Siedlung gibt es heute noch, allerdings leben nicht mehr die Flüchtlinge von damals in den kleinen Einfamilienhäusern, sondern ärmere Menschen aus Gradačac. Die Stadt will die Häuser abreißen lassen, wann, steht noch nicht fest. Auch wohin die jetzigen Bewohner dann gehen, ist offen.

Ferhat Mustavic kann sich an die Zeit von damals noch gut erinnern. Sie ist Teil seines Lebens, deshalb kümmert er sich heute noch persönlich um Delegationen, wenn sie aus Düren kommen. An diesem Sonntagnachmittag steht er im üppigen Garten seines Hauses ein paar Kilometer außerhalb von Gradačac. Er trägt ein T-Shirt, das anlässlich des 5. Geburtstages der Partnerschaft bedruckt worden ist, und eine kurze Hose. Mustafic brennt Schnaps. In einem Schuppen stehen mehrere Bottiche mit Pflaumen, sie gären und verströmen einen intensiven Geruch. Der ehemalige Bürgermeister führt durch den Schuppen und erklärt, wie der Pflaumenschnaps gebrannt wird. Er kann ein paar Brocken Deutsch. Mustafic ist ein gastfreundlicher und geselliger Mensch. Er redet über das Wahlsystem und die Beteiligung bei Wahlen. Informationen für Journalisten, sagt er.

Man kann sich vorstellen, dass er noch am gleichen Tage wieder als Bürgermeister von Gradačac arbeiten könnte.

Natürlich kennt Mustafic auch den Panzerzug. Etwas außerhalb der Stadt steht hinter einem Zaun ein grünlicher Zug, der viele Einschusslöcher aufweist, obwohl die Wände aus dickem Stahl sind. An manchen Stellen ist der Zug aus dem Gleis gesprungen. Er steht da seit 1992. Mehr als 100 serbische Soldaten haben am 22. Oktober versucht, mit diesem Zug in die Innenstadt von Gradačac zu kommen. Ihr Plan flog auf, einheimische Truppen riegelten das Gleis mit einem Panzer ab und beschossen den Zug. Das, was übrigblieb, ist heute ein Mahnmal. Als die Dürener Delegation um den Zug herumgeht, hebt ein Mann aus Gradačac sein Shirt und zeigt eine lange, tiefe Narbe in der Bauchgegend; er hat an jenem 22. Oktober auf seiten der Bosnier gekämpft.

An einem Samstagabend sitzt die Dürener Gruppe beim Essen, es wird ein sogenannter blauer Abend gefeiert. Die Musik ist laut, das Menü üppig. Am Nebentisch sitzt eine Gruppe junger Leute, es stellt sich heraus, dass der Chef des örtlichen Krankenhauses und der Besitzer eines Cafés dabei sind. Beide sind jung, keine 30. Sie erzählen, dass viele in Gradačac, vor allem Ältere, traumatisiert seien. Die Wunden des Krieges sind an den Häusern nicht nur oft noch zu sehen; sie sind auch längst nicht verheilt.

Hilfe aus Düren

Das gilt nicht für zwei Häuser, die einen besonderen Bezug zur Städtepartnerschaft haben: ein Heim für Behinderte und ein Haus, in dem Waisen leben. Die beiden Einrichtungen werden auch mit Dürener Hilfe unterstützt. Peter Schumacher ist in diesem Jahr mit dem Fahrrad nach Gradačac gefahren und hat für die Reise von Sponsoren Geld eingesammelt. Damit wird den Jugendlichen zum Beispiel die Teilnahme an Sportprojekten finanziert, außerdem wurden knapp 4000 Euro verwendet, um das kleine Waisenhaus zu renovieren.

Die Kinder reichen Kekse und servieren Limonade für die Gäste. Sie gehen zur Schule, treiben Sport und leben schon seit Jahren im Haus. Bürgermeister Paul Larue bietet an, dass Bewohner aus beiden Einrichtungen nach Düren kommen könnten, sie würden von der Stadt eingeladen.

Gradačac und Düren pflegen eine Freundschaft, die nur mit viel Engagement aufrechterhalten werden kann. Katja Schmitz, 30, ist Partnerschaftsbeauftragte bei der Stadt Düren und hat in der Vergangenheit Kontakte aufgebaut. Düren hat in den letzten Jahren Feuerwehrmaterial oder ältere Müllfahrzeuge nach Gradačac gebracht, es gab einen Austausch von Schulen und Vereinen, in ein paar Wochen kommt eine Gruppe aus Gradačac nach Düren zum Stadtfest. Wie viel oder wie wenig an Austausch stattfinde, hänge von den handelnden Personen in den Städten ab, sagt Schmitz.

Vergangene Woche wurde in Gradačac das Pflaumenfest gefeiert, eine Art Stadtfest mit einer Messe, auf der regionale Anbieter ihre Waren präsentieren. Die Stadt Düren war mit einem Stand vertreten, es gab einen kleinen Malwettbewerb, bei dem Kinder das Dürener Stadtwappen möglichst kunstvoll ausmalen sollten. Das Stadtfest ist gemessen an der Größe nicht mit dem Dürener zu vergleichen, an der Hauptstraße des Ortes stehen einige Verkaufsstände, es gibt eine sehr kleine Kirmes. Später ist das Städtchen voller Menschen. Gradačac feiert.

An diesem Abend auch die Städtepartnerschaft mit Düren.

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