Düren - In die Obdachlosigkeit und wieder zurück

In die Obdachlosigkeit und wieder zurück

Von: Vivien Nogaj
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Marcus Dohle hat sich in seinem Zimmer in der Notschlafstelle eine Konstruktion gebaut, an die er Fotos seiner Kinder gehängt hat.

Düren. Dass es die In-Via-Notschlafstelle in Düren gibt, ist – gerade zu dieser Jahreszeit – wichtig. Das hat Marcus Dohle am eigenen Leib erfahren. Seit Mitte Juli ist er obdachlos; auf die Straße wollte er nicht. In der Notschlafstelle hat der 42-Jährige ein Dach über dem Kopf bekommen und die Möglichkeit, sich auch tagsüber im Warmen aufzuhalten. Dennoch: Bald will er wieder auf eigenen Beinen stehen.

In die Obdachlosigkeit ist Dohle durch „einen blöden Zufall“ geraten, sagt er. Seine Frau sei fremdgegangen, das geerbte Haus wurde nach der Trennung zwangsversteigert. Das Zimmer einer betreuten Wohngemeinschaft, in das er daraufhin zog, war zu klein für ihn und seinen Sohn. Der Vater von vier Kindern kündigte den Mietvertrag – aber fand bis zum Auszugsdatum keine geeignete Wohnung.

Eine mögliche Doppelbelastung an Miete durch die Kündigungsfrist hätte er sich ohnehin nicht leisten können. In seiner Verzweiflung wandte er sich an die Notschlafstelle. „Man denkt immer, hier leben nur asoziale Leute. Aber ich fühle mich wohl hier, die Mitarbeiter sind nett“, sagt er.

Bei In-Via hat Dohle die Möglichkeit, seine Wäsche zu waschen, zu duschen und gemeinsam mit den anderen Bewohnern zu leben. Das ist nicht überall so, weiß Rosi Coenen, Leiterin der Notschlafstelle: „Das Besondere an unserer Unterkunft ist, dass sich die Bedürftigen über einen längeren Zeitraum bei uns aufhalten können.“

In der Notschlafstelle teilt Dohle sich ein Zimmer mit zwei anderen Männern. Weil die Bewohner keine Nägel in die Wand schlagen dürfen, hat er zwei in Alufolie gewickelte Äste hinter seinem Bett aufgestellt und dazwischen eine Leine gespannt. Daran hängen Fotos von seinen Kindern. Seine Tochter hat der Vater zwei Jahre nicht gesehen, als er von ihr erzählt, steigen ihm Tränen in die Augen. „Ich schreibe ihr Nachrichten“, sagt er, „aber treffen darf ich sie nicht.“

Die Familienverhältnisse sind verstrickt, und auch sonst sei nicht alles glatt gelaufen in seinem Leben: Als Jugendlicher wollte Dohle eine Ausbildung zum Tischler machen und die Firma seines Vaters übernehmen. Bevor es dazu kommen konnte, ging das Unternehmen bankrott. „Einen Schulabschluss machen – wofür dann noch?“, dachte sich Dohle. Seitdem habe er sein Geld als Metzger, Tischler oder Dachdecker verdient.

Seine letzte Tätigkeit als Garten- und Landschaftsbauer musste er vor zehn Jahren aufgeben: „Wegen vier Bandscheibenvorfällen“, sagt er. Einen Abschluss nachzuholen, kann er sich nicht vorstellen: „Nee, ich bin jetzt 42 Jahre alt. Noch mal die Schulbank drücken, Mathe und den ganzen Kram, das mache ich nicht.“ Jetzt lebt er von Hartz IV.

Auf die Frage, welche Rolle Alkohol in seinem Leben spielt, sagt er: „Ich trinke nicht jeden Tag ein Bier. Aber es gab Zeiten, in denen war ein Kasten pro Tag nichts.“ In der Notschlafstelle ist Alkohol nicht geduldet. Leiterin Coenen: „Die Taschen werden durchsucht, wenn die Bewohner heimkommen. Wenn wir Alkohol finden, wird er sofort entsorgt.“

Im Haus gibt es weitere Regeln: „Bis 10 Uhr morgens müssen alle Bewohner aufgestanden sein. Auch Putzdienste müssen sie selbst erledigen“, sagt Coenen. Für Dohle ist das kein Problem: „In meiner eigenen Wohnung werde ich das auch machen müssen.“ Das könnte bald der Fall sein: Mit Hilfe der In-Via-Mitarbeiter hat der Obdachlose die Aussicht auf eine betreute Wohngemeinschaft bekommen.

„Ich freue mich wieder auf mein eigenes Reich“, sagt er. Ganz besonders wünscht er sich aber eines für das neue Jahr: „Meine Tochter zu sehen“. Ob das klappt, weiß er nicht. An gute Vorsätze glaubt er schon lange nicht mehr.

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