„Hölle von Vettweiß“: Sechs Stunden voller Energie

Von: Burkhard Giesen
Letzte Aktualisierung:
13757964.jpg
Sind auf ihren Einsatz bestens vorbereitet: Udo Kreitz (links) und Hans-Gerd Barkhoff von der KG Vettweiß führen im Wechsel als Sitzungspräsidenten durch die „Hölle von Vettweiß“. Foto: Burkhard Giesen

Vettweiß. Es ist Donnerstag. Hans-Gerd Barkhoff und Udo Kreitz sitzen in Vettweiß schräg gegenüber vom Festzelt beim Italiener. Vollkommen entspannt. In anderthalb Stunden findet die Generalprobe für die erste Damensitzung der KG Vettweiß statt. Barkhoff und Kreitz sind die Sitzungspräsidenten der KG, teilen sich die Aufgabe schon seit über zehn Jahren.

Anspannung, weil sie tags drauf und in den kommenden Tagen bis zum nächsten Freitag vor jeweils 1750 ausgelassen feiernden Frauen auftreten müssen? „Die Nervosität fängt bei mir erst kurz vor der Sitzung mit dem Aufmarsch an und dauert, bis ich die ersten Worte ins Mikrofon gesprochen habe. Wenn die Begrüßung dann sitzt, ist alles gut“, erzählt Hans-Gerd Barkhoff. Und auch Udo Kreitz weiß: „Die ersten Minuten sind entscheidend. Wenn man das Publikum begrüßt, weiß man sofort, ob man gewonnen hat.“

3500 Augen sind auf die Sitzungspräsidenten gerichtet, die ihren Part am Gelingen der Sitzungen so beschreiben: „Als Präsident ist man der Moderator. Ich muss keine Show machen“, sagt Barkhoff, dessen Job es ist, die einzelnen Gruppen anzukündigen und zu verabschieden, oder zwischendurch auch schon mal jemanden zu ehren.

Das klingt nach wenig Arbeit, täuscht aber gewaltig. Immerhin müssen die Beiden den genauen Überblick über den Ablauf behalten, bei Verzögerungen spontan reagieren können. Kreitz: „Eine Verzögerung überbrückt man zum Beispiel mit einer Zugabe. Gottseidank haben wir eine der besten Sitzungskapellen, so dass das gar nicht auffällt.“

Was es für die Herren Sitzungspräsidenten leicht macht, sind die Frauen. Barkhoff: „Die Frauen wollen Spaß haben. Die kommen schon mit voller Power in das Zelt.“ Bei den Herrensit-zungen sei das anders: Die Männer seien anfangs eher zurückhaltend. Kreitz: „Da hat man schon den Eindruck, als ob da 1750 Präsidenten im Publikum sitzen.“ Ähnlich also wie im Fußballstadion, wo auch nur Trainer und Schiedsrichter sitzen. Es dauert also, bis die Herren auftauen und das Feiern auch genießen können.

Sowohl Barkhoff als auch Kreitz sind eigentlich karnevalistische Urgesteine aus Müddersheim und haben beide „nach Vettweiß eingeheiratet“, wie Kreitz amüsiert erzählt. „Unsere Laufbahn hat bei der Funkengarde angefangen. Wir haben da getanzt und Spaß gehabt“, sagt Kreitz. Es folgten Posten als Kommandant, man wurde Geschäftsführer, gehörte dem Vorstand der KG an und war plötzlich Präsident der weit und breit erfolgreichsten Sitzungen.

Für die benötigt man dann auch vor allem Durchhaltevermögen. Sechs Stunden dauert eine Damensitzung. Das bedeutet höchste Konzentration, damit einem kein Fehler unterläuft. Und: „Wir sitzen da ja nicht am Präsidententisch bei einem Gläschen Wein, sondern wir machen mit. Sechs Stunden schunkeln und klatschen kann schon ganz schön anstrengend sein“, erzählt Kreitz, der zwei der fünf Damensitzungen und eine Herrensitzung moderiert.

Drei mal sechs Stunden moderieren – das geht dann auch auf die Stimme. Und der Karneval ist für beide damit ja auch nicht vorbei, es folgen die Kindersitzung, Auftritte mit der Funkengarde und ein Auftritt bei der Sitzung der Malteser für Behinderte und Senioren.

Barkhoff und Kreitz sind natürlich auch Stolz darauf, dass die kleine Vettweißer KG Veranstaltungen wie die Damensitzungen stemmen kann. „Alles, was im Karneval Rang und Namen hat, war schon bei uns zu Gast. Unser Publikum ist sehr anspruchsvoll. Unsere Vorgänger hatten vor 40 Jahren die Weitsicht, Kräfte aus Köln zu holen, die man sonst eigentlich nur aus dem Fernsehen kannte“, erinnert sich Barkhoff. Am Freitag sind es eher die Künstler, die vor einem Auftritt in der „Hölle von Vettweiß“ aufgeregt sind.

„Als Kasalla zum ersten Mal bei uns war, hatten die Musiker richtig Muffensausen.“ Kein Wunder, wenn man in einem Zelt mit 1750 feiernden Frauen mitten durchs Publikum auf die Bühne marschieren muss. So, sagt Kreitz, sei vor Jahren auch der Name „Hölle von Vettweiß“ entstanden. „Der kommt ja nicht von uns, sondern von den Künstlern“, sagt Kreitz.

Die wissen: Wer in Vettweiß auftreten kann, hat es geschafft. Da klingt auch ein bisschen Ehrfurcht bei den Künstlern durch. Nicht zu Unrecht. Immerhin gibt es auch Beispiele, wo es gründlich schief gegangen ist. Zum Beispiel bei dem Büttenredner, der gut beim Publikum ankam und glaubte, im zweiten Jahr die gleiche Büttenrede halten zu können.

Oder bei dem TV-bekannten Comedian, der mit dem Witz punkten wollte, dass nachmittags um Drei ja nur Arbeitslose und Hartz IV-Empfänger im Publikum sitzen könnten. Das Gelächter blieb aus, und Hans-Gerd Barkhoff ärgert sich bis heute darüber, dass er selbst sprachlos war: „Den hätte ich damals von der Bühne schmeißen müssen.“

Donnerstagabend im Festzelt. Kurz vor der Generalprobe. Die Techniker prüfen die Anlage, Schweinwerferstrahlen werden durch den Raum geschickt. Udo Kreitz erzählt nebenbei etwas, das deutlich macht, mit wie viel Herz und Freude sie an ihre Aufgabe herangehen: „Wir haben am Elferratstisch immer ein paar Blumensträuße liegen, falls wir jemanden Ehren müssen, zum Beispiel, wenn eine der Frauen an dem Tag Geburtstag hat.“ Kein Wunder, dass die sich in Vettweiß wohl fühlen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert