Hilfe für Jugendliche im virtuellen Sprechzimmer

Von: Sarah Maria Berners
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Beratung, die mit der Zeit geht: Gabriele Borchers berät Jugendliche im Portal www.bke-jugendberatung.de Foto: Sarah Maria Berners

Düren. Wenn es um die Beratung von Jugendlichen geht, hat man automatisch das Bild von einem Erwachsenen im Kopf, der einem Jugendlichen gegenübersitzt, ihn anschaut, zuhört, spricht. Wenn Gabriele Borchers Jugendliche berät, sitzt sie am Rechner, hat die Hände an der Tastatur und den Blick auf den Monitor gerichtet, ihr virtuelles Sprechzimmer.

Sie schreibt lange E-Mails und kurze Chat-Einträge. Die Welt ist multimedial geworden – und die Beratung geht diesen Weg mit.

Während die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die das psychologische Beratungszentrum der evangelischen Gemeinde aufsuchen, aus dem Dürener Raum kommen, kommen die Ratsuchenden im Internet aus ganz Deutschland. Online finden sie seit elf Jahren auf www.bke-jugendberatung.de Ansprechpartner. 86 Psychologen und Sozialarbeiter sind dort für sie da.

Eine davon ist Gabriele Borchers. „Es gibt Beratung per E-Mail, Chats mit einzelnen Personen und moderierte Gesprächsrunden in offenen oder themenbezogenen Gruppen, es gibt Sprechstunden“, erklärt die Beraterin. Die Angebote in der virtuellen Welt sind vergleichbar mit Einzelberatung und Selbsthilfegruppen. Und auch die Probleme, die besprochen werden, sind gleich. „Häufig sind Magersucht und Selbstverletzungen Thema, der Stress mit sich selbst“, sagt Gabriele Borchers. Eltern würden sich wegen Erziehungsschwierigkeiten melden.

Der große Unterschied zum klassischen Angebot: Die Beratung im Internet ist anonym. „Das senkt die Hemmschwelle“, weiß Gabriele Borchers. Die Anonymität helfe manchem, sich schneller zu öffnen, schneller den Kern des Problems anzusprechen. Manchen tue es gut, sich die Sorgen auch nachts von der Seele zu schreiben – eine Antwort gibt es innerhalb von 48 Stunden. „Die Wirksamkeit der Online-Beratung wird von Studien belegt“, sagt Kurt Pelzer, der Leiter des Beratungszentrums. Für ihn und seine Kollegin ist diese Form eine gute zusätzliche Form, die reale Beratung aber nicht ersetzen könne. Viele Jugendliche würden beide Formen kombinieren. Ein Nachteil der Anonymität liegt darin, dass Jugendliche, die keine Lust mehr haben, einfach wegbleiben und wegen er Anonymität für die Berater nicht mehr erreichbar sind.

Die E-Mail-Beratung nutzen die Teilnehmer über längere Zeiträume, während Chats abgeschlossene Gespräche sind. 3000 solcher Einzelchats wurden in 2012 geführt, per Mail suchten 4200 Personen Beratung. Etwa 80 Prozent der Ratsuchenden sind Mädchen.

Für die Berater bedeutet die Online-Arbeit eine Umstellung. „Für die ersten Antworten per E-Mail muss man viel Zeit einplanen“, erzählt Borchers, denn mit Bausteinen wird nicht gearbeitet. Trotz Virtualität müssten Antworten individuell sein. Die Berater müssen auch lernen, Stimmungen zwischen den Zeilen zu lesen. Gestik, Mimik und Körperhaltung können nicht als Anhaltspunkte dienen. „Die Aufregung einer Person lässt sich zum Beispiel an der Anzahl von Rechtschreibfehlern erkennen“, weiß Borchers. Und manchmal verrät den Beratern auch der Nutzername etwas. Wer sich „hopeless“ („hoffnungslos“) nennt, verrät damit auch etwas über sein Innerstes und bietet den Beratern einen ersten Ansatzpunkt für das Gespräch.

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