In der Pubertät ist das Gehirn „auf Angriff programmiert“

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Die Pubertät ist eine nervenaufreibende Zeit – für Eltern und Kinder. Foto: Stock/McPhoto
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Sexualpädagoge Walter Oreschkowitsch. Foto: smb

Düren. Es gibt Dinge im Leben, da muss man einfach durch. Die Pubertät ist eine solche Sache. Irgendwann werden aus Kindern junge Erwachsene, und diese Entwicklung läuft nicht immer ganz problemlos ab.

Unsere Redakteurin Sarah Maria Berners hat mit dem Sexualpädagogen Walter Oreschkowitsch über die Pubertät und deren Nebenwirkungen für Familien gesprochen.

Die für die meisten Eltern wohl drängendste Frage zuerst: Wann ist es endlich vorbei?

Oreschkowitsch: Verallgemeinerungen sind schwierig. Mit 16 bis 18 Jahren ist aber meist das Schlimmste überstanden. In der 10. Klasse stehen einem durchschnittlich schon deutlich stabilere Heranwachsende gegenüber, weniger launenhaft. Bei manchen zieht sich die (mangelnde) Ablösung aus vielerlei Gründen länger hin, siehe etwa die Diskussion um das „Hotel Mama“: Bequemlichkeit und mangelnde klare Berufsperspektive auf der einen – nicht Loslassen können auf der anderen Seite.

Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden. Was halten Sie von diesem bekannten Spruch?

Oreschkowitsch: Aus Sicht der Kinder stimmt er sicherlich. Für die Pubertierenden verändert sich ganz vieles, und die Eltern reagieren aus ihrer Sicht komisch und nicht angemessen darauf.

Was genau ist die Pubertät?

Oreschkowitsch: Aus biologischer Perspektive ist die Pubertät der Prozess der Geschlechtsreife. Der Körper verändert sich und wird fruchtbar. Auch im Gehirn findet ein Umbauprozess statt. Bildlich gesprochen wird alte Hardware gelöscht, Zellen sterben ab, neue werden gebildet. Und die Nerven liegen dann tatsächlich und sprichwörtlich blank. Betroffen sind vor allem Bereiche des Hirns, die für Soziales und gegenseitiges Verstehen zuständig sind.

Bedeutet das, dass Pubertierende gar nicht anders können, als schrecklich zu sein?

Oreschkowitsch: Biologisch lässt sich natürlich nicht jedes Verhalten rechtfertigen. Aber in der Tat brauchen Jugendliche manchmal in einer Diskussion eine kleine Pause, bis sie ihr Gehirn wieder richtig einschalten können. Im Konflikt ist es zunächst auf Verteidigung und Angriff programmiert.

Was können Eltern daraus lernen?

Oreschkowitsch: Dass es bei einer Meinungsverschiedenheit sinnvoll sein kann, eine kleine Auszeit zu machen. Solange, bis die Fähigkeit, den Kopf einzuschalten, wieder da ist.

Die Pubertät ist aber mehr als reine Biologie.

Oreschkowitsch: Die Pubertät ist ein Abnabelungsprozess. Die Entwicklung der Sexualität ist ein Beispiel dafür. Die Liebesenergie gilt nicht mehr nur den Eltern. Das andere Geschlecht, aber auch die Peer-Group, gewinnen an Bedeutung. Dieser Abnabelungsprozess kann für beide Seiten schwierig sein, weil er für beide zunächst eine Niederlage ist. Beide Seiten verlieren eine Form der Bindung. Jungen und Mädchen nehmen Abschied von der Kindheit. Das ist auch mit Trauer verbunden. Es entsteht zunächst eine Leere.

Und wie wird die gefüllt?

Oreschkowitsch: Manchmal mit Lärm und Musik, manchmal mit Essen und Medienkonsum, mit Freunden. Diese Leere kann auch kreativ gefüllt werden. Zum Beispiel mit Sport oder dem Engagement in Vereinen oder in einer Band. Auch wenn sich die Jugendlichen lösen, brauchen sie Halt. In Vereinen zum Beispiel finden die Jugendlichen oft Mentoren.

Es gibt also gute und schlechte Wege, diese Leere zu füllen?

Oreschkowitsch: So vereinfacht lässt sich das nicht ausdrücken. Ein Beispiel: Über die negative Seite von Computerspielen wird ja viel gesprochen. Aber beim Computerspielen sind Jugendliche zumindest aktiv. Außerdem setzen sie sich ein Ziel. Sie wollen weiterkommen und üben dafür. Und was noch ganz wichtig ist: Sie haben eine Situation unter Kontrolle. Dieses Gefühl ist für sie in einer Zeit, in der vieles nicht mehr ist wie zuvor, sehr wichtig. Früher haben die Jugendlichen Kicker, Flipper oder Billard gespielt.

Muss die Pubertät für alle Beteiligten nervenaufreibend sein?

Oreschkowitsch: Es gibt ganz unterschiedliche Formen der Pubertät. Es gibt Jugendliche, bei denen verläuft sie fast reibungslos. Es gibt welche, die für Eltern problematisch sind. Und es gibt viele Möglichkeiten dazwischen. Konflikte gehören zur Pubertät. Ganz wichtig, um als Familie gut durch diese Zeit zu kommen, sind die Grundlagen, die in den zwölf Jahren vorher bereits gelegt worden sind.

Wie meinen Sie das?

Oreschkowitsch: Bis zum Eintritt in die Pubertät haben Kinder ja schon viel mitbekommen. Eltern vermitteln Werte, Handlungsweisen und vieles mehr. Dazu gehört auch, den Kindern ein gesundes Selbstbewusstsein zu vermitteln: ‚Du bist okay, ich bin okay.‘ Auch in der Pubertät sollten Eltern das Angebot machen, für ihre Kinder da zu sein. Bindung und Autonomie sind wichtig. Kinder brauchen den Raum zur selbstständigen Entwicklung, aber sie brauchen auch Grenzen, und Eltern sollten eine klare Kante zeigen.

Keine leichte Aufgabe.

Oreschkowitsch: Das stimmt. Aber wer insgesamt eine gute Linie gefunden hat, darf in Einzelfällen auch Fehler machen.

Wie sieht eine „gute Linie“ aus?

Oreschkowitsch: Liebe und Konsequenz sind zwei gute Partner. Hilfreich ist es für Eltern zu versuchen, die Dinge etwas gelassener zu sehen. Wer auch schonmal mit etwas Humor auf die Situation blickt, macht es sich selbst leichter. Um gelassener zu sein, hilft es, sich an die eigene Pubertät zu erinnern.

Warum ist Konsequenz so wichtig?

Oreschkowitsch: Bei der Konsequenz geht es nicht darum, den Willen des Kindes zu brechen. Es geht darum, dem Kind beizubringen, dass ein bestimmtes Handeln Konsequenzen hat. Über viele Dinge sollte man einfach sprechen. Verhandeln, zum Beispiel über die Ausgehzeiten, ist ein ganz wichtiger Baustein, auch wenn es anstrengend ist. Bei einer sehr autoritären Erziehung entfernen sich Kind und Eltern voneinander. Ein anderer Fehler wäre, die Heranwachsenden weitestgehend sich selbst zu überlassen und Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Reibung wärmt, auch wenn es zuweilen heiß hergehen kann.

Gibt es denn einen Handlungsleitfaden für Eltern?

Oreschkowitsch: Nein, den kann es nicht geben. Die Pubertierenden sind keine einheitliche Gruppe. Jeder ist ein Individuum. Es gibt ja auch nicht die Pubertät. Sie verläuft bei jedem anders. Ein gut gemeinter Ratschlag kann bei einem Jugendlichen helfen und bei dem anderen das Gegenteil bewirken. Ich kann Eltern nur ermutigen, ihren Gefühlen zu trauen. Sie kennen ihr Kind ja. Wach sein, sensibel sein, sich austauschen – das ist wichtig. Letztlich geht es auch darum, dem Kind zu helfen ein Original zu werden – und nicht nur eine Kopie der eigenen Auffassungen und Wünsche.

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