„Integration bedeutet auch Vorbild sein“

Von: Stephan Johnen
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„Ich blicke voller Dankbarkeit auf die Arbeit in Düren zurück“, sagt Stadtentwickler Burhan Cetinkaya. Foto: Stephan Johnen

Düren. „Ich wünschte, alle Städte wären so weit wie Düren“, sagt Burhan Cetinkaya. Der Stadtentwickler hat fast neun Jahre lang die soziale Stadtentwicklung besonders im Norden der Stadt begleitet. Im DZ-Interview spricht er über Erfolge und Herausforderungen in Düren.

„Wenn sich ein Mitglied des Schützenvereins und ein Vertreter eines Migrantenvereins gemeinsam vor die Presse stellen und ein Haus für Alle erklären, spricht das für sich“, sagt Cetinkaya, der „voller Dankbarkeit“ auf die Arbeit in Düren zurückblickt. „Ich nehme viele Erfahrungen mit“, erklärt der 38-Jährige, der am Dienstag eine neue Aufgabe übernimmt: Er tritt seinen Dienst als Integrationsbeauftrager der Stadt Dinslaken an und wird die Integrationsarbeit mit aufbauen. Im Gespräch mit der DZ blickt er auf seine Jahre an der Rur zurück, spricht über Erfolge der Menschen und über Herausforderungen, denen sich die Gesellschaft stellen muss.

Lässt sich an einzelnen Stadtteilen erkennen, wie es um die Integration im Ganzen bestellt ist?

Cetinkaya: Es gab in vielen Städten Stadtteile, die nach dem Krieg als Arbeiterviertel gewachsen sind und in denen sich viele Gastarbeiter niedergelassen haben. „Gastarbeiter“ wurden als Gäste angesehen, die vor allem eins sollten: arbeiten. Niemand hat damit gerechnet, dass „Gäste“ für Generationen bleiben. Der Begriff Stadtsoziologie ist in Deutschland noch ziemlich neu. In den Sozialwissenschaften sprechen wir von segregierten Stadtteilen. Sie eint unter anderem eine hohe Arbeitslosigkeit, schlechte Bausubstanz und überdurchschnittlich viele Einwohner mit Migrationshintergrund. Dieses Bild passt zu Stadtteilen, die beinahe jede größere Stadt hat. Das ist auch das Bild von Düren-Nord, das manche Menschen vielleicht immer noch im Kopf haben.

Wie blicken Sie auf Düren-Nord?

Cetinkaya: Ich wünschte, alle Städte wären so weit. In den vergangenen Jahren haben die Bewohner vieles in Bewegung gesetzt. Sie haben Prozesse angestoßen, die das Bild des Stadtteils verändern werden und bereits verändert haben. Nehmen wir die Stadtteilvertretung, in der Ur-Norddürener und Migranten zusammenarbeiten. Auch die Vereine kooperieren stark. Die Norddürener interessieren sich unabhängig von ihrer Herkunft für die Zukunft ihres Stadtteils, sie wollen mitgestalten. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit dieser Menschen.

Welche Rolle spielen dabei Programme wie „Soziale Stadt“?

Cetinkaya: Wir sprechen nicht ohne Grund von Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf. Dort besteht die Gefahr einer Abwärtsspirale, es bedarf Hilfe, um diese Entwicklungen zu stoppen. Menschen sollen begleitet werden, die Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Sie werden begleitet und unterstützt. Aber ohne Menschen, die ihre Freizeit opfern, die etwas bewirken wollen, hätte es nie geklappt. Düren ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich solche Prozesse etablieren, dass es arbeitsfähige Gremien gibt, dass Integration keine Theorie bleibt. Wenn sich ein Mitglied des Schützenvereins und ein Vertreter eines Migrantenvereins gemeinsam vor die Presse stellen und ein Haus für Alle erklären, spricht das für sich. Auch Fördermittel spielen eine Rolle. Sie stellen die Anschubfinanzierung sicher, ohne sie gibt es keine größer angelegten städtebaulichen Maßnahmen, keine Zuschüsse – und damit weniger Anreize, etwas zu ändern. Nichts ist motivierender als Erfolg.

Was treibt die Menschen an?

Cetinkaya: Beispielsweise die Zukunft ihrer Kinder. Hinter dieser Motivation steckt eine enorme Kraft, diese Motivation schlägt Brücken. Es ist eine Herausforderung, Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, Religion und Kulturen an einen Tisch zu bringen. Aber alle ihre Kinder gehen zur Schule. Wer sich beispielsweise für eine Hausaufgabenbetreuung oder neue Spielgeräte auf dem Schulhof einsetzt, kann auch für Stadtteilarbeit interessiert werden.

Wie würden Sie Integration erklären, damit Ihre Kinder Sie auf Anhieb verstehen?

Cetinkaya: Vorbild sein. Auch das bedeutet für mich Integration. Das gilt nicht nur für Migrantenfamilien. Meine Schwester ist Lehrerin geworden. Sie hat studiert, unterrichtet jetzt. Für Migrantenkinder ist sie ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, in der Schule aufzupassen und mitzuarbeiten. Das mag banal klingen, doch Bildungschancen in diesem Land hängen oft mit der Herkunft und dem sozialen Status der Schüler zusammen. Es kann auch nicht sein, dass bei gleicher Qualifikation offenbar Bewerber bevorzugt werden, die einen deutschen Namen haben. Das hat eine Studie jüngst gezeigt.

Was tun?

Cetinkaya: Auf der einen Seite muss die sprachliche Förderung auch der Elterngeneration immer ein Thema bleiben. Wir brauchen Frühförderangebote für Kinder, aber es muss uns gelingen, die Eltern einzubeziehen.

Und auf der anderen Seite?

Cetinkaya: Es gibt Städte, in denen Einwohner mit Migrationsgeschichte in naher Zukunft beinahe die Hälfte der Einwohner stellen. Aber das spiegelt sich weder in den Verwaltungen noch in der Politik wider. Dort liegt viel Potenzial brach. Ich glaube nicht, dass wir uns das als Gesellschaft auf Dauer leisten können.

Fordern Sie eine Quote?

Cetinkaya: Wir brauchen keine Quoten. Ich wiederhole mich an dieser Stelle gerne: Wir brauchen Vorbilder. In den Stadtverwaltungen, in der Polizei, in der Politik. Integration bedeutet, dass Menschen für die Gesellschaft Verantwortung übernehmen und sich an verschiedenen Stellen einbringen. Nach den Vorfällen in der Berliner Rütli-Schule ist viel passiert, auch in der Jugendsozialarbeit. Erfolglosigkeit ist jedoch nach wie vor für viele Jugendliche ein Damoklesschwert. Meines Erachtens müssen wir uns auf diese Aufgabe konzentrieren, noch mehr in Bildung und Teilhabe investieren.

Können Sie das Wort Integration überhaupt noch hören?

Cetinkaya: (lacht) Das kommt darauf an, was hinter dem Gesagten steht. Es reicht nicht, nur oft genug das Wort zu benutzen. Ich habe eine Tochter, die zwei Jahre alt ist. Ich hoffe, dass sie sich mit Anfang 30 nicht mehr große Gedanken über Integration machen muss. Aber mit jedem neuen Zuwanderer beginnt der Prozess aufs Neue. Integration ist kein Automatismus. Alle müssen zum Gelingen beitragen, Teilhabe muss aber auch ermöglicht werden.

Welche Erfahrungen nehmen Sie aus Düren mit?

Cetinkaya: Zunächst große Dankbarkeit. Ich habe auch viel von den Menschen gelernt. Eine wichtige Erfahrung war es, erleben zu dürfen, wie sich viele einzelne Akteure und Vereine zu einer Gemeinschaft zusammenfügen. Ich sehe meine neue Stelle als Integrationsbeauftragter in Dinslaken wie ein Bindeglied – zwischen der Verwaltung und den Menschen, aber auch als Bindeglied zwischen den Menschen untereinander.

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