Initiative „Achtsam” bildet Ehrenamtler für Besuchsdienst aus

Von: Stephan Johnen
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Wer schenkt anderen Menschen zwei Stunden in der Woche? Beate Schuster, Heidi Ulrich, Klaus Walther, Ulla Wirtz und Eleonore Istas (von links) sind auf der Suche nach Mitstreitern für die Initiative „Achtsam - geschenkte Zeit”. Foto: Johnen

Düren. Was sind schon zwei Stunden Zeit in der Woche? Nichts! Zwei Folgen einer Vorabendserie samt Werbeunterbrechung, ein Großeinkauf im Supermarkt, ein Wimpernschlag im hektischen Alltag. Mehr nicht. Ist das so? Für Gisela Schmitz (Name von der Redaktion geändert) sind zwei Stunden Zeit ein Geschenk.

Vielleicht sogar das wertvollste, das man ihr machen kann. 120 Minuten - regelmäßig, zuverlässig, planbar, unbezahlbar! 120 Minuten lang schenkt Klaus Walther Gisela Schmitz und ihrem Mann seine Zeit. Zwei Stunden in der Woche, die der Ehrenamtler gerne aufbringt, damit die 72-Jährige wieder Zeit für sich hat. Für ihr Leben.

Das Leben zu leben war beinahe schon ein Ding der Unmöglichkeit für die 72-Jährige. Ihr Mann erlitt 2007 einen Herzstillstand. Ihm wurde das Leben mit der Wiederbelebung neu geschenkt. Er ist seitdem immer noch der Mann, den sie liebt - aber nicht der Mann, den sie Jahrzehnte gekannt hat. Der Sauerstoffmangel während des Herzstillstands hat sein Gehirn geschädigt. Er braucht seitdem auf Schritt und Tritt Hilfe, rund um die Uhr.

Manchmal geht alles tagelang gut, doch in dem Augenblick, in dem sich Gisela Schmitz kurz umdreht, kann es geschehen: ein Sturz, ein Unfall, eine Verletzung. „Ich kann ihn nicht alleine lassen”, sagt die Ehefrau. Sie ist für ihren Mann da. Rund um die Uhr. Zudem habe sich sein Wesen verändert, er sei aufbrausend, beizeiten aggressiv, berichtet die Seniorin. Immer öfter stieß die 72-Jährige an die Grenzen ihrer Belastbarkeit - physisch und psychisch. Klaus Walther (70) ist ihre Möglichkeit, eine kleine Auszeit zu nehmen. Sich zwei Stunden zu gönnen, in der sie durchatmen kann, neue Kraft schöpfen kann.Kraft, um die schönen Seiten des Lebens zu zweit erkennen zu können.

Klaus Walther ist nicht alleine. Unter dem Dach der Diakonie-Sozialstation der Evangelischen Gemeinde zu Düren haben sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als 50 Menschen zu Begleitern ausbilden lassen. Sie haben sich der Initiative „Achtsam - geschenkte Zeit” angeschlossen und helfen Menschen wie Gisela Schmitz und ihrem Ehemann. Sie besuchen und begleiten regelmäßig chronisch Kranke und an Demenz erkrankte Menschen und ihre Angehörigen, die zu Hause leben.

„Früher bin ich wie eine Gejagte gerannt, wenn ich das Haus verlassen musste”, berichtet Gisela Schmitz. Mit Freunden habe sie schon gar nicht mehr verabredet, das Ehepaar war auf dem Weg in die selbst gewählte aber nicht gewollte Isolation. Über einen Zeitungsbericht ist die Seniorin auf die Initiative „Achtsam” aufmerksam geworden. „Es hat etwas gedauert, selbst zu akzeptieren, dass man Hilfe annehmen muss”, sagt sie. Es sei ihr nicht leicht gefallen, zum Telefonhörer zu greifen.

Doch als sich Klaus Walther vorgestellt habe, „hatten wir beide von Anfang an Vertrauen”. Der Ehrenamtler hilft bei Arztbesuchen, ist Gesprächspartner und ermöglicht es Gisela Schmitz, einfach einmal zu faulenzen - oder eine Freundin zu treffen, ein Telefonat zu führen. „Das Ehrenamt ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich fühle mich weniger als der Gebende, mehr als der Beschenkte, wenn mir Dankbarkeit, Anerkennung und Zuneigung entgegengebracht werden”, sagt Klaus Walther. Das sei seine Motivation.

„Viele betreuende Angehörige sind mit der Situation überfordert. Aber es ist nicht leicht, Hilfe anzufordern und Hilfe zuzulassen”, berichtet Heidi Ulrich. Die 70-Jährige ist geschulte Demenzbegleiterin und nimmt für die Initiative regelmäßig an den Sitzungen einer Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige Demenzkranker teil. Ihr Ziel ist es, sich durch den Austausch gegenseitig in dieser Lebenssituation zu stärken.

„Wir leisten manchmal Pionierarbeit”, beschreibt Ulla Wirtz aus der Gemeinde Hürtgenwald ihre Achtsam-Arbeit. Mit ihrer jüngeren Schwester hat die 70-Jährige einen Ausbildungskurs zur Begleiterin absolviert, beide sind in der Höhengemeinde ehrenamtlich eingebunden. „Über Demenz wurde hier früher nicht gesprochen”, sagt sie. Die Initiative möchte ihr Betreuungsangebot außerhalb Dürens ausbauen.

Gesucht werden Helfer mit Lebenserfahrung und Begeisterungsfähigkeit, die sich ihre Zeit frei einteilen, aber verbindlich mitarbeiten, beschreiben die Koordinatorinnen Beate Schuster und Eleonore Istas die Anforderungen. Es geht ihnen um mehr als 120 Minuten. Rational mögen zwei Stunden ein Wimpernschlag sein. Emotional hingegen kann selbst ein Augenblick eine schöne Ewigkeit anhalten.

Ausbildungskurs startet am 27. September

Die Initiative „Achtsam - geschenkte Zeit” sucht noch Ehrenamtler. Interessierte, die sich engagieren wollen, werden in einem 30-stündigen Kurs auf dieses Ehrenamt vorbereitet. Anschließend finden regelmäßig Treffen zur Nachbereitung und Weiterbildung statt.

Der nächste Ausbildungskurs startet am Donnerstag, 27. September. Er findet mit Ausnahme der Herbstferien acht mal donnerstags und zwei mal montags jeweils von 18 bis 20.30 Uhr im Haus der Evangelischen Gemeinde statt. Anmeldung und weitere Infos gibt es in der Diakonie-Sozialstation unter Tel. 02421/188132.

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